Navigation:
Rund 1000 Besucher zählten die Veranstalter bis zuletzt an den Flohmarkt-Samstagen von November bis März im ehemaligen Ratio-Gebäude an der Karlsruher Straße in Alt-Laatzen. Etwa 90 Händler bauten dort stets ihre Tische auf. Dieses Jahr erhielt der Veranstler erstmals keine Genehmigung.

Rund 1000 Besucher zählten die Veranstalter bis zuletzt an den Flohmarkt-Samstagen von November bis März im ehemaligen Ratio-Gebäude an der Karlsruher Straße in Alt-Laatzen. Etwa 90 Händler bauten dort stets ihre Tische auf. Dieses Jahr erhielt der Veranstler erstmals keine Genehmigung.
© Privat

Achtungsabstand um Chemiebetrieb

Neue EU-Richtlinie verhindert Flohmarkt bei Ratio

Seit 2011 gibt es in den Wintermonaten samstags einen Hallenflohmarkt in der leerstehenden Ratio-Halle, doch dieses Jahr verhindert eine EU-Richtlinie die Genehmigung: Die Halle liegt nahe einem Chemiebetrieb und im Umkreis von 2 Kilometern sind neuen Projekte vorerst verboten. Händler protestieren.

Alt-Laatzen. Bei Flohmarkthändlern und -besuchern sind die Termine altbekannt. Von Anfang November bis Ende März gibt es in der leerstehenden Halle des ehemaligen Ratio-Marktes den von der Pöschel Veranstaltungs GbR veranstalteten Winterflohmarkt . Doch in diesem Jahr dürfen die rund 90 Händler ihre Tische an der Karlsruher Straße  nicht aufbauen. „Wir haben von der Stadt Laatzen keine Genehmigung bekommen“, berichtet Veranstalter Kevin Pöschel. Wegen der veränderten Nutzung der Halle musste er jedes Jahr einen neuen Bauantrag für den Flohmarkt stellen, und dieses Jahr wurde der Antrag abgelehnt. Grund ist eine neue EU-Verordnung, die einen Sicherheitsabstand um Chemiebetriebe vorsieht, und die Ratio-Halle liegt mitten in dem derzeit noch auf zwei Kilometer festgelegten Radius. 

„Ich kenne einige Menschen, die jetzt ein sehr schlechtes Weihnachtsfest haben werden“, sagt Roßmarie Frambach. „Mehrere Händler sind auf die Einkünfte aus dem Winterflohmarkt angewiesen.“ Die 71-Jährige weiß, wovon sie spricht. Die Hannoveranerin ist seit fünf Jahren regelmäßig bei dem Hallenflohmarkt in Alt-Laatzen und verkauft dort Secondhand-Artikel. Mit dem eingenommenen Geld macht sie ihren Enkelkindern öfter eine Freude. Andere Händler benötigten die Erlöse jedoch für ihren Lebensunterhalt. Bis zuletzt sollen samstags rund 1000 Besucher zu dem Flohmarkt in der alten Ratio-Halle gekommen sein. 

Grund für die Nicht-Genehmigung ist die EU-Richtlinie SEVESO III, die Kommunen seit diesem Herbst umsetzen müssen. Sie besagt, dass um Betriebe, in denen gefährliche Stoffe gelagert werden, ein sogenannter Achtungsabstand eingehalten werden muss. Mit der Firma CG Chemikalien befindet sich an der Ulmer Straße ein solches Unternehmen in direkter Nachbarschaft des alten Ratio-Geländes.

Bei Chemieunfall 2012 gab es Verletzte

Die Firma CG Chemikalien an der Ulmer Straße gilt als Störfallbetrieb, weil dort gefährliche Stoffe in größeren Mengen vorhanden sind und sie daher unter die sogenannte Störfallverordnung des Bundesimmissionsschutzgesetzes fällt. 

Im August 2012 kam es in dem Betrieb zu einem Chemieunfall, als beim Umfüllen aus einem geplatzten Schlauch Salpetersäure austrat. Durch eine chemische Reaktion wurde eine giftige gelbbraune Wolke freigesetzt. Die Säurewolke zog in östliche Richtung zum Messegelände.  14 Menschen wurden leicht verletzt. 90 Mitarbeiter mussten evakuiert werden. Die Polizei sperrte das Gelände weiträumig ab. Die Feuerwehr und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) waren mit rund 120 Kräften im Einsatz. zer

„Der Achtungsabstand beträgt zurzeit 2000 Meter“, sagt Stadtsprecher Matthias Brinkmann. In diesem Umkreis liegen neben dem Ratio-Gebäude und Kaufland auch große Teile Laatzens (bis zum Klinikums Agnes Karll und dem Wiesendachhaus), das Messegelände, die hannoverschen Stadtteile Mittelfeld, Wülfel sowie Döhrens bis zur Peiner Straße und damit etliche andere Großbetriebe und Baustellen. Kurioserweise hat die EU-Richtlinie auf diese jedoch keinerlei Auswirkungen, denn es sind nur Vorhaben betroffen, für die neue Baugenehmigungen erforderlich sind. 

