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Region Pattensen Nachrichten „Emotionen machen keine Sachpolitik“
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00:15 31.12.2017
Bürgermeisterin Ramona Schumann blickt auf die politischen Auseinandersetzungen des Jahres zurück und wagt gleichzeitig einen Blick in die Zukunft. Quelle: Foto: Lehmann
Pattensen

Frau Schumann, im Mai 2018 haben Sie die Hälfte Ihrer Amtszeit hinter sich. Was war bisher die größte Herausforderung, die Sie zu bewältigen hatten?

Der Zuzug der Schutzsuchenden im Jahr 2016 war für mich, für die ganze Verwaltung, die Politik und viele ehrenamtlich helfenden Pattenser eine enorme Herausforderung und hat viel Kraft gekostet. Erst jetzt, nachdem es vorbei ist, lässt sich das richtig reflektieren. Wir haben damals alle unter enormem emotionalem und zeitlichem Druck gearbeitet. Es mussten schnelle Entscheidungen getroffen werden. Das war eine Art der Arbeit, für die die gesamte Staatsform in Deutschland gar nicht ausgelegt ist. Normalerweise werden Projekte überlegt entwickelt und angegangen. Wir arbeiten teilweise jetzt noch Sachen auf, die liegen geblieben sind.

Aber letztlich hat die Stadt die Aufgabe gut gemeistert, oder?

Ja, und dafür bin ich allen Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern immer noch sehr dankbar. Das war eine sehr große Leistung. Ohne den Idealismus vieler Beteiligter wäre das nicht möglich gewesen. Gleichzeitig war es ein schönes Gefühl zu sehen, wie eng die Pattenser in dieser Situation zusammen gestanden haben und sich nicht haben beirren lassen. Nun tendiert der Zuzug gen Null. Wir müssen jetzt für eine gute Sprachausbildung sorgen, um eine Arbeits- und Ausbildungsmarktintegration zu bewerkstelligen oder zum Studieren zu befähigen.

Einfach war das Jahr 2017 aber dennoch nicht, oder? Es gab zum Teil sehr hart geführte politische Auseinandersetzungen unter anderem über die Sanierung der Grundschule Pattensen.

Es war nicht einfach und es wird auch künftig nicht einfach. Die Stadt hat weiterhin große Aufgaben vor sich und wird auch noch einige unangenehme Entscheidungen tragen müssen. Alle acht Gerätehäuser der Feuerwehren sind mindestens anpassungs- oder sanierungsbedürftig. In Jeinsen und Vardegötzen sind sie sogar abgängig. Zudem liegt uns jetzt das Straßenzustandskataster vor, dass einen Sanierungsstau von 13 Millionen Euro aufweist. Wir müssen mindestens 500 000 Euro pro Jahr über die nächsten zehn Jahre investieren, um den jetzigen Zustand zu halten – zur Verbesserung schätze ich benötigen wir circa eine Million pro Jahr. Derzeit planen wir mit 250 000 Euro. Die Verhältnisse stimmen einfach nicht mehr. Auch in die kleinen Schulen und Kitas müssen teilweise hohe Summen investiert werden. Daher finde ich es wichtig, dass wir in der Sache diskutieren, und um gute Lösungen ringen, zu denen wir gemeinsam stehen können. Harte Auseinandersetzungen gehören zum politischen Geschäft. Aber ich erwarte einen sachlichen Umgang miteinander. Das habe ich 2017 sehr oft vermisst. Emotionen machen keine Sachpolitik. 

Die Kosten für die Grundschule Pattensen wurden zunächst auf sechs Millionen Euro geschätzt und liegen jetzt bei zwölf Millionen. Zudem hat sich das Projekt immer wieder verschoben. Dürfen die Bürger aufgrund so einer Entwicklung nicht kritische Nachfragen aus der Politik erwarten?

