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Nachrichten Weidmannsheil hinter Mauern, Blutspur im Schnee
Region Springe Nachrichten Weidmannsheil hinter Mauern, Blutspur im Schnee
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Im Saupark Springe wird wieder zur Jagd geblasen. Quelle: Frank Wilde

Wo einst Kaiser und Könige ihre Jagdgäste empfingen, begrüßt an diesem Dezembertag der niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen die geladene Schar der Schützen, Treiber, Hundeführer und Jagdhornbläser. Der Minister spricht von Tradition, Geselligkeit und der Möglichkeit, verdienten Mitbürgern mit der Einladung zur Gästejagd im landeseigenen Saupark Danke zu sagen. „Weidmannsheil!“

Dabei ist der oberste Jagdherr selbst kein Jäger. Ehlen tritt im dunklen Wintermantel vor die Grünberockten und bezeichnet sich als „oberster Treiber in Niedersachsen“. Doch anstatt sich unter die Treiber zu mischen, die in den nächsten Stunden in den hügeligen Deisterwäldern hinter der 16 Kilometer langen Mauer das Wild aufscheuchen, kehrt Ehlen zurück nach Hannover und widmet sich Regierungsgeschäften. Die Jagdleitung übernimmt sein Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke, der einen gefleckten Anorak in leuchtendem Orange trägt – aus Sicherheitsgründen.

In der Nachfolge der Könige hatten in der Vergangenheit noch die Ministerpräsidenten die Jagd persönlich angeführt. Doch mit der Abwahl des passionierten Weidmannes Ernst Albrecht war es damit vorbei. Nachfolger Gerhard Schröder – ein Nichtjäger – blieb dem Treiben fern und stufte es von der Staats- zur Gästejagd herab. Rund 50 Waidmänner aus Wirtschaft, Politik und Verbänden hat Minister Ehlen diesmal eingeladen. Mittlerweile müssen die Jäger sogar das Essen selbst bezahlen. Dabei ist es nicht nur das reinste Vergnügen, auf einem der zugeteilten Ansitze stundenlang auf wilde Schweine zu warten.

Es ist kalt, eine dünne Schneedecke liegt über den Wegen. Doch das hat auch Vorteile. Im Schnee zeichnen sich die Fährten der unterschiedlichen Wildtiere ab, das gefrorene Laub raschelt, wenn sie sich nähern. Gert Hahne spitzt die Ohren auf seinem „Bock“. Doch lange Zeit hat der Hobbyjäger und Pressesprecher des Ministers keinen Grund, seine Sauer 202 in Stellung zu bringen. Durch den Buchenwald schallt das Bellen der Hunde, die Hetzrufe der Treiber: „Hossa, hossa, hossa, ho, ho, ho ...“ Hin und wieder sind Schüsse zu hören.

Hahne weiß auch die nicht so eindeutigen Laute zu deuten. „Da treibt ein Hund ein Stück Wild vor sich her“, erläutert der Ministerialbeamte flüsternd, als das Bellen eines Terriers immer aufgeregter wird. Leider aber treibt der vierbeinige Jagdhelfer, der wie die anderen Hunde eine rote Weste trägt, das Wild nicht auf Hahnes Ansitz zu.

Dann aber wird es ernst. Es raschelt und knackt im Unterholz, Hahne schnappt sich sein Gewehr, richtet es auf eine Waldschneise. Plötzlich wird die Rotte sichtbar: Mehrere Bachen, begleitet von 20, 30 Frischlingen ziehen am Hochsitz vorbei – zum Leidwesen des Jägers aber so dicht hintereinander, dass er nicht auf ein Tier schießen kann, ohne das nachfolgende möglicherweise zu verletzen. So lässt Hahne die Gelegenheit an sich vorbeiziehen und wartet auf eine neue.

