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Nachrichten 74-jähriger Einbrecher wegen 150. Straftat verurteilt
Region Lehrte Nachrichten 74-jähriger Einbrecher wegen 150. Straftat verurteilt
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00:16 25.02.2017
Von Thomas Böger
Das Amtsgericht Lehrte hat den 74-Jährigen, der zum wiederholten Mal in die Sievershausener Gaststätte Fricke eingebrochen war und einen VW-Bus gestohlen hatte, erneut ins Gefängnis geschickt. Quelle: Oliver Kühn (Archiv)
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Lehrte

Staatsanwalt Thomas Schulz sprach von einem "skurrilen Verfahren", Verteidiger Andreas Hoins von einer "launigen und zugleich traurigen Geschichte". Und Richter Robert Glaß fragte sich, ob "man das als Lebensleistung anerkennen oder Mitleid haben oder wütend sein soll" angesichts des Werdegangs des Angeklagten Karl-Heinz C., der vor gut 50 Jahren zum ersten Mal vor Gericht stand.

Mit 24 Jahren wurde der geborene Berliner erstmals straffällig. Damals ging es noch um Fahren ohne Führerschein, doch schon im Jahr darauf erfolgte die erste Verurteilung wegen eines Einbruchs. Dem schließt sich eine schier endlose Serie nach immer dem gleichen Schema an: C. sucht sich eine Gaststätte aus, fährt (immer ohne Führerschein) nachts dort hin, hebelt ein Fenster auf und stiehlt Bargeld oder Wertgegenstände.

Die "Rückfallgeschwindigkeit", wie es der Staatsanwalt nennt, wird immer höher. Oft liegen zwischen letzter Verurteilung und erneuter Straftat nur einige Wochen. Dementsprechend wird das Strafmaß immer höher: Anfang der Siebzigerjahre ist es erstmals mehr als ein Jahr, wenige Jahre später sind es schon fünfeinhalb Jahre Freiheitsentzug, zu denen C. Verurteilt wird. Zwischendurch gibt es auch mal eine Bewährungsstrafe. "Der Kollege muss Humor gehabt haben", kommentiert Glaß trocken.

2010 dringt der gelernte Müller erstmals bei Fricke ein. Neben etwas Bargeld findet er den Schlüssel eines VW-Busses, mit dem er sich davonmacht. 2012 passiert nahezu das Gleiche - in dem Jahr sogar zweimal, aber nur einmal nimmt er den Bus mit. Und als er im Juli 2016 mal wieder aus der Haft in Sehnde entlassen wird, zieht es ihn bereits sechs Wochen später erneut nach Sievershausen.

Er sei dort mit dem Bus vorbeigefahren und "da ha' ick jesehen, det dis Fenster wieder offen stand", erzählte er jetzt dem Gericht. Das sei "die Macht der Gewohnheit", dass er bei Gaststätten immer nach den Fenstern schaue. "Andere sehen sich die Speisekarte an", meinte Glaß dazu. Doch C. hebelte wieder das Fenster auf, entwendete wieder Schlüssel für einen Bulli und fuhr davon. Im Oktober kehrt er zurück - und alles wiederholt sich.

Die Lebensgeschichte mache ihn fassungslos, sagte Staatsanwalt Schulz in seinem Plädoyer. C. sei "jemand, der im Knast zu Hause ist und draußen nicht zurecht kommt". Das meinte auch der Verteidiger, der seinem Mandanten aber zugute hielt, dass er "zwar ein Verbrecher ist, aber kein schlechter Mensch". Das nahm der Angeklagte auch selbst für sich in Anspruch und wies darauf hin, dass er bei seinen Einbrüchen nie wie andere Räume oder deren Einrichtung verwüstet habe. Auch sei er nie in Privatwohnungen eingedrungen.

Richter Glaß bescheinigte dem Serientäter denn auch ein "angenehmes Wesen" und betonte, dass er in seiner langen kriminelle Karrierer keine Gewalttaten gegen Personen begangen oder Polizisten beschimpft oder beleidigt habe. Doch das Gesetz ließ nur eine weitere Freiheitsstrafe zu - auch wenn man wisse, dass bei C. "die Sanktionen nicht die gewünschte Wirkung" hätten, wie Rechtsanwalt Hoins vermutete.

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