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Nachrichten Aufklärung verlagert sich immer mehr ins Internet
Region Springe Nachrichten Aufklärung verlagert sich immer mehr ins Internet
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18:57 29.08.2018
Dr. Heike Melzer hat in ihrem Buch auch einige Szenen aus Springe und Altenhagen I aufgegriffen. Quelle: FOTO
Springe/Altenhagen I

Man muss keinen festen Partner haben, um Sex zu haben – das ist nur eine Entwicklung, die die Neurologin und Psychotherapeutin Dr. Heike Melzer täglich in ihrer Praxis beobachtet. Melzer ist in Altenhagen I aufgewachsen und führt eine Praxis für Paar- und Sexualtherapie in München. Heute erscheint ihr Buch „Scharfstellung – die neue sexuelle Revolution“.

Sexualität mit ihren drei großen Funktionen Fortpflanzung, Bindung (Liebe) und Aufregung (Triebe) unterliege aktuell einem massiven gesellschaftlichen Wandel, sagt Melzer. In der sexuellen Revolution in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren führte die Einführung der Antibabypille und die gesetzliche Straffreiheit von Abtreibung zu einer Entkopplung der Fortpflanzung. „Sex war seitdem angstfrei ohne drohendes Damoklesschwert einer ungewollten Schwangerschaft möglich“, sagt Melzer. „Heute finden unsere Triebe in den digitalen Welten eine Spielwiese ohne Limit.“ Das heißt: Wer sucht, kann Abenteuer und Aufregung heute aus der heimischen Komfortzone aus organisieren.

In ihrem Buch lässt Melzer die Leser an den Erfahrungen aus ihrer Praxis teilhaben. „Natürlich sehe ich bei all den Veränderungen auch die positiven Seiten, die mit der neuen Freiheit einhergehen“, sagt sie. In ihrer Praxis bekäme sie allerdings auch die Schattenseiten der Entwicklung zu sehen. Die Grenzen verbindlicher Partnerschaften weichen auf und Treue ist heute ein neu zu definierender Begriff, der unklarer sei als je zuvor. Sexualität, im Übermaß genossen, könne auch krank machen. Es habe Suchteffekte, die denen von Kokain und Alkohol ähneln.

Aber wie soll man sich im Zeitalter von Dating-Apps positionieren? Wie wird das Leben durch die neuen Freiheiten beeinflusst? Diesen Fragen geht Melzer nach – informativ, ohne zu bewerten, analysiert sie die gesellschaftlichen Veränderungen. „Ich möchte mit meinem Buch nicht nur unterhalten, sondern auch den Blick schärfen, um die Veränderungen im eigenen Umfeld besser zu verstehen und darüber ins Nachdenken zu kommen.“ Ihr Ziel sei es, eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen. „Ein Wake-Up-Call sozusagen.“ Und vielleicht überdenke der eine oder andere Leser sein eigenes Verhalten. Denn die Digitalisierung habe schon Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen: Wurden sie früher in den Schulen aufgeklärt, nutzten sie heute das Internet, um sich zu informieren. „Pornos laufen weit vor dem ersten Kuss in Kinderzimmern und auf dem Pausenhof.“

Melzer versucht, als Autorin nicht anonym zu bleiben, sondern sich selbst als Person immer mal wieder zu zeigen. Und genau diese Passagen spielen zum Teil in Springe, wo sie ihre Schulzeit verbracht hat. Mit dem Thema Prostitution ist sie zum ersten Mal in Berührung gekommen, als sie an der Abfahrt zur Bundesstraße bei Dahle den Wohnwagen gesehen habe, der bis heute noch dort steht. „Dieser Wagen ist mir immer noch in Erinnerung geblieben“, sagt sie. Auch das Sparkassen-Hochhaus in der Bahnhofstraße taucht in dem Buch auf. Dort hat die Altenhägenerin in der neunten Klasse ein Praktikum absolviert. „Ich wurde da ins Archiv gesteckt, ein sehr langweiliger Ort für eine Schülerin“, erinnert sich Melzer. Kurzerhand habe sie eine Karikatur des nackten Napoleons auf den Kopierer gelegt und in die Aktenordner sortiert. „Ich hatte schon den Vertrag als Bankkauffrau unterschrieben, bevor ich davon noch mal zurückgetreten bin und mein Abi gemacht habe“, sagt die 53-Jährige mit einem Lachen. So hoffe sie, dass sie mit ihren kleinen Jugendsünden dem einen oder anderen Mitarbeiter der Sparkasse beim Durchblättern der Akten ein Lächeln auf die Lippen gezaubert habe.

Springe wird im Buch namentlich nicht direkt genannt. Melzer berichtet, wie sie im „ländlichen Norddeutschland“ aufgewachsen ist und ihre Nachmittage in der Natur mit Tieren verbracht hat. Sie schreibt über ihren eigenen Aufklärungsunterricht in der Schule. Denke man an Affären, so seien diese vor allem nach Schützenfesten oder dem Tanz in den Mai aufgetreten. „Von dem Befreiungsschlag der wilden 68er war bei uns im Dorf so überhaupt gar nichts zu spüren und über Sexualität sprach man selten – wenn, dann eher halb im Scherz und mit einem Augenzwinkern dabei. Hätte man in meiner Kindheit Wetten auf meine berufliche Laufbahn abgegeben, wäre die Wettquote, dass ich einmal als Paartherapeutin in München arbeiten werde, exorbitant höher ausgefallen als für eine Karriere als Bankkauffrau in einer der heimischen Sparkassen im Nachbarort.“

Nach der Realschule hat sie ihr Abitur in Hameln gemacht und danach Medizin in Hannover studiert. Dass sie nun ein Buch schreibt, sei eher Zufall gewesen. Sie hat beim Umzug nach München die Wanderschuhe ihres Sohnes im Internet zum Verkauf angeboten – und niemand geringerer als Jo Lendle, Schriftsteller und Chef des Hanser Verlages, hat die Schuhe abgeholt. „Da habe ich die Gelegenheit genutzt und ihm von meiner Idee erzählt.“ Lendle sei neugierig geworden und bat sie, ein Exposé zu schreiben. „Das war der Startschuss.“. Am Ende entschied sich Melzer allerdings doch für den Klett-Cotta-Verlag. „Dort erscheint mein Buch als Spitzentitel.“

Die kommenden Wochen könnten turbulent werden, denn das Buch weckte bereits vor dem Erscheinen viel Interesse. Neben Pressekonferenzen in Hamburg, München, Wien und Zürich haben etwa die Süddeutsche Zeitung, aber auch Welt am Sonntag, Fokus und die Magazine Brigitte und Myself um Interviews gebeten. Zudem war sie im TV in „Titel, Thesen, Temperamente“ zu sehen.

Von Saskia Helmbrecht