Er muss nicht lange warten. Ein Teil der Rotte kehrt zurück. Jetzt sind die Abstände zwischen den Tieren größer. Hahne nimmt eines der Frischlinge ins Visier, drückt ab. Getroffen. Das Tier stürzt, strampelt, quiekt. Ein zweiter Schuss – diesmal direkt in den Kopf – beendet den Todeskampf. Mit diesem Treffer scheint der Bann gebrochen. Schon kurze Zeit später zeigt sich eine Bache mit einem einzelnen Frischling. Diesmal reicht ein einziger Schuss.

Da eine Bache pro Jahr fünf bis zehn Junge zur Welt bringt und eine Überzahl großen Schaden anrichten kann, hat die Jagd auf Frischlinge Priorität. Doch die, für die Aufzucht entbehrlichen Muttertiere sind ebenso zum Abschuss freigegeben. Der Ministerialbeamte nutzt auch diese Möglichkeit. Wieder raschelt es, wieder zieht grunzend eine Rotte vorbei, und diesmal schießt Hahne auf eine junge Bache. Das Tier schreit auf, „klagt“, wie es in der Jägersprache heißt, setzt aber seinen Weg fort. Ein zweiter Schuss. Doch die Kugel landet in einem Baumstamm, und die Sau verschwindet im Unterholz – vermutlich tödlich verwundet.

Erst in der sogenannten Bergepause ist es erlaubt, der Sache auf den Grund zu gehen. Eine Blutspur im Schnee. Wie weit hat sich das verletzte Tier noch geschleppt? Notfalls muss dies mithilfe eines Schweißhundes bei der Nachsuche geklärt werden. Nach dem Ende der Jagd aber findet der Schütze die tote Bache doch noch – bereits 50 Meter hinter der „Anschussstelle“.
Nachdem Hahne drei Frischlinge und zwei Bachen erlegt hat, verzichtet er darauf, weitere Tiere „totzuschießen“, wie er sagt. Auch einen Keiler, der sich nahe an den Ansitz heranwagt, lässt er leben.

Am Ende der Gästejagd sind insgesamt 184 Tiere auf der Strecke geblieben: 155 Wildschweine, 18 Stück Damwild, ein Widder, sieben Rehe und drei Füchse. Ein Rekordergebnis.

Die frühere CDU-Landtagsabgeordnete Anne Zachow – eine der wenigen Frauen – ist stolz, den ersten Frischling ihres Lebens geschossen zu haben. Erst vor einem halben Jahr habe sie ihren Jagdschein gemacht, erzählt die 61-Jährige, ein „Jugendtraum“ sei das gewesen. Und jetzt in den letzten fünf Minuten der Jagd einen Frischling! Ob sie Hemmungen hatte? „Ich weiß, dass Schweine reduziert werden müssen“, sagt die gelernte Apothekerin.

So feierlich die Jagd begann, wird sie auch beendet. Hinterm Jagdschloss ist im Fackelschein ein repräsentativer Teil der Strecke ausgelegt (der Großteil hängt bereits ausgeschlachtet am Haken), während die Jagdhornbläser wieder ins Horn stoßen: „Sau tot, Reh tot, Fuchs tot ...“ Jede Wildart wird mit einem eigenen Signal in die ewigen Jagdgründe verabschiedet.

Trotz solcher Ehrbezeugung für die erlegte Kreatur war die Gästejagd als Jagd im ummauerten Gehege immer wieder scharfer Kritik ausgesetzt. So sprach Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, von „geschmackloser Lustjagd“. Staatssekretär Ripke, der selbst nicht zum Schuss kam, hält dies für ungerecht. „Mit 1400 Hektar ist der Saupark so groß wie ein Revier“, sagt Ripke. „Außerdem gibt es keine Alternative. Den Wolf, der die Bestände reguliert, haben wir noch nicht.“ Guten Gewissens kürt der Staatssekretär daher beim „Schüsseltreiben“, dem gemeinsamen Abschlussessen, den Jagdkönig. Ein Autoschilderhersteller aus Ahrensburg hat neun Sauen und ein Reh geschossen. Die Jagdgenossen gratulieren mit einem „dreifachen Horrido“.

von Heinrich Thies

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