„Das ist doch absurd, dass ein Hallenflohmarkt mit rund 1000 Besuchern zu gefährlich sein soll, weil er an einen Chemiebetrieb grenzt, wenn gleichzeitig ein paar Meter weiter 400 000 Menschen unbehelligt auf das Messegelände zur Agritechnika kommen“, sagt Kevin Pöschel. 

Hannover spricht mit Messe AG 

Auch die Stadt Hannover weiß um die Umsetzung der EU-Richtlinie, die erst am 25. September in die Niedersächsische Bauordnung mit aufgenommen worden ist. In Hannover mussten laut Stadtsprecher Dennis Dix allerdings noch keine Veranstaltungen abgesagt werden. Aber nur, weil es bislang noch keine entsprechenden Anträge gab. „Wir rechnen Anfang des Jahres mit Anträgen, die unter die neue Regelung fallen, und werden bis dahin einen geeigneten Umgang mit diesem Thema erarbeitet haben“, sagt Dix. Dies gelte auch und besonders für das Messegelände. „Mit der Deutschen Messe AG ist die Stadtverwaltung in enger Abstimmung.“

Der TÜV-Nord arbeitet laut Laatzens Stadtsprecher Matthias Brinkmann seit dem Frühjahr 2017 an einem Gutachten, nach dessen Vorliegen der Achtungsabstand mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich reduziert werden könne. Bis dahin werden jedoch keine neuen Genehmigungen erteilt, die zu einer deutlich intensiveren Nutzung in dem Bereich führen.

In Laatzen seien private Investoren über das Risiko informiert worden und warteten nun auf die Ergebnisse des TÜV-Gutachtens, betont der Stadtsprecher: „Trotzdem laufen vorbereitende Arbeiten an Projekten, insbesondere am Rande des Achtungsabstandes weiter, um nicht zu viel Zeit zu verlieren.“ Brinkmann zufolge verhindert die neue Richtlinie keine weitere Bebauung im Achtungsabstand: „Auch innerhalb dieses Gebiets ist weiterhin eine städtische Entwicklung möglich.“ Eventuell seien aber bestimmte Nutzungen ausgeschlossen oder es gebe höhere Auflagen.

Händler sammeln Unterschriften

Für den Erhalt des Flohmarkts haben die Händler gerade erst rund 50 Unterschriften gesammelt und an Laatzens Bürgermeister Jürgen Köhne geschickt. „Der Flohmarkt ist nicht einfach nur eine Einkaufsstätte, sondern ein Treffpunkt “, sagt Besucherin Ute Bächtle. Gerade in Laatzen sehe man viele Menschen, die durch den Flohmarkt ihre Lebensgrundlage aufbesserten, sei es als Käufer oder Verkäufer. „Auch vor dem Hintergrund des drohenden Verbots der Flohmärkte glaube ich, dass der Markt und die Menschen unterstützt werden müssen und nicht einfach durch die Auslegung einer Richtlinie dieser Institution beraubt werden dürfen“, meint die Hannoveranerin.

Mittlerweile stehen die Chancen dafür wieder recht gut, denn der Stadt liegt ein erster Entwurf des TÜV-Gutachtens vor. Dieser bestätigt laut Brinkmann die Hoffnung der Stadt, dass der endgültige Achtungsabstand auf maximal 200 Metern reduziert werden könnte. Die Ratio-Halle ist etwa 400 Meter entfernte und läge dann außerhalb des betoffenen Bereichs, sodass der Flohrmakt wieder stattfinden könnte.

Mit einer endgültigen Fertigstellung des TÜV-Gutachtens rechnet die Stadt noch vor Weihnachten.

Von Stephanie Zerm


Anzeige

Laatzen ist ...

  • ... eine Stadt südlich von Hannover mit mehr als 40.000 Einwohnern.
  • ... mit dem Park der Sinne und dem Luftfahrtmuseum ein beliebtes Ausflugsziel.
  • ... Heimat der Wasserball-Bundesligamannschaft SpVg Laatzen.
  • ... während großer Messen auch Haltepunkt für ICE-Züge.
  • ... 6x pro Woche Thema in den Leine-Nachrichten, die als Heimatzeitung in Laatzen der Neuen Presse beiliegen. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.
Ihre Region
° °
%
km/h
° °
%
km/h
° °
%
km/h
° °
%
km/h