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13:11 03.12.2017
Tim Boltz und Corinna Fuhrmann interpretierten die Weihnachtsgeschichte im bauhof in Hemmingen. Quelle: Andrea Weber
Hemmingen-Westerfeld

Bereits zum zweiten Mal war der Literatur-Comedian Zeno Diegelmann alias Tim Boltz im beinahe ausverkauften Kulturzentrum bauhof zu Gast. Diesmal mit seinem Bestseller „Oh, Pannenbaum – wie man Weihnachten überlebt“, den er unter seinem Weihnachtspseudonym Chris Kind veröffentlicht hat. Nach zwei äußerst kurzweiligen und unterhaltsamen Stunden wollte das begeisterte Publikum Boltz kaum von der Bühne lassen.

„Ich muss Sie gleich am Anfang des Programms etwas enttäuschen. Ich bin nicht der echte Weihnachtsmann...“ Mit diesen Worten eröffnete Tim Boltz am Samstagabend sein Bühnenprogramm. Standesgemäß betrat er im Weihnachtsmannkostüm die Bühne. Seine musikalische Begleitung am Klavier Corinna Fuhrmann kündigte er als Rauschgoldengel aus Berlin und wegen ihrer Körpergröße als echte Nordmanntanne an. Gleich die ersten Gags zünden. Warum hat der Weihnachtsmann so einen dicken Sack? Weil er nur einmal im Jahr kommt! Die Zuschauer hält es kaum auf ihren Sitzen. 

Zynisch, provokant und mit rabenschwarzem Humor bringt Tim Boltz die Tücken des Weihnachtsfestes zwischen Gemütlichkeitsterror und Fressgelagen pointiert und sprachlich brillant auf den Punkt.

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte versetzt die Heilige Nacht in die heutige Zeit. Maria ist minderjährig, aus Josef wird Yussef, ein Moslem, und die beiden bringen als Migranten in einem fremden Land ein Kind zur Welt. Als Yussef in bestem Türkdeutsch die Geburt seines Sohnes mit „Oh Mann, was für ein Abfuck-Tag“ kommentiert, brüllt das Publikum vor Lachen. Die drei Weisen aus dem Morgenland entpuppen sich als Beamte, die für Recht und Ordnung sorgen wollen. Sie begrüßt Yussef mit den Worten: „Wir kaufen nix, Du Opfer!“ Die Zuschauer lachen Tränen. 

In vielen Facetten hält Tim Boltz den Zuschauern den Spiegel des Weihnachtswahnsinns vor Augen. Heiligabend beim Discounter, die ältere Dame vor ihm an der Kasse, ein Miss Marple Double, bezahlt ihren Einkauf mit 10 Cent Münzen, natürlich ist an der Kasse, an der man sich angestellt hat, die Bonrolle alle... Und zu allem Überfluß fragt die Kassiererin ständig: „Sammeln Sie Treuepunkte?“ Auch Marzipan und die überhand nehmende Beleuchtungswut kriegen ihr Fett weg, ebenso wie Fressorgien. Horst Stemblinski aus Berlin ist zu einem Besuch beim lieben Gott eingeladen, der Schokoweihnachtsmann Rolli Rolf hat Liebeskummer, der Butterchriststollen wird als 3-Kilogramm-Rohrbombe entlarvt, die für einen Blitzkrieg im Darm sorgt.

Tim Boltz fragt sich ernsthaft, wann bei fröhliche Weihnachten, das „fröhliche“ verloren gegangen ist. Und trotzdem ist er kein Weihnachtsmuffel und liebt das Fest.

Das Publikum ist hingerissen. Detlef und Renate Große aus Hemmingen sind regelmäßig im bauhof. Sie finden, dieses Programm fällt total aus dem Rahmen. Detlef Große sagt begeistert: „Halleluja, was für ein schöner Abend!“

Am Nebentisch haben sich vier Landfrauen aus Hemmingen versammelt. Auch sie besuchen oft die Veranstaltungen im bauhof. Sie wollen das Weihnachtsfest auch von der humoristischen Seite betrachten. Das Programm gefällt ihnen sehr gut: „Wir brauchen alle was zu lachen.“

Petra Kniesburges aus Pattensen, regelmäßiger Gast im bauhof, hat in einer Ankündigung von Tim Boltz erfahren und fühlte sich gleich angesprochen. „Ich lache unheimlich gern und Yussef war der Klopfer!“ Für sie hat sich der Abend gelohnt. Sie durfte viel und ausgiebig lachen.

Das bunte Potpourri aus Textlesungen, Gedichten und am Klavier begleiteten Liedern kam an und riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Es blieb kein Auge trocken... Die knapp 100 Zuschauer wollten Tim Boltz kaum von der Bühne lassen, um eine Zugabe kam er nicht herum. Und er gab seinen Gästen eine Botschaft mit auf den Weg: „Holen Sie sich das ,Fröhliche’ zurück...“

Von Andrea Weber

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