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Die Webseite oerie.de wurde über die Jahre immer wieder verändert.

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© oerie.de

Oerie

Kleines Dorf ganz groß – im Internet

Über Oerie, ein Dorf mit nicht einmal 300 Einwohnern, gibt es wohl wenig zu berichten,  oder? Thomas Pohl tritt mit seiner Webseite oerie.de den Gegenbeweis an.

Oerie.  Was gibt es ausgerechnet über Oerie schon groß zu sagen? Es ist offiziell ein Stadtteil von Pattensen, aber in Wirklichkeit ist es bloß ein kleines Dorf im Calenberger Land. Dass in Oerie viel drin steckt, den Beweis tritt seit 2001 Thomas Pohl an. Pohl, Jahrgang 1974, ist – natürlich – in Oerie aufgewachsen und lebt mit seiner vierköpfigen Familie in einem Haus in – Oerie. Und er betreibt die Webseite oerie.de mit viel Geduld und Einfallsreichtum.

Oerie ist wohl für die meisten Regionsbewohner, die auf der Bundesstraße 3 zwischen Hemmingen und Alfeld unterwegs sind, nur eine Abfahrt,an der sie vorbei fahren. Laut den offiziellen Zahlen der Pattenser Stadtverwaltung leben in dem Ort aktuell 271 Menschen. Und dann steht Oerie auch noch immer im Schatten des „großen“ Nachbarn Hüpede (1358 Einwohner), weil es als Doppeldorf immer im gleichen Atemzug genannt wird: Hüpede-Oerie. Es gab dort nie eine Kirche – die steht in Hüpede -, und es gibt in Oerie kein Lebensmittelgeschäft und keine Gaststätte mehr. Was soll man da groß berichten?

Pohl ist technisch interessiert, er ist studierter Ingenieur. Das damals noch neue Internet hat ihn gleich fasziniert. Bevor es jemand anderes tat, hat er sich erstmal die Domain oerie.de gesichert. „Weil einem das Dorf ja am Herzen liegt“, sagt er. Im April 2001 ging die Seite „Im Aufbau“ ins Netz. „Aber was machst du da drauf?“ fragte  er sich.

Da ist dem Webmaster im Laufe der Jahre doch so Einiges eingefallen. Auf der attraktiv aufgemachten Seite finden sich allgemeine Informationen zum Dorf, etwa zur geographischen Lage, zum Landschaftsschutzgebiet oder auch frühgeschichtliche Erkenntnisse inklusive im Museum ausgesellte Funde aus der Bronzezeit. Außerdem findet sich eine ausführliche Abhandlung zur Entstehung des Namens, wobei sich die unterschiedlichen Namensforscher und Hobbyhistoriker keinesfalls einig sind.

Pohl hat auch viele Filme und Fotos zusammengetragen, sogar eine Reihe von Panoramaaufnahmen. Dazu historische Postkarten, die ihren ganz eigenen Reiz entfalten. Ein Merkmal des Dorfes sind die prächtigen Bauernhöfe mit ihren historischen Gebäuden und Mauern. Darunter ist auch der Hake/Eicke- Hof, der mit seinem außergewöhnlichen Turm zur B3 hinüber grüßt. Zu den von Pohl gesammelten Fotos gehört eine Anfang der 1980-er Jahre von dem inzwischen verstorbenen Rudolph Knobloch erstellte Dokumentation von Fachwerkbauten in Oerie. Pohl hat sie zu einer interaktiven Karte aufbereitet, bei der der Betrachter sich durch die Ansichten der Höfe klicken kann – Gebäude, die es teilweise gar nicht mehr gibt.

Der Freiwilligen Feuerwehr von Oerie hat Pohl eine besondere Abteilung gewidmet. Dabei lässt sich viel über die Geschichte erfahren, über große Einsätze und auch über die Menschen, die als Ehrenamtliche dahinter stehen. Auch der Beitrag, den die Feuerwehr zum geselligen Leben leistet – mit dem Pfingstfrühschoppen und dem Osterfeuer – wird gewürdigt. Pohl ist keiner, der nur in der Vergangenheit schwelgt. Deshalb findet auf der Webseite auch der Bau des Spielplatzes Erwähnung und der Termin fürs nächste Fest.