Klar. Unbedingt sogar. Für die Politik sollte schließlich die Aufgabe immer darin bestehen, alle Seiten zu hören. Aber eben nicht nur die lauten, sondern auch die leisen Menschen. Wir müssen mit Augenmaß so entscheiden, dass die Bedürfnisse möglichst vieler Menschen nicht zu kurz kommen. Denn die gewählten Volksvertreter repräsentieren schließlich die gesamte Stadt. Aus meinen Erfahrungen in verschiedenen Gremien des Städtetages kann ich sagen, dass der Investitionsstau nahezu alle Städte und Gemeinden trifft. Bauten im Bestand bergen zudem ein hohes Risiko teurer zu werden, weil es viel zu viele Unwägbarkeiten gibt, die oftmals in der Planung manchmal sogar erst in der Bauausführung sichtbar werden. Ich muss daran erinnern, wir sind immer noch bei indizierten Kosten – erst ein Ausschreibungsverfahren wird den tatsächlich zu leistenden Preis ergeben.

Ist die Kommunikation zwischen Verwaltung und Politik so, wie Sie sich das wünschen?

Ich habe Respekt vor dem Einsatz der ehrenamtlichen Politiker. Sie müssen sich in viele komplexe Themen einarbeiten und sich mit öffentlicher Kritik auseinander setzen. In ihrer Freizeit. Das muss man sich vor Augen führen. Ich wünschte allerdings, dass sich mehr Ratspolitiker den fachlichen Rat aus der Verwaltung holen, bevor sie sich eine abschließende Meinung bilden. Das ist leider nicht immer der Fall. Der Weg in die Öffentlichkeit folgt ja dann auch noch und die darf erwarten, dass der Politiker alle Seiten abgewogen hat. Das fehlt mir mitunter und wir sind damit beschäftigt, entstandene Fehlannahmen aufzuarbeiten. Zumal der Öffentlichkeit so ein Bild von der Stadt vermittelt wird, das diese nicht verdient hat. Pattensen braucht sich nicht zu verstecken. Wir werden immer wieder als Beispielkommune für gelungene Projekte beispielsweise zu unseren Ausschreibungsverfahren, zu funktionalen Konzepten unserer Bauprojekte oder zur Digitalisierung angefragt. 

Wie begegnen Sie den Vorhaltungen, dass die Verwaltung noch nicht kundenorientiert genug arbeitet? Lässt sich die Kommunikation mit Bürgern, Beteiligten oder Betroffenen verbessern?

Die Kommunikation im direkten Kundengespräch wird immer wichtiger. Es ist ein wichtiges Kriterium bei neuen Einstellungen, dass künftige Mitarbeiter die Fähigkeit besitzen, ganzheitliche Zusammenhänge zu verstehen und zu vermitteln. Generell soll die Arbeit in der Verwaltungprozessorientierter werden. Standardisierte Verfahren sollen weniger Zeit einnehmen. Ich kann mir vorstellen, dass die Kitaplatzanmeldung künftig komplett online abgewickelt wird. Das verschafft dann den Mitarbeitern die Zeit, sich um komplexere Angelegenheiten zu kümmern, die persönliche Gespräche mit den Bürgern erforderlich machen. Wir wollen so öffentlich wie möglich arbeiten. Es gibt erste Versuche Verwaltungen in einem Chatverfahren durchgängig erreichbar zu machen, also 24 Stunden am Tag. Das beobachte ich mit großem Interesse.

Entspannt sich denn die Lage auf dem Arbeitsmarkt?

Nein. Es ist weiterhin schwierig Fachpersonal für eine kleine Verwaltung wie in Pattensen zu bekommen. Viele orientieren sich eher nach Stellen in größeren Verwaltungen wie der Region Hannover oder dem Land. Die dortigen Konditionen können wir nicht aufbringen. Wir haben dieses Jahr 500 000 Euro nicht ausgegeben, die für das Personal eingeplant waren, weil wir unbesetzte Stellen haben. Das hat zu einer dauerhaften Überlastung geführt und das schadet allen. Auch deswegen sind diese vorhin genannten Lösungen so enorm wichtig. Und wir bilden selber aus: 2018 werden wir hoffentlich fünf Auszubildende haben.

