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Der Kreuzungsbereich der Wedemarkstraße mit den Gleisen in Mellendorf wird auch von der Polizei als Problemfall angesehen.

Der Kreuzungsbereich der Wedemarkstraße mit den Gleisen in Mellendorf wird auch von der Polizei als Problemfall angesehen.© Sven Warnecke

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Wedemark

Verkehrskonzept sieht noch keine Lösungen vor

Ein Verkehrskonzept Wedemark beschäftigt derzeit die Kommunalpolitiker. Ihre speziellen örtlichen Verkehrsströme und Staus bestmöglich zu regulieren – das versucht die Gemeinde gemeinsam mit einem beauftragten Ingenieurbüro aus Hannover.

Wedemark. Ein vielfach gefordertes Verkehrskonzept für die Wedemark beschäftigt derzeit die Kommunalpolitik. Dazu hat die Gemeinde ein externen Ingenieurbüro aus Hannover engagiert. Ungewöhnlich war jetzt bei einer ersten Präsentation: Ohne ein Papier, auf das sie vorab hätten schauen können, mussten die Kommunalpolitiker in das dicke Problempaket Verkehr einsteigen. In der Vorstellung vermittelten Projektleiterin Gabriela Fröhlich und Geschäftsführer Jörn Jansen dem Ratsausschuss Planen, Bauen und Umweltschutz jetzt, was ihr Büro „SHP Ingenieure“ der Gemeinde Anfang des nächsten Jahres in einer noch größeren Endfassung nachreichen will.

„Es ist doch relativ umfangreich geworden“, entschuldigte Jansen im Bürgersaal in Bissendorf den Umstand. Auch sei „Verkehrskonzept“ nicht das Thema, schickte er voraus. Sondern: verkehrliche Situationen, Probleme, Mängel, Handlungsbedarfe. Es sei kein fertiges Planwerk, aus dem sich Baumaßnahmen ableiten ließen, betonte er vor Politikern und Zuhörern in der öffentlichen Sitzung im Bürgerhaus am Dienstagabend. „Wir haben gelieferte Themen durch den Blick von außen erweitert“, beschrieb Jansen das Herangehen seines Büros.

Der Vorlauf sind auch leidvolle Erfahrungen

Das reichliche Material an Themen und Dauerproblemen hatte neben der Verwaltung ein öffentlicher Workshop zur Erarbeitung einer Verkehrskonzeption am 22. August im Bürgerhaus beigetragen, den das Büro begleitete. Aber Politik, Verwaltung und die Wedemärker selbst teilen auch einen teils jahrzehntelangen Vorlauf – aus leidvoller Erfahrung und aus ungezählten Diskussionen in politischen Gremien und Bürgerinitiativen. Das Stichwort Verkehrskonzept für die Wedemark brachte schließlich 2016 der FDP-Ratsherr Erik van der Vorm in einem Ratsantrag auf den Tisch und insistiert seither auf Lösungen.

So konnten auch die Besucher in der jüngsten Sitzung die bekannten kritischen Punkte sofort zitieren: Schwerlastverkehr, zu lange Schrankenschließzeiten, Rückstaus, zu schneller Verkehr an Ortseingängen und im Ort, Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer, Landesstraßen als Umleitungsstrecken für Autobahnen sowie Umgehungsstraßen.

Die Verkehrsfachleute aus Hannover nun sortierten die Lage für die Zukunft anders. Zum Erstaunen der Kommunalpolitiker stellte das Ingenieurbüro den Radverkehr in den Mittelpunkt und nannte dieses Leitbild „die erste Ansage“ für die Wedemark. „Für uns ist der Radverkehr ortsteilübergreifend Schwerpunkt –  eigentlich das Thema“, betonte Jansen. Da gebe es viele Defizite. „In zehn Jahren“, prognostizierte der Geschäftsführer, "wird jedes zweite Fahrrad ein E-Bike oder Pedelec sein.“ Das Rad müsse auf die Straße. Notwendig und bewährt sei eine Umgestaltung von Straßen zu Begegnungszonen, zeigte die Projektleiterin an Beispielen. „Zebrastreifen“ würden entfallen, der Autoverkehr regele sich dort anders.

Tabellen, Karten und benannte Handlungsbedarfe in drei Dringlichkeitsstufen sowohl zu den großen Themen wie eine Übersicht zu lokalisierten Problempunkten in den Orten wird die Kommune mit der Endfassung an die Hand bekommen; was verwirklicht werden soll, sei dann in der Wedemark eine verkehrspolitische Diskussion, betonte Jansen.

Erste Ansätze wurden aus dem Ausschuss heraus gleich diskutiert und erläutert. Zweifelhafte Lösungen, gab das Büro zu bedenken, seien Umgehungsstraßen: riesige Kosten, viel Flächenverbrauch, und im übrigen seien 75 Prozent des Verkehrsaufkommens örtlich gemacht und nur 25 Prozent Durchfahraufkommen. Zudem entstehe das Problem der Einbindung vorhandener Ortsteile und Straßen.

