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Ein Schild warnt vor Astbruch im Wald an der Grundschule Arnum.

Ein Schild warnt vor Astbruch im Wald an der Grundschule Arnum.
© Andreas Zimmer

Hemmingen

Streit um Schatten und Pollenflug

Fast 50 städtische Bäume sollen in Hemmingen gefällt werden. Etliche wegen Sturmschäden, aber auch manche, weil sie Schatten auf Solaranlagen werfen. 

Hemmingen.  Wenn durch einen städtischen Baum Schatten auf die Photovoltaikanlage eines Privathauses fällt, muss die Stadt Hemmingen dann die Kreissäge ansetzen? Soll sie Birken pflanzen, obwohl viele Menschen allergisch auf die Pollen reagieren? Um diese Fragen ist der Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt in seiner jüngsten Sitzung gekreist. 

Der Anlass: Die Verwaltung hat für Herbst und Winter eine Liste mit 50 städtischen Bäumen vorgelegt, die gefällt werden müssen, weil zum Beispiel der Stamm fault, oder sollen, weil Bürger sich aus den unterschiedlichsten Gründen an ihnen stören. Auch geplante und erledigte Neupflanzungen sind aufgeführt, darunter  eine Birke auf der sogenannten Senderwiese nahe der Hohen Bünte, was einige Ausschussmitglieder auf den Plan rief. Roswitha Mühe von der Stabstelle Freiraumplanung und Gewässerunterhaltung verteidigte das Vorgehen der Verwaltung. „Wir versuchen ausgewogen zu entscheiden“, sagte sie. „Die Birke ist außerhalb einer Siedlung.“ Die Wiese befindet sich an einem Weg vom Köllnbrinkweg zum Sportplatz. Dort stand bereits eine Birke, die beim Sturm Xavier im Oktober beschädigt wurde. „Die Birke gehört zu den standortheimischen Bäumen. Wir können sie doch nicht verdammen, denn in der Leineaue zum Beispiel wachsen sie auch.“ Der Pollenflugmache an der Stadtgrenze Hemmingens schließlich nicht Halt. Holger Falke (DUH) sagte: „Ja, aber wir müssen die Belastung nicht noch erhöhen.“ Nun ergriff Fachbereichsleiter Axel Schedler das Wort: „Ich kann die Birken-Debatte nicht nachvollziehen.“ Es gebe zig Bäume, auf deren Pollen Menschen allergisch reagieren. An die Kommunalpolitiker gerichtet sagte er: „Wenn Sie beschließen keine Birken zu pflanzen, machen wir das, aber zielführend ist das nicht.“ Die Verwaltung will nun noch einmal prüfen, welcher anderer Baum sich eignet.

Eine Birke – allerdings eine in voller Pracht an der Göttinger Straße in Arnum - war es auch, die die weitere Debatte bestimmte. Ein Anwohner hatte die Stadt aufgefordert, den Baum zu fällen. Die Verwaltung erläuterte, die Wurzeln wachsen durch den Vorgarten in Richtung des Wohnhauses, so dass Schäden an Leitungen und an der Grundmauer drohen. Mühe jedoch erklärte: „Für uns ist noch kein Schaden erkennbar.“ Deshalb werde die Stadt die Birke stehen lassen. Ulrike Roth (Bündnisgrüne) begrüßte dies: „Alles Andere wäre ein fatales Signal.“ 

Gleich bei mehreren Solaranlagen im Stadtgebiet verursachen Bäume Probleme. Auf dem Gelände des Kindergartens Devese sollen zwei junge Spitzahorn weichen, weil sie Schatten werfen. An der Kindertagesstätte Harkenbleck steht ein Baum zu dicht am Gebäude, so dass zu viel Schatten auf der Solaranlage liegt. Auch an der Yvetotstraße in Hemmingen-Westerfeld wirft ein Baum Schatten. Die Mehlbeere steht seit rund 40 Jahren dort. Holger Falke forderte den Baum zu fällen, wovor Schedler warnte. Der Fachbereichsleiter sagte, es gebe viele Bäume im Stadtgebiet, die seit Jahrzehnten dort wachsen, bevor Solaranlagen installiert wurden. „Bei jeder neuen Anlage könnten Anwohner dann sagen, der Baum müsse weg. Das kann zum Beispiel bei einer Allee problematisch werden.“ Rückendeckung gab es von Ulrike Roth: „Wir kommen in Teufelsküche, wenn wir private Anliegen zum Anlass nehmen, Bäume zu fällen.“ Vielmehr seien die Anwohner in der Pflicht, den Standort für ihre Solaranlage vorher genau zu prüfen. Der Baum bleibt nun stehen. Die Verwaltung argumentiert in einem Erläuterungsbericht: „Es handelt sich um einen vitalen Baum in der Altersphase, der bereits lange vor Errichtung der Solaranlage sein endgültiges Kronenwachstum erreicht hat.“ 

Bei der Baumfällliste handelte es sich, wie in den vergangenen Jahren auch, nur um eine Informationsdrucksache. Dirk Fahlbusch (SPD) gab zu bedenken, wenn die Politiker entscheiden sollen, müssten sie sich zuvor jeden Baum angesehen haben. 