Was ergeben sich aus dem Personalmangel für Probleme?

Abgesehen davon, dass wir zeitlich und quantitativ immer am Limit arbeiten und die Belastung der Mitarbeiter sehr hoch ist, fehlt uns der Wissenstransfer. Viele aus der Generation der Babyboomer werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen. Deren Wissen muss an jüngere Mitarbeiter vermittelt werden. Das geht jedoch nur, wenn diese Mitarbeiter auch längerfristig bei uns beschäftigt sind. Das ist aktuell nicht der Fall. Befristete Beschäftigte verlassen uns, wenn sie unbefristet unterkommen können. Die Zahl der Ausschreibungen und Besetzungsverfahren hat sich verdreifacht. In der Folge müssen immer neue Einarbeitungsphasen bewältigt werden, die die Abarbeitung belasten. Dennoch arbeiten die Beschäftigten unter diesen Rahmenbedingungen sehr loyal und engagiert und suchen immer nach Lösungen- ich arbeite unglaublich gerne mit der Verwaltung zusammen.

Sie haben angekündigt, dass die Verwaltung sich künftig auch immer wieder auf den Prüfstand stellen und Arbeitsabläufe verschlanken will. Ist eine externe Überprüfung, wie von den Unabhängigen vorgeschlagen, nicht sinnvoller?

Dazu wird die Politik ja noch entscheiden. Ich empfehle Zustimmung. Das steht für mich nicht in Konkurrenz zueinander. Eine einmalige Untersuchung ersetzt nicht die permanente Entwicklung der Verwaltung. So eine Organisation lebt ja. Aufgaben, Menschen, Zusammensetzungen und Rahmenbedingen verändern sich. Wir haben Mitarbeiter extra dafür geschult, intern die Abläufe von Abteilungen zu überprüfen. Das läuft schon. Daraus haben sich auch schon Verbesserungen ergeben. Wenn die Verwaltung von einem externen Unternehmen überprüft werden soll, würde ich nur darauf dringen, dass es ein Dienstleister ist, der sich mit kleinen Kommunen auskennt. Denn die Herausforderungen in kleinen Kommunalverwaltungen sind andere als in größeren Institutionen. 

Gibt es abgesehen von den großen Sanierungen noch andere Projekte, die sie 2018 umsetzen wollen?

Das Jugendparlament einrichten. Daran arbeite ich auch persönlich. Die Diskussion mit dieser Gruppe zur Entwicklung der Stadt insgesamt ist unglaublich spannend. Das betrifft sowohl junge Menschen, die hier zur Schule gehen als auch solche, die es nicht tun. Ich möchte so wenig wie möglich vorgeben. Die Jugendlichen sollen ihre eigenen Vorstellung und Wünsche zur Stadtentwicklung vortragen können. Ich habe einen gemeinsamen Workshop mit den Jugendlichen vorgesehen. Details auch zur künftigen Satzung haben wir bereits gemeinsam besprochen. 

Steht der Zeitpunkt der Wahl schon fest?

Mir schwebt vor, dass alle zwei Jahre innerhalb der ersten drei Monate eines Jahres gewählt wird. Das werden wir 2018 vermutlich nicht schaffen. Doch über Details der Wahlperiode können wir noch sprechen. Ich wünsche mit auf jeden Fall, dass das Jugendparlament 2018 gewählt wird.

Sie sind im Sommer des Jahres offiziell als Standesbeamtin bestellt worden. Haben Sie schon Ehen in Pattensen geschlossen?

Ja, das war etwas ganz Besonderes. Ich habe auf Anfrage schon im Rathaus und auf der Marienburg getraut. Da ich alle meine Reden selbst schreibe, treffe ich mich vorher mit den Paaren und verfasse dann jeweils auch eine individuelle Rede. Die fehlende halbe Stelle im Standesamt darf ich aber nicht ersetzen. Dazu gehören auch noch andere Aufgaben, für die ich nicht ausgebildet bin.

Von Tobias Lehmann

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