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Region Laatzen Nachrichten Sensus beliefert Wasserversorger weltweit
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14:46 25.09.2018
Sensus-Geschäftsführer Bernd Raade vor der Fertigungshalle. Quelle: Dorndorf
Rethen

 Trotz seiner Dimensionen kann man Rethens größtes produzierendes Unternehmen leicht übersehen. Von der Hildesheimer Straße aus betrachtet, überragt das „Sensus“-Logo der Betriebshallen an der Meineckestraße zwar den davor liegenden Bahnhof. Erkennbar ist es aber wegen seiner Lage hinter den Schienen erst auf den zweiten Blick. Ähnliches gilt für die Bedeutung der Firma, die nur wenigen Laatzenern bewusst sein dürfte. Sensus gehört zu den größten Herstellern von sogenannten Großwasserzählern – weltweit.

Die Firma kommt damit der Riege der sogenannten „hidden champions“ der deutschen Industrie nahe: Unternehmen, die in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind, in ihrem speziellen Segment aber zu den Weltmarktführern gehören. In Rethen ist dies mit einer fast unwahrscheinlich langen Tradition verbunden. Vor kurzem feierte die Belegschaft den 175. Geburtstag des Unternehmens, das 1843 von Heinrich Meinecke als Kunstschlosserei gegründet wurde.

Sensus gehört weltweit zu den Marktführern

Der Name Meinecke ist in der Branche auch heute ein fester Begriff. „Wenn man über Großwasserzähler spricht, fällt noch heute häufig sofort der Name“, sagt Sensus-Geschäftsführer Bernd Raade. Das hätten die Mitarbeiter auch 2004 zu spüren bekommen, als die Firma nach mehreren Übernahmen in Sensus umbenannt wurde: „Als wir uns am Telefon mit dem neuen Namen meldeten, legten manche sofort wieder auf.“ Denn das Unternehmen stehe für Qualität: Sensus baue die „besten mechanischen Großwasserzähler der Welt“, sagt Raade selbstbewusst. In den 2000er-Jahren war Sensus nach eigenen Angaben der weltweit größte Hersteller. Seitdem schrumpfte der Marktanteil auch angesichts der chinesischen Konkurrenz zwar, wird aber stetig unter die Top 7 geschätzt – mit schwankenden Marktanteilen zwischen 4,5 und 15 Prozent. Der Umsatz in Rethen liegt heute bei 27,5 bis 28 Millionen Euro.

Was in Rethen hergestellt wird, hat mit herkömmlichen Haushaltszählern nur wenig zu tun: Nur mit Mühe hebt Raade eines der Produkte an: Zwischen 12 und rund 250 Kilogramm wiegen die Gehäuse aus Grauguss, die in Rethen mit den Messeinsätzen zu fertigen Großwasserzählern verbunden werden – geeignet für bis zu 800 Millimeter dicke Rohre. Verwendet werden sie für die Messung riesiger Wassermengen, wie sie in Versorgungsleitungen, bei Talsperren und in Industriebetrieben anfallen. „Wir sprechen von Millionen von Kubikmetern Wasser“, sagt Raade. Angesichts der Mengen in solchen Bereichen können fehlerhafte oder gar verlorene Messergebnisse zu erheblichen Einnahmeausfällen für die Versorger führen. Das Versprechen, dass der Zähler korrekt misst und auch robust genug ist, sei da ein gutes Verkaufsargument, von dem die Firma schon lange profitiert.

Rund 90.000 Großwasserzähler verlassen die Rethener Fertigung jährlich. Bis auf den Guss der Gehäuse erfolgen alle Arbeitsschritte in dem Werk an der Meineckestraße – vom Fräsen der Gehäuse über die Pulverbeschichtung bis zum Zusammenbau der Einzelkomponenten und der anschließenden Qualitätskontrolle, bei der die Geräte auch geeicht werden: Das Werk ist staatlich als Prüf- und Eichstelle für Wasser- und Wärmezähler anerkannt.

Zähler kommen sogar in U-Booten zum Einsatz

Zu den Kunden gehören größtenteils Wasserversorger, zu denen laut Raade beispielsweise die Wasserbetriebe in Städten wie Berlin und Köln, aber auch London, Singapur und das südafrikanische Johannesburg gehören. Gefragt würden die Zähler auch von Wärmeversorgern und Industriebetrieben, in weit kleinerem Maße auch von Brauereien. Sogar in U-Booten kommen die Sensus-Produkte zum Einsatz, und auch Kernkraftwerke hat Sensus zumindest früher beliefert.

Für die 135 Mitarbeiter, darunter bis zu 16 Auszubildende, sei die Identifikation mit dem Unternehmen groß, glaubt Raade. Einmal angestellt, würden nur wenige den Betrieb wieder verlassen. „Vor zwei Jahren haben wir gleich zehn Jubilare gefeiert, die seit 25 Jahren dabei sein“, sagt der Geschäftsführer. Das liege nicht nur an der Bezahlung, sondern letztlich auch am Metier: „Wir haben tolle Produkte und tun etwas für die Umwelt.“ Mit der Sensus-Technik sei es schließlich möglich, Verluste aus Wasserversorgungsnetzen zu identifizieren und damit zu minimieren. Auch lasse sich durch die Optimierung des Drucks in den Leitungen Energie einsparen.

