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Region Laatzen Nachrichten Die Stilllegung traf alle völlig überraschend
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18:10 13.03.2018
Was von der Zuckerfabrik übrigblieb: Der frühere Verwaltunsgleiter Matthias Odenthal steht vor dem Zuckerhaus, in dem einst Saisonarbeiter wohnten. Nach der Stilllegung der Fabrik sanierten er und vier weitere Rethener Privatleute die schon zum Abriss freigegebene „Kaserne“.  Quelle: Astrid Köhler
Rethen

 117 Jahre lang hat die Zuckerfabrik das Leben in Rethen geprägt. Doch am 10. März 1993 – heute vor genau 25 Jahren –  war es mit einem Mal vorbei. Die überraschende Entscheidung des Zuckerverbundes Nord, im Sinne des Abbaus von Überkapazitäten genau jenen Standort stillzulegen, der gerade das zweitbeste Kampagnenergebnis seiner Geschichte eingefahren hatte und zu den größten im Verbund zählte – der aber auch wegen seiner direkten Ortslage als problematisch galt – traf die Beschäftigten völlig überraschend. „Das war ein Schlag ins Kontor“, erinnert sich der damalige Verwaltungsleiter der Zuckerfabrik Matthias Odenthal. 

Das Foto aus der Chronik zum 100-jährigen Bestehen der Zuckerfabrik Rethen zeigt den Blick von Südosten auf das Gelände der Zuckerfabrik mit den Bahnschienen auf der Westseite. Quelle: Quelle: Hannoversche Zucker AG

Am nächsten Morgen machten die verzweifelte Arbeiter ihrer Wut Luft und auch Dutzende Landwirte aus der gesamten Region und weitere Sympathisanten beteiligten sich mit einem langen Trecker-Corso an dem Protestzug mit mehr als 500 Teilnehmern. In der Folge schalteten sich auch Politiker, Stadt- und Kirchenvertreter ein, unter ihnen der damalige niedersächsische Oppositionsführer im Landtag, Jürgen Gansäuer, der mit weiteren Fürsprechern ein Aktionsbündnis zur Rettung der Zuckerfabrik ins Leben rufen wollte.

Die HAZ berichtete am 12. März über die Proteste in Rethen nach der überraschenden Stilllegung der Zuckerfabrik. Quelle: Archiv

Doch es blieb dabei. Die Fabrik, die Generationen von Rethener ernähert und über Jahre Gastarbeiter nach Laatzen geführt hatte, war von einem Tag auf den anderen Geschichte. Kurze Zeit später wurde sie fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht und für die Wohnbebauung freigegeben. 

1954 arbeiteten 875 Menschen in der Fabrik

Wieviele Menschen anfangs in der 1876 gebauten Zuckerrübenfabrik in Rethen beschäftigt waren, ist der anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Unternehmens verfassten Chronik zwar nicht zu entnehmen. Deutlich wird aber, dass diese schon im allerersten Kampagnenjahr 114.130 Zentner reine Rüben verarbeiteten und einen Gewinn von 54.834,53 Mark erwirtschafteten.

In den 1930er Jahren – nach der großen Wirtschaftskrise und Inflation – sank die Zahl der Gesamtbelegschaft von 600 auf rund 450 Beschäftigten ab, um mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wieder stark anzusteigen. Das lag vor allem an Zwangsarbeitern und Kriegsgefangene, die vielerorts und auch in Laatzen und bei der Zuckerfabrik eingesetzt wurden. Für das Kampagnenjahr 1944 sind der Unternehmenschronik zufolge 391 russische sowie 27 französische Kriegsgefangene als „Hilfskräfte“ aufgelistet. Hinzu kamen 166 sogenannte Zivilpersonen aus Polen, Italien, Russland und Frankreich sowie 52 Deutsche. Die 83-köpfige Stammbelegschaft hinzugerechnet waren es in dem Jahr insgesamt 719 Arbeitskräfte, davon mehr als die Hälfte russische Kriegsgefangene.