Als Administrator achtet Pohl streng darauf, dass durch oerie.de keine Urheberrechte – weder an Bild noch Text – verletzt werden. Doch ist die Urheberschaft geklärt und die Erlaubnis zur Präsentation erteilt, ist es ihm ein Anliegen, dass die Informationen zugänglich sind. „Ich finde es wichtig, dass Informationen geteilt werden“, sagt er. Deshalb ist sein Auftritt kostenfrei und ohne Passwort erreichbar. Wer noch Fotos oder Informationen über Oerie, das kleine Dorf im Zentrum der großen Welt, beizutragen hat, kann sich unter pohlt@web.de melden.

Kriegsdrama von 1944 bringt Menschen zusammen

Sein erstes Thema, das ihn auch heute noch beschäftigt, fand Thomas Pohl im Wortsinne zu Hause. Es war der amerikanische Bomber vom Typ B-24, den die Besatzung „Ark Angel“ nannte und der am 26. November 1944 eine Industrieanlage in Hannover-Misburg zerstören sollte. Ark Angel wurde von der deutschen Abwehr schwer getroffen und stürzte über einem Acker in Oerie ab. Alle neun Besatzungsmitglieder starben am Unglücksort.

Der Acker gehörte Pohls Großvater mütterlicherseits. Die Großmutter, die an diesem kühlen aber sonnigen Totensonntag  auf dem Weg zum Friedhof war, war eine der erste Augenzeugen an der Absturzstelle. Die toten „Feinde“ wurden auf dem kleinen Oerier Friedhof beigesetzt. Pohls Großvater, der damals Bürgermeister war, bewahrte den genauen Plan über die Lage der Gräber in seinen Akten auf. Die Soldaten wurden nach 1945 in ihre Heimatfriedhöfe oder in Soldatenfriedhöfe umgebettet.

Pohl trug zusammen, was er von seiner Familie über den Absturz wusste und recherchierte im Internet. Zu seiner Überraschung stieß er auf Anfragen und Diskussionsforen von Hinterbliebenen und Veteranen in den USA, die ebenfalls Informationen zum Schicksal der Soldaten suchten. Und er kam in Kontakt zu dem Holländer John Meurs, inzwischen ein Buch über 34 amerikanische Bomber veröffentlicht hat („Not Home for Christmas“), die an diesem 26. November 1944 abgeschossen wurden. Auf oerie.de ist alles rund um die Ark Angel und den Tod ihrer Besatzung in deutscher und englischer Sprache festgehalten.

Wer Thomas Pohl zu seinem doch recht aufwendigen Hobby rund um oerie.de befragt, stellt fest, dass der 43-Jährige seine Rolle ausschließlich als die eines Dokumentars sieht. Wie er es auffasst, sammelt er lediglich die Informationen und stellt sie, durch die Möglichkeiten des Internets, aller Welt zur Verfügung. Dann kann die Welt damit machen, was sie will. Oder auch nicht.

Doch in Wirklichkeit ist Thomas Pohl jemand, der Menschen zusammenbringt und machen von ihnen hilft, mit ihrem Schicksal besser zurecht zu kommen. In den vergangenen Jahren waren mehrere Gäste aus den USA in Oerie. Es waren Angehörige, die wissen wollten, wie und wo ihre Brüder, Väter, Onkel gestorben sind. Die Familie McKee aus dem Süden der USA hat nach dem ersten Besuch, der intensiv von Thomas Pohl begleitet wurde, ein Denkmal auf dem Friedhof in Oerie gestiftet. Dort erinnert seit Mai 2010 ein Findling mit einer Plakette mit deutschem und englischem Text an das Schicksal der Ark Angel und ihrer Besatzung. Das Denkmal wurde von Raymond Otto McKee und von Eddeana Hixson Moore enthüllt. Beide haben ihre Väter nie kennengelernt, die Männer kamen noch vor der Geburt ihrer Kinder auf dem Acker in Oerie ums Leben.

Von Kim Gallop


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Pattensen ist ...

  • ... mit knapp 14.000 Einwohnern die kleinste Stadt in der Region Hannover.
  • ... ehemalige Heimat von Nationalspieler Per Mertesacker.
  • ... mit der Marienburg ein beliebtes Ausflugsziel.
  • ... Standort für ein großes Briefzentrum der Deutschen Post.
  • ... 6x pro Woche Thema in den Leine-Nachrichten, die als Heimatzeitung in Pattensen der Neuen Presse beiliegen. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.