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Nachrichten Anti-Mobbing-Coach spricht an der IGS
Region Isernhagen Nachrichten Anti-Mobbing-Coach spricht an der IGS
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15:45 22.10.2018
„Welche Schimpfwörter kennt Ihr?“, fragt Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl die Isernhagener IGS-Schüler - und bekommt Dutzende Antworten. Quelle: Frank Walter
Altwarmbüchen

Carsten Stahl hat eine klare Botschaft für die Isernhagener IGS-Schüler: Er ist einer von ihnen, denn er kennt beide Seiten. Als Krimineller war er Täter, doch er war auch Opfer – Opfer von Mobbing, wie es auch an der Gesamtschule in Altwarmbüchen vorkommt. Und mit seiner klaren Ansprache im Anti-Mobbing-Seminar am Montagmorgen dringt Stahl durch zu den Jugendlichen, von denen viele ihn als Hauptdarsteller aus den Wiederholungen der RTL2-Pseudo-Doku-Soap „Privatdetektive im Einsatz“ kennen.

Jens Könecke formuliert es zunächst dezent: „Wir haben beim Zusammenleben noch Luft nach oben“, sagt der IGS-Leiter zur Begründung, warum diese Schulwoche anders beginnt als üblich. Doch dann wird Könecke deutlich: „Quasi jeden Tag kommt einer und sagt: ’Der hat mich geschlagen, der hat mich beleidigt, der ist blöd.’“

Geschlagen, beleidigt, erniedrigt wurde auch der damals zehnjährige Junge aus Berlin, von dem Stahl den IGS-Schülern erzählt. Fünf Jugendliche hatten den pummeligen Jungen mit den roten Haaren und Sommersprossen immer wieder malträtiert, bis der sich nicht mal mehr in die Schule traute. Eine neuerliche Begegnung endet für den Zehnjährigen dramatisch: Hinabgeschubst in eine tiefe Baugrube, mit Prellung und einer gebrochenen Rippe, vollgepinkelt von den Angreifern, lag er dort in der Dunkelheit und Kälte und rief dennoch nicht um Hilfe. Er wollte nicht mehr weiterleben, wollte endlich Ruhe haben.

Dass ein Schüler in der Agora des Schulzentrums herumalbert, während Carsten Stahl diese Geschichte erzählt, kann der Anti-Gewalt-Trainer nicht ertragen. Denn es ist seine eigene Erinnerung, seine eigene Geschichte. Carsten Stahl war vor 35 Jahren das Opfer von Mobbing. Dass er später selbst zum Täter wurde, fast zwei Jahrzehnte als Krimineller unterwegs war, gar als „Pate von Neukölln“ galt, ist heute für ihn ebenso Teil seiner Vergangenheit wie die 289 Folgen als Privatdetektiv im Privatfernsehen. Als junger Vater brach er mit der Unterwelt, und als sein Sohn zwei Tage nach der Einschulung selbst zum Mobbing-Opfer wurde, verschrieb er sich dem Kampf gegen die verbale und körperliche Gewalt – und hat darüber bis heute bundesweit vor mehr als 36.000 Schülern gesprochen.

Seine Botschaften hämmert der Personenschützer und Kampfsportler wie mit einem Presslufthammer ins Publikum. Das Mikrofon nutzt Stahl selten, er schreit mehr als er redet. „Mobbing ist ein Geschwür unserer Schulen, unserer Gesellschaft verroht. Das ist ein Teufelskreis der Beleidigungen, der Erniedrigungen.“ Kein Kind könne lernen, „wenn es mit Angst in der Schule sitzt“. Und: „Jeder Lehrer, der sagt, es gebe an seiner Schule kein Mobbing, der lügt.“ Jeden zweiten Tag bringe sich in Deutschland ein Kind wegen Mobbings um, jede Woche gebe es eine halbe Million Mobbing-Fälle.

Stahl spricht Klartext, und die Schüler dürfen es auch: Übelste Schimpfwörter fliegen durch den Raum, als Stahl die IGS-Schüler danach fragt. Die haben ihren Spaß dabei, doch der vergeht den Jugendlichen schnell, als der Coach ihnen den Schutz der Gruppe nimmt. Stahl spricht Einzelne an, fragt, ob sie selbst „Hurensohn“ oder „Schlampe“ genannt werden wollen – wollen sie nicht. Und so wird aus dem unterhaltsamen Treffen mit einem TV-Promi eine ernste Angelegenheit, bei der mancher Schüler letztlich sogar Tränen vergießt.

Ermöglicht hat den Anti-Mobbing-Tag Helge Mensching. Der Geschäftsführer des 96-Hauptsponsors Heinz von Heiden aus Isernhagen H.B. hatte Stahl bei einem Bundesligaspiel kennengelernt. Gemeinsam haben die beiden mittlerweile die Kooperation „Massiv gegen Mobbing“ gegründet. Für das Heimspiel von 96 gegen Hertha BSC am 1. Dezember sind Aktionen im Stadion geplant, um ein Zeichen gegen Mobbing zu setzen. „Das Thema ist omnipräsent und gehört viel mehr in die Öffentlichkeit“, meint Mensching, der selbst in Altwarmbüchen und Langenhagen zur Schule gegangen ist.

Von Frank Walter

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