Diese Bäume werden gefällt

Im Hemminger Stadtgebiet sollen insgesamt 48 gefällt werden. Allerdings wird für jeden beseitigten Baum ein neuer gepflanzt: an der gleichen Stelle oder in der Nähe, sofern der Standort es zulässt. Bei neun Bäumen will die Stadt aber darauf verzichten. Dort will die Stadt die Natur sich selbst überlassen. So werden zwar 39 Bäume aus dem Stadtbild verschwinden, aber es sind 46 Neupflanzungen geplant. 17 Bäume sind laut Verwaltung schon auf dem Friedhof Hemmingen-Westerfeld gepflanzt worden. Weitere 29 Bäume sollen an anderen Stellen in diesem Herbst und Winter sowie im Herbst 2018 folgen. Aus früheren Jahren ist alles erledigt: Alle geplanten Ersatz- und Neupflanzungen aus der Baumfällliste 2016/2017 sind abgehakt, teilt die Verwaltung mit. Die Bäume, die gefällt werden sollen, sind schnell zu erkennen: Sie sind mit zwei orangefarbenen, waagerechten Strichen gekennzeichnet. Sie stehen in folgenden Stadtteilen: 

Arnum: Murowana-Goslina-Park (Kirschbaum, Robinie), Beethovenstraße (Vogelbeere), Spielplatz Hinter der Mühle (Kastanie), Wald an der Grundschule (15 Bäume, darunter Eichen, Eschen und Hainbuchen), Wall hinter dem Spieplatz Dresdener Weg (Kirschbaum).

Devese: Spielplatz Freda-Wuesthoff-Straße/Grünzug Otto-Hahn-Straße (3 Kastanien), Kindergarten (zwei Spitzahorn).

Harkenbleck: Kindergarten (Birke).

Hemmingen-Westerfeld: Büntesee (8 Bäume, darunter Weiden, Pappeln und Eschen) Dorfstraße am Kulturzentrum bauhof (2 Kirschbäume), Hohe Bünte, Parkplatz am Strandbad (Lederhülsenbaum) und nördlich der sogenannten Senderwiese (Birke) sowie am Pumpwerk (2 Rotbuchen), Holzwiesen (Platane), Klewertweg (Vogelbeere), Maschgraben (3 Eschen), Mittelweg östlich Büntesee (Weide), Weetzener Landstraße im alten Bereich des Friedhofes (Schwarzerle).

Wilkenburg: Parkplatz am Friedhof (Birke).

Schulwald nach Sturm gesperrt 

Das Ausmaß des Sturms Xavier in Hemmingen für die Stadt steht jetzt im Detail fest. 28 städtische Bäume sind dabei beschädigt worden: 

15 Bäume im Wald an der Arnumer Grundschule, 

8 Weiden, Pappeln und Eschen im Naturwald am Büntesee sowie 1 Weide am Wanderweg östlich des Büntesees,

3 Bäume im Grünzug am Maschgraben, 

1 Birke an der sogenannten Senderwiese in Hemmingen-Westerfeld. 

Die neun Bäume am Büntesee sollen nicht ersetzt werden. In einem Erläuterungsbericht schreibt die Verwaltung: „Mit Ausnahme der Verkehrssicherung im Randbereich von Wander- und Freizeitwegen werden die Waldstreifen seit langem der Eigenentwicklung überlassen. Durch den Prozess der natürlichen Sukzession schließen sich Lücken in kürzester Zeit durch den vorhandenen Baum- und Gehölzjungwuchs.“ Ersatzpflanzungen an der Arnumer Wäldchenschule seien wegen der „dichten Hochwaldstruktur nur bedingt möglich“. Mindestens fünf Bäume sollen es sein, doch endgültig entschieden werden könne erst nach dem Fällen. 

Auch an der Arnumer Landwehr und am Hemminger Maschgraben gab es laut Verwaltung „massive Sturmschäden“. Hierfür ist der Verband Mittlere Leine zuständig. Informationen zu Baumfällungen an den Bundes-, Landes- und Regionsstraßen liegen der Stadtverwaltung von den zuständigen Behörden noch nicht vor. 

Von Andreas Zimmer


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Hemmingen ist ...

  • ... eine Stadt südlich von Hannover mit sieben Stadtteilen und mehr als 18.000 Einwohnern
  • ... von der Fläche her die kleinste Kommune in der Region Hannover
  • ... Standort eines großen NDR-Sendemasten
  • ... seit Jahre uneins über die geplante Ortsumgehung. Einen Anschluss an die Stadtbahn wird es aber erst geben, wenn die Umgehung fertig ist.
  • ... 6x pro Woche Thema in den Leine-Nachrichten, die als Heimatzeitung in Hemmingen der Neuen Presse beiliegen. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.