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Region Garbsen Nachrichten Pastorin Sander verlässt Schloß Ricklingen
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00:16 15.09.2018
"Es war ein offenes, vertrauensvolles Miteinander": Nach 15 Jahren verlässt Pastorin Susanne Sander die Kirchengemeinde Schloß Ricklingen. Quelle: Gerko Naumann
Schloß Ricklingen

Oft sind es die scheinbar beiläufigen Begegnungen, die symbolisch für das große Ganze stehen. Eine solche hat Pastorin Susanne Sander vor einigen Wochen erlebt. Sie war noch mit den letzten Vorbereitungen für einen Gottesdienst in Schloß Ricklingen beschäftigt, der zehn Minuten später beginnen sollte. Da machte ein Paar, das gerade auf einer Fahrradtour unterwegs war, vor der Barockkirche Halt. Sander lud die beiden spontan ein, zu bleiben. Das Paar überlegte kurz – und willigte dann ein. „Nach dem Gottesdienst haben mir die beiden gesagt, wie gut es ihnen gefallen hat“, erinnert sich Sander. Genau dieses Gefühl habe sie den Menschen in ihrer Gemeinde in den vergangenen 15 Jahren vermitteln wollen: „Die Leute sollen aus der Kirche rausgehen und sagen: Das war schön, das hat mir etwas gebracht.“

Entscheidung ist reiflich überlegt

Am Sonntag wird Sander zum letzten Mal einen Gottesdienst in der ältesten und für viele schönsten Kirche in Garbsen halten. Eine Nachfolgerin ist mit Rieke Zeller bereits gefunden. Sander hat sich ihre Entscheidung lange überlegt. Es sei keine Entscheidung gegen die Gemeinde, betont sie. „Ich will mehr Zeit für meine Familie haben.“ Deshalb konzentriert sie sich beruflich auf ihr zweites Standbein als Studienleiterin am Zentrum für Erwachsenenbildung am Stephansstift in Hannover. Dort hat sie bereits seit 2016 eine halbe Stelle, die sie auch bewusst nicht aufstocken will.

Die Gemeinschaft der Menschen in Schloß Ricklingen wird Sander vermissen. „Es war immer ein offenes und vertrauensvolles Miteinander“, sagt sie. Vor allem das Engagement der vielen Ehrenamtlichen hat ihr imponiert. „Von den Jugendlichen Teamern bis zum Pastor im Ruhestand haben viele Menschen dazu beigetragen, hier immer wieder etwas Neues auszuprobieren“, sagt die 52-Jährige. So habe die Gemeinde etwa einen Gottesdienst vorbereitet, in dem sich die Besucher in Altersgruppen aufgeteilt und über das gleiche Thema gesprochen haben. „Am Ende haben sich alle ihre Erkenntnisse vorgetragen, das war einmalig“, sagt die scheidende Pastorin.

Kirchenaustritte „treffen die Gemeinde“

Ein Thema, das Sander hingegen seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet, ist dagegen die steigende Zahl von Kirchenaustritten. Immerhin: In Schloß Ricklingen sind noch 1100 der etwa 2500 Einwohner Mitglied in der Kirche, aber auch hier ist ein Trend klar erkennbar. „Die Menschen sollten sich ihre Entscheidung gut überlegen, weil sie die Gemeinde vor Ort damit massiv treffen“, betont Sander. Angebote wie Kindergärten, Seelsorge in Kliniken und Tagestreffs seien nur aufrecht zu erhalten, wenn das „soziale System stabil bleibt.“

Die Entscheidung, Pastorin zu werden, hat Sander trotzdem nie bereut. Und das will sie auch bleiben. „Das ist eine Berufung, die auf Lebenszeit gilt“, sagt sie. Ob sie jemals wieder eine eigene Gemeinde leiten wird, weiß sie hingegen heute noch nicht. „Aber man soll ja niemals nie sagen.“

Info: Der letzte Gottesdienst inklusive der Entpflichtung von Pastorin Susanne Sander in Schloß Ricklingen beginnt am Sonntag, 16. September, um 15 Uhr in der Barockkirche.