Die höchste Belegschaftszahl wurde 1954 erreicht, als in der Zuckerfabrik 875 Menschen arbeiteten. Von der Annahme der Rüben über deren Weiterverarbeitung bis zum Transport des fertigen Zuckers war fast alles noch Hand- und vor allem Knochenarbeit. „Die Arbeit war sehr schwer“, erklärt der 80-jährige Matthias Odenthal, der seit 1961 in der Fabrik beschäftigt war und deren Geschichte kennt. Zwar habe es schon Papiersäcke gegeben, doch wurde noch fast die gesamte Menge in 100-Kilogramm-Gebinde abgesackt. Drei Leute waren nötig, um diese zu bewegen und zu stapeln.

Als Höchstarbeitszeit waren zunächst noch 48 Stunden pro Woche festgelegt, seit 1957 dann 45 Wochenstunden. 

In den Sechzigerjahren wurde das erste Siloh gebaut und die Automatisierung vorangetrieben. „Das war eine Aufbruchszeit“, erinnert sich Odenthal: „In jedem Jahr wurden 100 bis 120 Leute eingespart und die Kapazitäten erhöht.“ Kamen zu Beginn des Jahrzehnts bei einer Gesamtbelegschaft von rund 600 noch auf einen Mitarbeiter zwei Saisonarbeiter, pendelte sich diese Zahl in den frühen Siebzigerjahren bei insgesamt rund 200 ein, wobei fast alle zur Stammbelegschaft gehörten. Diese Zahl blieb bis zur Schließung der Fabrik weitestgehend konstant. akö

Während ältere Laatzener noch Bilder der rauchenden und dampfenden Schornsteine sowie der zahlreichen Rübentrabsporte vor Augen haben – von Pferdefuhrwerk und Waggons bis zu Treckern und Lastwagen – zeugen heute nur noch die Straßennamen, ein Wohnhaus und das von Rethener Privatleuten vor dem Abriss gerettete und sanierte fünfgeschossige rotes Backsteingebäude von der Existenz der Zuckerfabrik. Ein Rückblick:

Die Gründung erfolgte im Januar 1876 mit dem Eintrag ins Handeslregister. Rethen war eine von Dutzenden Fabriken, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahhunderts im Königkreich Hannover entstand, darunter auch in Gehrden (1858) und Sarstedt (1874). Innerhalb weniger Monate wurde die Fabrik hochgezogen und bereits zum Jahresende die erste Kampagne gestartet. Im Protokollbuch des Aufsichtsrates für das Jahr 1885 stehen die Namen von 96 Aktionären. Ein Jahr später waren es schon 175.

Wurde anfangs noch Rüben-Rohzucker hergestellt, war die Fabrik seit 1925 auch als eine der wenigen in der Lage, den hochwertigen und mehrfach gewaschenen Weißzucker zu produzieren. 

Die fertigen Zuckersorten – Platten, Kandis, grober und Puderzucker sowie später auch Würfelzucker –  gingen von Rethen aus deutschlandweit in den Handel und wurden mitunter auch exportiert, darunter nach Nordafrika. 

Im Laufe der Jahrzehnte wurden die technischen Einrichtungen immer weiter modernisiert und verfeinert, der Zuckeranteil stieg und die Kapazitäten wurden hochgefahren. Waren es um 1880 noch 250 Tonnen Rüben, die täglich in Rethen verarbeitet wurden, waren es um 1950 bereits 2000 Tonnen pro Tag.

