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14:16 02.04.2018
Fleischermeister Matthias Selent legt in seinem Laden statt Wurst und Schinken für seine Kunden jetzt jede Menge Merkblätter aus. Quelle: Katja Eggers
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Arpke

 Wer in Arpke Wurst und Fleisch kaufen möchte, muss sich derzeit umstellen. Die Landschlachterei Matthias Selent in Arpke-Nord hat ihren Ladenbetrieb aufgegeben. Weil der Verwaltungsaufwand immer größer und die Auflagen für das Bargeldgeschäft immer umfangreicher wurden, verkauft der Fleischermeister seine Ware nur noch gegen Rechnung.

Die Auslage in der kleinen Landschlachterei an der Immenser Straße 8 ist leer.  Früher waren dort Aufschnitt und Wurst drapiert, jetzt liegen auf dem Verkaufstresen verschiedene Merkblätter zu Themen wie „Datenschutz in Unternehmen“, „Verfahrensdokumentation“ und „Rechnungsberichtigung“ aus.

Selent informiert seine Kunden damit über die Hintergründe seiner Umstellung. Im Laufe der Jahre haben für den seit 1912 in Arpke ansässigen Familienbetrieb die Auflagen und Vorschriften stetig zugenommen.  „Ich habe von der zunehmenden Bürokratie die Faxen dicke“, erklärt der 50-Jährige. Auf zwei Plakaten im Schaufenster hat er daher geschrieben: „Da der Verwaltungsaufwand kein Ende zu nehmen scheint und wir an unsere Grenzen gestoßen sind, wird es den Ladenbetrieb in gewohnter Form nicht mehr geben.“

Dieses Plakat informiert die Kunden über die Umstellung. Quelle: Katja Eggers

 Der Produktionsbetrieb und den Partyservice will Selent mit seiner Lebensgefährtin auch weiterhin aufrechterhalten. Drei Scheiben Mortadella auf die Hand gegen bar gibt es bei ihm jetzt jedoch nicht mehr. Wurst und Fleisch verkauft der Schlachter nun nur noch nach vorheriger telefonischer Bestellung. Mittwochs, freitags und sonnabends oder nach Absprache können Kunden ihre bestellte Ware im Laden abholen. Selent schreibt ihnen dann eine Rechnung aus.  „Ich steige komplett aus dem Bargeldgeschäft aus“, erklärt der Fleischermeister. 

Ausschlag gebend war für ihn die sogenannte Kassennachschau: Seit Anfang des Jahres kann das Finanzamt Bargeldkassen künftig ohne Vorankündigung prüfen. Bargeldintensive Betriebe würden von den Finanzämtern als Hochrisikobetriebe bezeichnet. Allein der Verdacht auf Manipulation genüge und aus einer Kassennachschau werde eine reguläre Außenprüfung, wobei der Prüfer dann wie bei einer Steuerprüfung auch in die Privaträume dürfe. Dafür sei sogar das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung nach Artikel 13 des Grundgesetzes gelockert worden. „Jeder Straftäter hat mehr Rechte in Deutschland als ein selbstständiger Handwerker“, schimpft Selent.

Der Fleischermeister ist vor alem von der Politik enttäuscht: „Ich finde es sehr traurig, dass wir auf keine Hilfe hoffen können – zumal in Wahlversprechen schon seit Jahrzenten Bürokratieabbau gefordert wird.“ Selent kritisiert, dass er heute zunehmend mit Dokumentieren beschäftigt ist und immer weniger Zeit hat, sein eigentliches Fleischerhandwerk auszuüben. „Ich müsste streng genommen eine Sekretärin einstellen“, sagt er. Weil die Landschlachterei als steuerpflichtiger Handwerksbetrieb verpflichtet ist, die Kassendaten dem Finanzamt in digitaler Form vorzuenthalten, hätte Selent zum Jahresanfang für mehr als 8000 Euro zudem ein digitales Kassensystem anschaffen müssen.

Die Landschlachterei Selent gibt es in Arpke-Nord schon seit 1912. Quelle: Katja Eggers

Der Fleischer ist sich sicher, dass sich viele kleine Handwerksbetriebe mit dem Verwaltungsaufwand ebenfalls überfordert fühlen und folglich schließen werden. 

Das vermutet auch Jürgen Suhr. Der Fleischermeister ist vor Jahren in die Gewürzbranche gewechselt und beliefert auch Schlachtereien. „Ich verliere im Schnitt in Niedersachsen jedes Jahr an die 20 Fleischereien, die wegen der zunehmenden Bürokratie dichtmachen – und Nachwuchs findet sich unter diesen Umständen auch nicht mehr“, verrät Suhr.

Das sagt der Fleischerverband

Mit seiner Entscheidung, aus dem Bargeldgeschäft auszusteigen sowie Fleisch und Wurst künftig nur noch gegen Rechnung zu verkaufen,  ist Matthias Selent von der Landschlachterei in Arpke bisher anscheinend noch der Einzige. Ein weiterer Fall ist Isabell Dohm, Geschäftsführerin des Fleischerverbands Niedersachsen-Bremen, zumindest nicht bekannt.

Dass den Schlachtern der Gesetzgeber digitale Kassensysteme vorschreibt, habe bei der Einführung vor zwei Jahren jedoch für große Aufregung gesorgt. „Damit ist deutlich mehr Bürokratie verbunden – dagegen haben wir uns seinerzeit gewehrt, aber verhindern konnten wir es nicht“, sagt Dohm. 

Auch Vorschriften und Auflagen hätten immer mehr zugenommen. Fleischereien würden heute vor allem aus Altersgründen schließen, Nachfolger seien schwer zu finden. „Der zunehmende Verwaltungsaufwand schreckt den Fleischernachwuchs ab, sich selbständig zu machen“, erklärt Dohm.

Von Katja Eggers

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