Kette der Herausforderungen reißt nicht ab

Kirchengemeinde Schloß Ricklingen im Jahr 2003: Es gab noch keinen Kirchwein, kein Kochduell der Konfirmanden und keinen Hort im Gemeindehaus. Die herausragende Reihe Schloß Ricklinger Konzerte war jung und brauchte Schub. Der Kindergarten war gut, aber betagt und zu klein. Niemand ahnte damals, dass die Gemeinde zwei Jahre später vor der Entscheidung stehen würde: Gemeindehaus-Abriss und -Neubau oder Erhalt, aber mit viel eigenem Geld. Und nur wenige wussten, dass die nächste Kirchensanierung die Nerven aller Beteiligten bis zum Zerreißen fordern würde. Die Amtszeit von Susanne Sander war eine Zeit besonderer Herausforderungen.

310.000 Euro sollte die Sanierung des Gemeindehauses 2005 kosten. Keine Chance, auch nur annähernd diese Summe von der Landeskirche zu erhalten. Und die Gemeinde selbst stand schon bei den jährlichen Betriebskosten in den roten Zahlen. „Wir brauchen dieses große Haus für einen lebendigen Ort“, sagte Sander damals. Ihr Kirchenvorstand öffnete das Haus, zog Miete von Vereinen und Gruppen ein, gründete den Förderkreis, sammelte Spenden, und baute das Dachgeschoss mit Geld von Stadt und Region zum Hort aus. 60 Ehrenamtliche leistetet 2000 Arbeitsstunden. Das Finanz-Konzept scheint bis heute zu funktionieren.

Nächste Baustelle: Kindergarten. 2011 hätte sich Sander gewünscht, Hort, Kindergarten und die neue Krippe am Gemeindehaus zusammenzufassen und die Immobilie am Pfarrkamp aufzugeben. Aber das „Geschäft“ war mit der Stadt nicht zu machen. So brüteten Kita-Leiter Thomas Kühne, Kirchenvorstand und Stadt den Teilneubau am Pfarrkamp aus – es waren lange Verhandlungen, aber es wurde eine gelungene Arbeit für Schloß Ricklingens Zukunft als lebenswerter Wohnort.

Fast zeitgleich ließen sich die Heizung in der Kirche und die Glocken kaum noch zum Arbeiten bewegen. Was danach folgte, war vermutlich die größte Herausforderung für Sander und ihre Ehrenamtlichen. Komplette Erneuerung der Heizung, der Elektrik, der Licht- und der Tonanlage, Sanierung der Stukkaturen, Sanierung des Glockenturmes. Feuchtigkeit hatte sich in der Kirche breiter gemacht, als geahnt. Zwei Jahre lang war die Kirche Baustelle. Die Kosten stiegen auf mehr als 350.000 Euro. Die Gemeinde musste richtig klotzen, kleckern half nichts mehr. Sie sammelte Geld ohne Unterlass und gab Patenschaftsurkunden gegen Spenden aus. „Rette mich, wer kann“ hieß die Aktion, mit der es gelang, innerhalb von zehn Monaten 100 000 Euro an Spenden und Eigenleistungen aufzubringen. Dafür gab’s von der Landeskirche den Fundraising-Preis.

Weniger preiswürdig war der Versuch des Kirchenvorstandes, das Ruhewald-Projekt des Humanistischen Verbandes zu verhindern. Der Verband will bis heute den städtischen Friedhof plus den Wald daneben übernehmen. Die Gemeinde hielt 2016 dagegen. Aber sie musste sich vom Kirchenkreisamt vorrechnen lassen, dass sie sich das Projekt nicht auch noch leisten kann.

Wenn Susanne Sander am Sonntag ihre Seelsorgerschaft beendet, hinterlässt sie eine wache, lebendige und vor allem ehrenamtlich sehr starke Gemeinde – die Herausforderungen haben offenbar zusammengeschweißt. Als Spender vor der bedeutendsten Barockkirche in Norddeutschland und vor dem alten Gemeindehaus zu stehen und sagen zu können: „Das ist auch mein Werk“, das kann in Garbsen so nur das Dorf Schloß Ricklingen bieten. Susanne Sander ist – vielleicht qua Beruf – zu bescheiden, um sich wenigstens einen Teil dieses Erfolges zuzuschreiben. Aber sie hat sich die hohe Anerkennung verdient, auf halber Stelle mit ganzem Herzen und oft über ihre Kraft hinaus Gemeinde gelebt zu haben, nach Innen wie nach Außen.

Von Gerko Naumann

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