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Nachrichten Mit 32: Aus-Zeit vom Job im Oldtimer-Reisemobil
Region Isernhagen Nachrichten Mit 32: Aus-Zeit vom Job im Oldtimer-Reisemobil
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16:45 11.03.2018
Fritz und Crew Quelle: Martin Lauber
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Isernhagen N.B.

  Klar. Sie könnten locker eine Eigentumswohnung in Berlin anzahlen mit dem Geld, das sie dort in den letzten Jahren in der Werbe- und E-Commerce-Branche verdient und zur Seite gelegt haben. Aber ist es das wirklich, was sie wollen: Sehr viel arbeiten und sehr wenig daneben? „Wir wollen uns Zeit geben, das herauszufinden“, sagen Jana Schilling und Fabian Menzel. 

Statt einer Immobilie wird „Fritz“ den beiden 32-Jährigen dabei helfen – Fritz ist schon mal vorgefahren Richtung Amerika. Am Mittwoch ist der eigenhändig als Wohnmobil ausgebaute Mercedes-Transporter von Isernhagen aus nach Bremerhaven und dort aufs Schiff gerollt. In drei Wochen gibt es ein Wiedersehen jenseits des großen Teichs - im Hafen von Long Beach, Los Angeles. Ab dem 4. April werden die sechs Meter zwischen Nebelscheinwerfern und der Heckleiter, die auf Fritz' Sonnenterrasse mit den Solarpanels führt, bis auf weiteres das mobile Zuhause der beiden Deutschen sein. Und vielleicht auch ihr Homeoffice. „So lange das Meer rechts liegt“, sagt Jana, „stimmt die Richtung“. Das funktioniert in Richtung Patagonien wie auch retour –und erinnert irgendwie an Janosch: Panama ist bekanntlich überall.

Typ: 407 D Quelle: Martin Lauber

 Jana Schilling, die internationales Informationsmanagement studiert hat, ist in K.B. aufgewachsen. Vor dreieinhalb Jahren lernte sie in Berlin den studierten Betriebswirt Fabian aus Spandau lernen und lieben. Zwei hart malochende Gutverdiener in Start Ups, die aber auch eine andere Seite haben: „Vernünftig sein“, verrät die Isernhagenerin und strahlt dabei, „das steht uns nicht gut“. Man könnte das Ersparte ja auch als Budget für ein Abenteuer verwenden?

 Es wird sich herausstellen, ob es unvernünftig war, für 850 Euro einen vermoosten Mercedes 407 D zu kaufen, der mit eingeschlagenen Scheiben und durchweichtem Interieur auf einer Wiese in Brandenburg vor sich hin rottete: 72 Diesel-PS für 2,7 Tonnen Leergewicht auf sechs Rädern, mit 262.000 Kilometern auf dem Tacho aber „gerade erst eingefahren“, wie Fabian Menzel schmunzelt. „Der Zustand war eine Katastrophe“, erinnert sich Jana. Dieses Wrack neben dem anspruchsvollen Job in nur fünf Monaten in ein zuverlässiges Reisemobil zu verwandeln, dazu gehörten Tatkraft und 14-Stunden-Tage. 

Aber warum „Fritz“?Das Fahrzeug wurde vor 35 Jahren, wie sich beim Studium der Autopapiere herausstellte, genau am Geburtstag von Janas Großvater Fritz zum Straßenverkehr zugelassen. Und auch auf Fabians Seite gibt es eine Reminiszenz: Seine Großeltern besaßen ein Kohlecontainerschiff dieses Namens. Mercedes-Oldtimer Fritz wurde seit Ende August 2017 bis auf die Blechhülle entkleidet, allgegenwärtiger Rost weggeflext, jeder Quadratzentimeter geschliffen, grundiert und gestrichen. Der Bau der funktional-schlichten Möblierung klappte auch ohne allzu große handwerkliche Erfahrung erstaunlich gut. Mal wurde unter freiem Himmel gearbeitet, mal in einer kalten, in der Schlussphase in einer beheizten Halle. „Es war eine tolle Erfahrung, wie viele Leute wir durch das Auto kennengelernt haben“, verbeugt Fabian sich nachträglich vor Ratgebern und Helfern aus der Bastler-Szene. 

"Erst mal alles nackig gemacht". Quelle: privat

Fritz’ letzte Rüst- und Packstation vor der Einschiffung ist zugleich auch die Interims-Wohnadresse seiner Besitzer bis zu deren Abflug nach Amerika. Es ist der Gernshof am Ortfelde in Isernhagen N.B., wo Janas Eltern leben. „Next Stop USA“ steht auf einem von Berliner Freunden zum Abschied geschenkten Schild hinter Fritz' Windschutzscheibe. Das Mobil mit Berliner Kennzeichen für historische Fahrzeuge ist unauffällig anthrazitfarben gerollt und hat eine weiße Bauchbinde. Auch drinnen ist die Linie klar, von Schnickschnack und Hippie-Attitüde keine Spur. 

Der Himmel aus weiß angestrichenen flexiblen Schrankrückwänden hat komfortable Stehhöhe. Die Fliesen über der Spüle sind mit Silikon verfugt, damit sie sich auf der langen Reise nicht von der Wand rütteln. Im Holzkasten unter einem der Sitze verbirgt sich die von drei  100 -Watt-Solarpanels gespeiste, zentnerschwere Zweitbatterie mit 220 Amperestunden. Sie liefert den Strom für den bei Ebay ersteigerten Kühlschrank und den gebrauchten Herd. Der silberne Hirschkopf mit Geweih neben dem Durchgang zum Bett stammt aus der gemeinsamen Berliner Wohnung, die beide wie ihre Jobs gekündigt haben. Er reist „fürs Heimatgefühl“ mit. Geschlafen wird im Bus quer zur Fahrtrichtung – über zwei Klappfahrrädern und dem Surfbrett.

 Ungefähr 10.000 Euro stecken insgesamt in dem Mercedes-Oldtimer. Das angesparte Reisebudget soll mindestens für ein Jahr ausreichen. Dass sich unterwegs in Latein- und Südamerika bei ihrer Qualifikation und mithilfe von Laptops und Internet Einkommen generieren lässt, das steht für das Online-versierte Paar außer Frage – wobei Fabian sich nicht zur Gemeinde der „digitalen Nomaden“ zählen lassen will. Er sagt ganz ehrlich: „Ob wir überhaupt wieder ganz klassisch in Jobs wie vorher zurückkehren werden, weiß ich nicht.“ 

Das ist ja gerade eine der Fragen, die beide klären wollen. Mit Fritz und all ihrer Gewissheit, dass es immer einen Weg gibt – notfalls auch mit 72 PS über einen Andenpass. Ersatzkupplungsscheiben sind an Bord.

Von Martin Lauber

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