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Die Tür zum Treff in der Alten Schule in Elze steht offen, zeigt Gisela Bethge.

Die Tür zum Treff in der Alten Schule in Elze steht offen, zeigt Gisela Bethge.© Kallenbach

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Wedemark

Die Lotsen sind jede Woche zur Stelle

Das Interesse an der Integrationsarbeit mit Flüchtlingen scheint abzunehmen. Die derzeitigen Ehrenamtlichen und die Gemeinde Wedemark möchten den Kreis derer, die sich dazu qualifizieren lassen wollen, wieder vergrößern.

Wedemark. Dringend suchen die Gemeinde Wedemark und die derzeit schon Aktiven in der Flüchtlingsbetreuung weitere Unterstützung von Interessierten, die sich zu Integrationslotsen fortbilden lassen möchten. Interessierte können sich bei Daniel Diedrich im Mehrgenerationenhaus (MGH) in Mellendorf melden. Dort werden die Anfragen zum nächsten Kursangebot gesammelt. Erst wenn ausreichend viele Interessenten zusammenkommen, kann ein neuer Kurs eingerichtet werden. Die Volkshochschule Wedemark in Bissendorf bietet die Schulung gemeinsam mit Burgwedel an. 15 bis 20 Teilnehmer müssten sich dafür zusammenfinden.

Integrationslotsen arbeiten ehrenamtlich; Geld für Auslagen erhalten sie nach Auskunft der zurzeit Aktiven nicht. Feste Gruppen wie der Integrationstreff in der Alten Schule in Elze werden aber von der Gemeinde Wedemark mit notwendigem Unterrichtsmaterial sowie mit Kaffee und Keksen versorgt.

Als die ersten Flüchtlinge 2015 in die Wedemark kamen, wurde unter Leitung der Gemeindeverwaltung der Runde Tisch für Flüchtlinge eingerichtet. Unter diesem Dach kamen zunächst etwa alle zwei Monate circa 50 Interessierte zusammen. Aus Gründen des Datenschutzes durfte die Kommune keine Namen oder Adressen von geflüchteten Familien herausgeben; so waren die Ehrenamtlichen in der Betreuungsarbeit auf eigene Kontakte, Aktivitäten und Netzwerkarbeit angewiesen. Im September 2015 veranstalteten die Akteure das erste Fest der Kulturen in Mellendorf.

Im Februar/März 2016 boten dann Gemeinde und VHS eine Schulung für Integrationslotsen an; fünf Teilnehmerinnen aus diesem Kurs eröffneten im April 2016 den Integrationstreff Elze; die Räume dafür stellte die Gemeinde in der Alten Schule in der Poststraße bereit. In  Bissendorf und Resse, arbeiten weitere Integrationshelfer. Aus der Anfangszeit mit 20 Teilnehmern sind noch neun aktiv.

Zum Konzept des Treffs in der Alten Schule gehört, dass die Hilfesuchenden die Angebote in den Räumen wahrnehmen – und nicht die Ehrenamtlichen sie in den Familien aufsuchen. Innerhalb der drei Stunden am Nachmittag wird auch eine Stunde Deutsch unterrichtet. Das Angebot steht offen für Familien und alle Altersgruppen; Kinder werden bei Spielen betreut.

Info: Ansprechpartner in der Gemeinde für Integrationslotsen ist Daniel Diedrich, per E-Mail an daniel.diedrich@wedemark.de. Er ist im Mehrgenerationenhaus, Gilborn 6, auch persönlich anzusprechen. Der Integrationstreff in Elze steht dienstags von 14.30 bis 17.30 Uhr für jedermann offen. Gisela Bethge beantwortet weitere Fragen unter (0173) 7817408.

Werben für die großen Aufgaben

Über zwei Jahre betreuen Gisela Bethge und Helga Tänzer als ehrenamtliche Integrationslotsinnen die Familien Geflüchteter in der Wedemark, und sie ziehen insgesamt ein positives Fazit der gemeinsamen Arbeit im Team.

„Ich will auch ein wenig werben für die Bedeutung unserer Aufgaben“, sagt Bethge ehrlich. „Wir Ehrenamtlichen stoßen bei der Fülle der Problemstellungen nun immer öfter an die Grenzen der Belastbarkeit. Weitere Unterstützung, welcher Art auch immer, ist uns daher stets willkommen.“ Sie will dabei nicht verschweigen, dass es auch kritische Anmerkungen zu machen gilt. „Insbesondere spüre auch ich im Alltag konkret den allgemein negativen Stimmungswechsel in unserer Gesellschaft zum Thema Flüchtlinge“, merkt Bethge an. Obgleich die Zahlen im Vergleich zum Jahr 2015 stark zurückgegangen seien. „Da werden häufig bewusst Ängste in der Gesellschaft geschürt, um die eigenen Interessen zu verfolgen“, beobachtet Bethge. „Diese Gegensätze werden für mich besonders deutlich, wenn ich diesen äußeren Blick auf die Flüchtlinge meinen eigenen Erfahrungen mit den Schutz suchenden Menschen gegenüberstelle. Wichtig ist, dass man sich kennenlernt und bereit ist auch auf andere zuzugehen. Dabei klärt sich so manches Vorurteil schnell auf.“

Im Integrations-Treff in Elze sind aktuell sieben ehrenamtlich engagierte Integrationslosten tätig; einmal in der Woche bieten sie einen festen Treffpunkt für ihre Gäste, die Flüchtlinge. „Die dort zu Tage tretenden Problembaustellen werden vom Integrations-Team möglichst unbürokratisch und in enger Abstimmung mit den zuständigen Institutionen bearbeitet“, berichtet Bethge. Dabei gehe es stets um Hilfe zur Selbsthilfe, damit für die Betroffenen eine möglichst schnelle und eigenverantwortliche Eingliederung in unsere Gesellschaft möglich werde.