Straßennamen erinnern an historischen Ort

Im Rethener Wohngebiet auf dem früheren Gelände der Zuckerfabrik gibt es mehrere Straßen mit historischen Bezügen im Namen wie die Zuckerstraße, der Kandis- und Sirupweg oder Rübengang. Es gibt aber auch solche, die sich auf Persönlichkeiten im Zusammenhang mit der Zuckergewinnung beziehen. Die Franz-Carl-Achard-Straße erinnert an den 1753 in Berlin geborenen, späteren Direktor der Königlich-preußischen Akademie, der durch gezielte Züchtungen den Zuckergehalt in der Runkelrübe steigerte und ein Verfahren zur großtechnischen Gewinnung von Rübenzucker entwickelt hat. Franz Carl Achard, ein Nachkomme französischer Glaubensflüchtlinge, gilt als „Vater der Zuckerrübe“.

Doktor Alex Schönberg war ein promovierter Philosoph, der die Zuckerfabrik in Rethen von 1913 bis 1941 als technischer Leiter führte. In seine Zeit fallen die Umstellung der Produktion auf Weißzucker 1922/23 sowie diverse Erweiterungsbauten, darunter die Aufstockung der 1875 errichteten „Kaserne“ für Saisonarbeiter im Jahr 1925, der Bau eines neuen Kessel- und Turbinenhauses im Jahr 1933 und 1935 sowie die vollständige Elektrifizierung des Betriebes.

Der Verbindungsweg von der Zucker- zur Eigenheimstraße ist gleichfalls nach einem ehemaligen Direktor benannt: dem Diplomingenieur Heinrich Korn. Der Vater des letzten Fabrikdirektors Hans-Friedrich Korn (1969 bis 1993) stand der Fabrik in den Jahren von 1941 bis 1958 vor.  

Die Zuckerfabrik nutze Flächen dies- und jenseits der Bahnschienen, über die auch jahrzehntelang ein Großteil der Rüben angeliefert wurden, darunter aus Ostfriesland. Während sich auf dem Gelände östlich der Schienen die Fabrik ausdehnte, Lager, Klärbecken und im Zuge des Ausbaus der Automatisiserung die charakteristischen bis zu 45 Meter hohen und 25 bis 35 Meter breiten Zuckersilohs entstanden, wurden die Flächen westlich der Bahnschienen für die Wassergewinnung genutzt. Und die Zuckerfabrik brauchte viel Wasser.

In ihrem letzten Kampagnenjahr 1992/93 verarbeitete die Fabrik in Rethen 6 Millionen Doppelzentner Rüben und fuhr mit einer Zuckerproduktion von 936.403 Doppelzentnern das zweitbeste Ergebnis der Firmengeschichte ein.

Nach der überraschenden Stilllegung des Fabrikstandortes im Jahr 1993 wurde das inzwischen 16,2 Hektar umfassende Gelände zwischen den Eisenbahnschienen und der Hildesheimer Straße an die Stadt übertragen. Diese gab den kompletten Abbruch in Auftrag, um die Flächen an verschiedene Investoren und Wohnungsunternehmen weiterzuverkaufen. Urspünglich sollte auch die 1875 errichtete Kaserne abgerissen werden, in der einst Saisonarbeiter wohnten und die Werkskantine untergebracht war.

Eine Initative von fünf Privatleuten, darunter der frühere Verwaltungsleiter Matthias Odenthal, verhinderten den Abriss. Sie schlossen sich am 2. März 1998 zur Zuckerhaus Immobilien GbR zusammen und bauten das denkmalgeschützte Haus um. Auf der Westseite sind seit der Fertigstellung Ärzte und Praxen untergebracht, auf der Ostseite entstanden Wohnungen.

Das gesamte Gebiet ist seit der Stillegung der Fabrik nicht mehr wiederzuerkennen. Wo 117 Jahre lang Zucker produziert wurde, sind mehr als 500 Wohnungen und Häuser sowie das Marktzentrum entstanden.

Auf dem früheren Gelände der Rethener Zuckerfabrik sind seit 1998 rund 500 Wohneinheiten, Gewerbeansiedlungen und das Marktzentrum entstanden. Quelle: Google Maps

Von Astrid Köhler

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