Zu den nachgewiesen langen Schrankenschließzeiten sei eine große Lösung die Unterführung von Bahn oder Straße. Auch dazu zeigten die Fachleute Beispiele mit Rampen, bewerteten es aber ebenfalls als ein kostspieliges Thema. Eine Option: Mit der Bahn zu verhandeln, ob bei der Sicherungstechnik für die Schließzeiten noch etwas herauszuholen sei. Vielleicht hätte dies große Effekte bei geringerem Aufwand, schlug der Geschäftsführer vor. Allerdings: „Da hat man viele Partner, die an einem Strang ziehen müssten.“

Kreisverkehre einzuführen, zeigte die Projektleiterin etwa für den Ampelbereich in Schlage-Ickhorst oder auch die Kreuzungssituation Burgwedeler Straße/Kuhstraße in Bissendorf als Möglichkeit auf.

Reaktionen: Schock bis Wunsch nach Weitblick

Im Ausschuss und von Zuhörern infrage gestellt wurde mehrfach die von dem Büro verwendete Datenbasis aus Verkehrszählungen vor zehn Jahren; dazu gefordert wurde, es müsse unbedingt nach Autos und Schwerlastern aufgeschlüsselt werden. Doch auch dazu stellte das Büro im Gegenzug die Kostenfrage, sollten nachträglich aktuelle Verkehrszählungen aus dem Gemeindegebiet erhoben werden.

Radfahrer so in den Fokus zu stellen, habe ihn anfänglich geschockt, wandte Ausschussmitglied Erik van der Vorm ein. Gegen die Tendenz führte er erneut die Problematik der vielen Kreis- und Landesstraßen in der Wedemark sowie der Autobahnumleitungsstrecken an. Er bestehe darauf: „Wie kriege ich den Verkehr schnell raus?“ und forderte erneut eine Autobahnauffahrt in Bissendorf-Wietze.

Für die Wedemärker Grünen begrüßte im Ausschuss Wilhelm Lucka die Positionierung des Ingenieurbüros zugunsten des Radverkehrs als positiv; dies sei ein „wirklicher Beitrag zur Vermeidung von Autoverkehr“.

„Nicht jede Bordsteinkante anzusprechen“, hatte die Ausschussvorsitzende Susanne Brakelmann gebeten, als sie die Sitzung zeitweise für Fragen der vielen Zuhörer im Ratssaal öffnete. Und diese äußerten sich durchaus weitsichtig. Er vermisse ein Gesamtmobilitätskonzept für die künftige Wedemark, äußerte ein Zuhörer. Vielleicht sei dies dem Auftraggeber Gemeinde geschuldet, nicht dem Büro. Der Blick sei außerdem zu sehr auf Autoverkehr gerichtet; man müsse mehr Bausteine ansehen, aber auch die Gemeinde innerhalb der Region samt Nahverkehr. „Dies war ein erster Schritt, aber das reicht nicht aus“, bewertete er die Arbeit.

Andere Kommentare: „Wir müssen umdenken, Bürger und Politiker, und den Verkehr nicht flüssiger, sondern ruhiger gestalten“, „Wir müssen fragen: Wie kriegen wir Verkehr nicht schneller, sondern raus?“. Einen stärkeren Blick auf die ganze Wedemark wünschte sich eine weitere Zuhörerin, und dabei das Thema des Schwerlastverkehrs noch einmal zu beleuchten.

Als wichtiger Beteiligter lenkte der Leiter des Polizeikommissariats, Klaus Waschkewitz, den Blick besonders auf die unfallträchtige Verkehrssituation vor dem Bahnübergang in Mellendorf mit ihren zahlreichen Straßeneinmündungen, Ein- und Ausfahrten, Parkplätzen und Fußgängerüberweg. Seit Anfang des Jahres habe die Polizei dort häufiger kontrolliert und bis zu 100 Verstößen auf der Wedemarkstraße geahndet. Es sei ein Wunder, dass es dort „noch nicht zu schwersten Unfällen gekommen ist“. Doch auch der Polizeichef äußerte, er vermisse in den Überlegungen eine Perspektive zum Thema Verkehr. „Der Individualverkehr wird zunehmen“, betonte er und verwies auf mehr Wohn- und Gewerbeflächen. „Umso mehr muss sich die Gemeinde Gedanken machen.“


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Die Wedemark ist ...

  • ... eine Gemeinde im Norden der Region mit 16 Ortsteilen und 29.000 Einwohnern.
  • ... für Ortsunkundige verwirrend, weil es keine Ortschaft namens Wedemark gibt. Verwaltungssitz ist Mellendorf.
  • ... eine der reichsten Gemeinden Niedersachsens, wenn man das Pro-Kopf-Einkommen der Bürger betrachtet.
  • ... Gründungsort des ESC Wedemark, der 2010 als Hannover Scorpions deutscher Eishockeymeister wurde.
  • ... Sitz des Audiotechnik-Herstellers Sennheiser.
  • ... 6x pro Woche Thema in der Nordhannoverschen Zeitung, die als Heimatzeitung in der Wedemark der Neuen Presse beiliegt. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.