Die Sensus GmbH Hannover mit Sitz in Laatzen ist heute Teil eines weltweit agierenden Konzerns. Weltweit beschäftigt die aus den USA stammende Sensus-Gruppe 3500 Mitarbeiter, davon knapp 600 in Deutschland. 2016 wurde das Unternehmen vom US-Konzern Xylem übernommen, der Wasseraufbereitungsanlagen und Analysegeräte herstellt und einer der weltweit größten Pumpenhersteller ist. In Laatzen werden durch die Übernahme keine negativen Effekte erwartet: Wasserzähler hätten zuvor nicht zu den Geschäftsfeldern von Xylem gehört, sagt Raade. „Anders wäre es gewesen, wenn ein Mitbewerber Sensus übernommen hätte.“

Neuentwicklung soll Standort sichern

Die lange Firmentradition schützt die Rethener Metallbauer nicht vor Marktveränderungen. Viele Hoffnungen ruhen dort auf der vielleicht wichtigsten Neuentwicklung seit Jahrzehnten: Nach mehr als 100 Jahren, in denen Sensus ausschließlich mechanische Wasserzähler – inzwischen oft mit elektronischer Anzeige und der Möglichkeit der Fernauslese – hergestellt hat, arbeitet die hauseigene Entwicklungsabteilung aktuell an einem sogenannten statischen Messgerät. Werden der Wasserstrom und damit die Wassermenge bei herkömmlichen Zählern mit einem Turbinenrad gemessen, übernimmt diese Funktion dann ein Ultraschallsensor. Auf den Markt kommen soll das Produkt Ende 2018 oder Anfang 2019, kündigt Raade an: „Die Zähler sind in den letzten Zügen der Entwicklung“ – und zwar vor Ort. Denn der Standort wurde von Xylem als „Center of Excellence“ bestätigt, so dass die gesamte Forschung und Entwicklung von Großwasserzählern in Rethen angesiedelt ist.

Von diesem Technologiewechsel hängt für Sensus vieles ab. „Unser Ziel ist, dass man in ein paar Jahren von den neuen Sensus-Zählern spricht, wie man derzeit über unsere mechanischen Zähler spricht“, sagt Raade und ist zuversichtlich: „Wenn wir das schaffen, ist das ein wichtiger Schritt zur Sicherung des Standorts.“

Die Firmengeschichte beginnt 1843 in Breslau

Auf eine so lange Firmentradition können nur wenige Industrieunternehmen zurückblicken: Als die Geschichte des heutigen Rethener Wasserzählerherstellers Sensus vor 175 Jahren als Schlosserei Meinecke ihren Anfang nahm, hatte Hannovers letzter König Georg V. gerade seine Marie geheiratet, Karl Marx schmiss seinen Job beim Rheinischen Merkur hin und spätere Stars der Industrialisierung wie Siemens waren nicht einmal gegründet. Während Königreiche untergingen und sich die sozialistischen Experimente des 20. Jahrhunderts auflösten, ging die Geschichte der Firma stets weiter – bis heute.

Die Firmenhistorie beginnt 1843 in Schlesien: Heinrich Meinecke richtet in dem Jahr eine kleine Werkstatt in Breslau ein, wo er Kunstschlosserarbeiten fertigt, sich bald aber auch auf Geldschränke und Kassetten spezialisiert. Eine zentrale kommunale Wasserversorgung ist damals noch weithin unbekannt, was sich nur wenige Jahre später ändert: Nachdem 1848 eine Cholera-Epidemie Europa überzieht, richten viele Städte öffentliche Leitungssysteme ein. Das Breslauer Unternehmen erkennt die damit verbundenen Chancen, so dass es unter Regie des Gründersohns Heinrich Meinecke II. als einer der ersten der Branche Wassermesser in Serie herstellt. Die Firma expandiert rasant: Bis 1893 werden allein nach Hamburg 6930 und nach Köln 9013 Zähler verkauft.

1901 folgt der nächste große Schritt, als Meinecke als erster Wasserzähler-Hersteller eine neue Erfindung aufgreift: den erstmals 1897 präsentierten Woltman-Zähler, der nicht nur viel genauer als vorige Modelle ist, sondern auch weit weniger Druckverlust mit sich bringt. Das Woltman-Prinzip liegt vielen mechanischen Wasserzählern noch heute zugrunde. In den Folgejahren wird Meinecke international – mit Fertigungsstätten in England, Belgien und Russland, die nach dem Ersten Weltkrieg verloren gehen. Im Zweiten Weltkrieg stellt Meinecke auf Kriegsproduktion um – und muss im Zuge der deutschen Niederlage wieder von vorn anfangen: Anfang 1945 wird die Fertigung mit nur elf Bahnwaggons und 60 ausgesuchten Mitarbeitern ausgelagert, 1946 folgt der Wiederbeginn in der Leisewitzstraße in Hannover – unter der Adresse der Beteiligungsgesellschaft Dreyer, Rosenkranz und Droop AG. Gefertigt wird bald auch in einem Zweigwerk in Bochum. Nennenswerte Gewinne erzielt das Unternehmen allerdings erst wieder 1954.

1960 zieht die Firma zum letzten Mal um – diesmal nach Rethen. Das Wachstum hält an: Allein von 1982 bis 1992 verdreifacht sich der Umsatz, 1999 investiert Meinecke 8 Millionen Mark in eine Erweiterung der Fertigungshallen auf die doppelte Fläche. Für Investoren wird die Firma so attraktiv, dass in den 90er- und 2000er-Jahren mehrere Übernahmen erfolgen – bis die Firma schließlich 2004 in Sensus Metering Systems, später in Sensus Hannover GmbH umbenannt wird. 2016 folgte der vorerst letzte Verkauf an den weltweit tätigen Wasserkonzern Xylem.

Von Johannes Dorndorf

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