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Region Laatzen Nachrichten Nur 3 Prozent leben vollkommen abstinent
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17:21 30.07.2018
Symbolbild Sucht. Quelle: dpd (Daniel Naupold)
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Laatzen

Eigentlich war der junge Mann nur in die Suchtberatung gekommen, weil er seinen Führerschein los war: Cannabis im Blut. Im Gespräch klang es noch so, als würde er nur ab und zu kiffen, um zu entspannen. Doch nach und nach kristallisierte sich heraus, dass die Droge längst zu seinem Leben gehörte.

Der 27-Jährige ist einer von rund 300 Menschen, die pro Jahr in die Fachstellen für Sucht und Suchtprävention in Laatzen, Burgdorf und Springe kommen. Das Angebot an den drei Standorten steht unter der Trägerschaft der Diakonie Hannover-Land. Zum Kollegium gehören vier Beraterinnen und Berater, eine Psychologin in Burgdorf kümmert sich um die Diagnostik, außerdem unterstützt ein Arzt mit Honorarstunden.

In der Beratungsstelle im Laatzener Kiefernweg arbeiten Kirsten Gesemann und Dagmar Verbeke. Gesemann spricht über die Arbeit mit dem jungen Mann, der kiffte, seit er 15 Jahre alt war. Ihr erzählte er von seiner Unsicherheit und Unzufriedenheit, von seiner Kindheit ohne Vater, von seiner Ausbildung, der er abgeschlossen hatte, dem Job, den er verlor. Gesemann vermittelte ihn in eine ambulante Rehabilitation, das ist Teil ihrer Aufgabe.

Suchtberatung hilft auch Angehörigen von Betroffenen

Die Suchtberatung ist ansprechbar für alle, die Schwierigkeiten mit Alkohol, Medikamenten und anderen Süchten haben. Sie ist auch Anlaufstelle für Angehörige und Freunde von Betroffenen. Die müssen allerdings akzeptieren, dass hier nichts ohne das Einverständnis der Abhängigen läuft. Wenn jemand sich nicht helfen lassen will, sei das in Ordnung, so Gesemann. Dann muss sein Umfeld lernen, damit umzugehen – auch das mit Unterstützung der Beraterin und ihrer Kollegin.

Etwa drei Viertel der Betroffenen sind von Alkohol abhängig, ein Zehntel von Cannabis, ein weiteres Zehntel ist süchtig nach Glücksspiel, hat Probleme mit Medienkonsum. Wer harte Drogen nimmt oder unter 21 Jahre alt ist, wird an andere Fachstellen verwiesen, deren Angebot spezifischer ist.

Ursachen für Sucht sind individuell

Die Ursachen für die Sucht sind individuell verschieden, auch die Behandlung wird angepasst. Gesemann kann Patienten in Entgiftungskliniken vermitteln, in stationäre Maßnahmen oder ambulante Therapien. Letztere wollen natürlich die meisten. Dafür müssen sie aber abstinent bleiben und: „Das machen wir nur, wenn derjenige ein paar tragende Säulen vorweisen kann: ein stabilisierendes Umfeld, Familie oder Arbeit, die Halt bieten“, sagt Gesemann. Bei manchen Patienten ist gerade das Umfeld das Problem. Sie kümmern sich zu viel um andere und spüren die eigenen Grenzen nicht mehr. Da kann es besser sein, stationär zu behandeln. Egal wie, „wir bereiten die Patienten darauf vor“, so Gesemann, formal, aber auch emotional.

Entscheidende Frage: Was ist der Auslöser?

Eine Abhängigkeit folgt selten Trends. Viele Menschen konsumieren über Jahre und Jahrzehnte im Rahmen und ohne Kontrollverlust. Doch dann legt sich eine Art von Kippschalter um, der Konsum gerät aus dem Ruder. Das muss nicht zwingend in eine Sucht führen, die Schwelle unterhalb ist der Missbrauch von Suchtmitteln. So oder so gilt es, in der Therapie herauszufinden, was der Auslöser war.

Bei Älteren kann das der Ruhestand sein, keine Aufgabe mehr zu haben, die unerwartete Leere. Bei jungen Menschen ist es oft Über- oder Unterversorgung, wie bei dem 27-Jährigen. Manchmal verstehen Betroffene erst, dass sie abhängig sind, wenn ihr Körper, die Bauchspeicheldrüse etwa Probleme macht. Das ist so schmerzhaft, dass es sich nicht mehr ignorieren lässt. Wenn Ärzte sagen, dass das vom jahrelangen Alkoholmissbrauch kommt, haben viele einen Aha-Effekt. „Manch einer ist dem Tod von der Schippe gesprungen“, sagt Gesemann.

Betroffene in allen Berufsgruppen

Betroffene kommen aus allen Berufsgruppen, Ärzte, Pfleger, überforderte Hausfrauen, Manager, die bei Geschäftsessen regelmäßig trinken. Für die Beraterinnen gilt die Schweigepflicht. Im ersten Beratungsgespräch wird erhoben: Wie ist die Lebenssituation? Wie geht es dem Betroffenen damit? „Für viele ist es das erste Mal, dass sie über ihre Probleme sprechen, ohne dass ihnen jemand Vorwürfe macht“, so Gesemann.

Zwei bis drei Bier täglich können Gesundheit schädigen

In Deutschland trinken nur knapp drei Prozent der Menschen nie Alkohol. Bei den anderen 97 Prozent muss das trotzdem kein Problem sein, denn absehbar gesundheitsschädlich wird es erst, wenn Frauen pro Tag mehr als 13 Gramm reinen Alkohol zu sich nehmen und Männer mehr als 25 Gramm. Zum Vergleich: Schon 0,25 Liter Bier enthalten 10 Gramm reinen Alkohol. „Alkohol ist eine bewusstseinsverändernde Substanz“, betont Gesemann. Ab einem Promille im Blut befindet sich ein Mensch im Rauschstadium, seine Reaktionszeit ist bereits am 0,8 Promille um bis zu 50 Prozent verringert. Völlig ohne Risiko kann also niemand Alkohol konsumieren: „Es geht darum, das eigene Trinkverhalten zu beobachten, einschätzen und verändern zu können, wenn sich Anzeichen für Gewohnheit hin zu Missbrauch erkennen lassen.“

Die Berater in den drei Fachstellen arbeiten auf Anfrage auch präventiv, sprechen in Schulen, vor Konfirmanden-Gruppen oder in Unternehmen über Sucht und Suchtgefährdung. Termine könne man in Laatzen schnell bekommen, doch eine halbe Personalstelle mehr wäre schon schön. Und der junge Mann aus Gesemanns Fallbeispiel? Er ist abstinent, kifft nicht, trinkt nicht. Er hat eine neue Ausbildung zum Erzieher gemacht. Jetzt studiert er: Sozialarbeit.

Von Katharina Kutsche

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