Die deutsche Sprache ist die Integrationsschwelle Nummer eins. Aber neben dem Deutschunterricht leisten die Lotsen den Geflüchteten zahlreiche Hilfestellungen im Alltag. Das sind Arztbesuche oder Kontakte zur Ausbildungsförderung. „Viele der Zuwanderer sind inzwischen im Leistungsverhältnis beim Jobcenter und auch schon in Arbeitsstellen untergebracht“, verdeutlicht Bethge. So habe das Integrationslotsen-Programm schnell ein relativ großes Betreuungsspektrum angenommen. Haupthürden seien jedoch nach wie vor Fragen, wie offizielle Behördenschreiben zu verstehen sind, an wen sich der Betroffene wenden kann, und welche Schritte einzuleiten sind.

Insbesondere die Unterstützung bei der Ausbildungsförderung der oft noch jungen Besucher im Elzer Treff, erscheint dem Team dort wichtig. „Nur wer eine Lebensperspektive hat, kann auch den Willen entwickeln, sich bei uns dauerhaft gut zu integrieren“, betont Bethge. Daher helfe sie auch bei schulischen Fragen wie Ein- und Umschulungen, Eltern-Lehrer-Gesprächen und bei der Nachhilfevermittlung.

Arbeitseinstieg soll 2018 Vorrang haben

„In fast 2 Jahren Begleitung dieser Familien und Einzelpersonen aus Afghanistan, Syrien, Tschetschenien oder Kosovo stellen sich auch Probleme aller Aufenthaltsstatus-Qualitäten. Anbindungen an Rechtshilfe ist für viele die letzte Hoffnung für eine Verweildauer in Deutschland“, berichtet Helga Tänzer. „Wir sind Vermittler und auch Begleiter bei den Leistungsträgern wie Gemeinde oder Jobcenter, korrespondieren mit Anwaltskanzleien, sprechen mit Wohnungsvermietern, Firmenchefs für Praktika und Arbeitsplätze. Unterstützen bei der Arztwahl, Termineinholung und Umsetzung der Therapieausführung. Auch Gespräche in Kindergarten und Schule werden bei Bedarf von uns begleitet. Oft müssen wir uns erst auf die Suche nach möglichen Wegen innerhalb einer sich ändernden Gesetzgebung machen.“

Für dieses Jahr haben sich diese Integrationslotsen besonders die Hilfe in den Arbeitseinstieg vorgenommen. Die Sprachbarriere ist für viele der Hinzugezogenen trotz der Deutschkurse noch ein großes Hindernis. Dabei müsse gerade für Lehrberufe mit dualem Ausbildungsweg mindestens das Sprachniveau von B1 erreicht sein, um in den Berufsbildenden Schulen den Stoff zu verstehen.

Die nach der Schulung noch aktiven Integrationslotsen sind über E-Mails miteinander vernetzt und treffen sich einmal im Quartal, zeitweilig gemeinsam mit Mitarbeitern der Stabsstelle Migration der Gemeinde Wedemark. Der Austausch ist allen Seiten wichtig. Eine Herausforderung, der sich jeder der Akteure stellen muss, nennt Tänzer offen: „Der Umgang mit Ämtern und Behörden bringt auch unerwünschte Reibungsflächen mit sich“.

Bei der Wohnungssuche ziehen Gemeinde und Lotsen an einem Strang. „Große Wohnungen werden vermehrt gesucht, weil Familien aus den zuerst zugewiesenen Wohnungen ausziehen möchten“, verdeutlicht Tänzer. Bei Kostenübernahme der Miete und Nebenkosten durch das Jobcenter sei auf jeden Fall die Mietzahlung gesichert. Bei den Formalitäten seien die Lotsen behilflich. Auch die Nachbarn könnten etwas tun, wünscht sich Tänzer. „Sie können offen sein für das Fremdländische. Im Alltag kann jeder auch ein Gespräch mit Schutzsuchenden führen, ob beim Einkauf, an der Bushaltestelle oder in der Nachbarschaft.“


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Die Wedemark ist ...

  • ... eine Gemeinde im Norden der Region mit 16 Ortsteilen und 29.000 Einwohnern.
  • ... für Ortsunkundige verwirrend, weil es keine Ortschaft namens Wedemark gibt. Verwaltungssitz ist Mellendorf.
  • ... eine der reichsten Gemeinden Niedersachsens, wenn man das Pro-Kopf-Einkommen der Bürger betrachtet.
  • ... Gründungsort des ESC Wedemark, der 2010 als Hannover Scorpions deutscher Eishockeymeister wurde.
  • ... Sitz des Audiotechnik-Herstellers Sennheiser.
  • ... 6x pro Woche Thema in der Nordhannoverschen Zeitung, die als Heimatzeitung in der Wedemark der Neuen Presse beiliegt. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.