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Region Garbsen Nachrichten In Paderborn entsteht das neue Willehadi-Fenster
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00:20 09.09.2018
Glaskünstlerin Christiane Schwarze-Kalkoff hat das neue Willehadi-Fenster entworfen und sieht es beim Besuch am 15. August zum ersten Mal während des Fertigungsprozesses. Quelle: Jutta Grätz
Auf der Horst/Paderborn

 Sanft, fast liebevoll, streicht Christiane Schwarze-Kalkoff über das opalblaue Glas. Ganz nah geht sie ran – schaut auf jedes Detail des malerisch gestalteten Mittelstreifens in dunklerem Blau, der daneben liegt. Die Glaskünstlerin aus Halle an der Saale, die das neue Fenster für die Willehadi-Kirche entworfen hat, steht in den Werkstätten der Glasmalerei Peters in der Nähe von Paderborn. An diesem Tag sieht sie zum ersten Mal, wie ihr Entwurf im Original aussieht. Neben ihr schauen und staunen Willehadi-Pastorin Renate Muckelberg, Günter Seeber vom Bauausschuss der Gemeinde und Gerd Lauterbach, Architekt der neuen Kirche. Zwölf Freunde und Förderer der Gemeinde haben sich auf den Weg nach Paderborn gemacht, um zu sehen, wo und wie das neue Fenster „ihrer“ Kirche entsteht.

Es ist ruhig in den Räumen der Glasmalerei, gleichzeitig erzählt jeder Gegenstand wie in einem Museum kraftvoll eine Geschichte. Prokurist Christoph Sander nimmt die Besucher mit auf einen Spaziergang durch die Ateliers der Glaskünstler. An den Wänden hängen Skizzen und Glasobjekte, etwa die farbenfrohe Entwürfe für eine moderne, meterlange Glasinstallation, die bald den Eingangsbereich der Metro in New York schmücken soll. Jede wiegt mehr als 200 Kilogramm. In einem anderen Raum trägt ein Glasmaler die Farben dafür auf, eine Mischung aus pulverisiertem Glas, Farbpigmenten und Metalloxyden. „Rund 1200 Farben haben wir auf Vorrat“, sagt Sander.

Fenster werden bei 600 Grad Celsius gebrannt

Die vier Meter hohen Mittelstreifen für das Willehadi-Fenster liegen auf einfachen Holzböcken in einer hohen Halle, jedes der insgesamt neun Einzelelemente ist anders gestaltet. „Die Scheiben im Mittelbereich werden sandgestrahlt, anschließend bemalt und bei 600 Grad Celsius eingebrannt“, erklärt Künstlerin Schwarze-Kalkoff. Bis auf einen sind alle Mittelstreifen in Blautönen gestaltet – der Streifen in der Mitte öffnet sich wie ein Lichtstrahl, der aus erdigem Orange in hell-flirrendes Gelb übergeht. „Dieser Mittelstreifen ist einfach wow“, entfährt es Pastorin Muckelberg. „Was für eine Kraft, die da quasi aus dem Boden kommt.“ Der Entwurf vereine Strenge, Dynamik und Harmonie, sagt Robert Hesse beeindruckt. Er und seine Ehefrau Ellen finanzieren diesen Mittelstreifen – „eine Herzensangelegenheit“, wie er sagt.

„Die Fertigung des vier mal vier Meter großen Fensters besteht aus vielen Arbeitsschritten und ist sehr komplex“, sagt Sander. Die individuellen Mittelstreifen werden eingebettet in breitere Streifen aus mundgeblasenem Echtantikglas in leuchtendem Opalblau. Eine transparente Glasscheibe aus Sicherheitsglas wird beim Einbau davor gesetzt. „Das reizt so richtig zum Berühren“, sagt Gemeindemitglied Rosemarie Kühne.

Glasmalerei übersetzt Ideen in die Wirklichkeit

„Glaskunst kann die Wirkung von Räumen erhöhen, sie kann Räume zerstören – aber sie kommuniziert immer mit der Architektur“, sagt Christoph Sander, Prokurist der Glasmalerei Peters in Paderborn. In den Werkstätten des 1912 gegründeten Familienunternehmens, wird das neue Willehadi-Fenster gefertigt. Die Glasmalerei mit ihren 45 Mitarbeitern zählt zu den renommiertesten Werkstätten für Glasgestaltung und Glasrestaurierung in Deutschland und hat Kunden sogar in den USA, Ägypten und Hongkong.

Die Werkstätten in dem umgestalteten Hof in Neuenbeken bei Paderborn sind mit modernsten Siebdruckanlagen, Airbrush-Räumen, sehr großen Brennöfen und Sandstrahlanlagen ausgestattet. „Glasmalerei ist eine 1000 Jahre alte Kunst, die aus dem Orient stammt“, erklärt Sander den Besuchern aus Garbsen. Anders als ein Bild wirke sie dreidimensional und meist nur an dem Platz, für den sie geschaffen worden ist. „Bei der Glasgestaltung gibt es eine strenge Trennung von Künstler und Werkstatt“, sagt Sander. „Wie übersetzen quasi die Visionen, die Ideen des Künstlers in die Wirklichkeit.“ jgz

Die Besucher aus Garbsen kommen zum richtigen Zeitpunkt: Gerade liegt eine solche Glasscheibe in einem der riesigen Brennofen – sie ist in der Nacht bei 600 Grad gebrannt worden. Die Struktur ist frei modelliert und wurde dafür vorher in ein Gipsbett gelegt. „Keine Stelle ist wie die andere“, sagt Sander. In den Werkstatträumen finden sich mehrere großformatige Brennöfen, der größte hat eine Grundfläche von sechs mal 2,50 Meter. „Da passen die Elemente für das Willehadi-Fenster gerade so rein“, sagt Sander. Bis zu neun Mitarbeiter sind nötig, um die einzelnen Scheiben aus dem Brennofen zu nehmen. Ein Hebekran ließe sich nur bedingt einsetzen. „Es gibt auch schon mal einen Knack“, berichtet Sander. Dann geht die Arbeit von vorne los.

Fenster wird am 14. Oktober eingeweiht

„Der Entwurf von Schwarze-Kalkoff ist fantastisch“, lobt Architekt Lauterbach. „Ob Lichtbrechung, Lichtreflexe, unterschiedlichste Strukturen: Sie hat alle technischen Möglichkeiten aus dem Stoff Glas herausgearbeitet.“ Sie sei neugierig gewesen und nun sehr berührt, ihren Entwurf endlich in Glas zu erleben, sagt die Künstlerin. Das nach außen gewölbte Fenster wird in der Kirche den Rahmen geben für einen kleinen Andachtsbereich. Dort steht der durch den Brand deformierte Kerzenleuchter aus Metall in Form einer Weltkugel. „Das Fenster ist eine Reaktion auf die Architektur der Kirche, ihre Situation, auf die Situation der Gemeinde nach dem Kirchenbrand vom Juli 2013“, sagt Muckelberg. „Es ist alles, was man mit einem Kunstwerk erreichen kann.“

Die Willehadi-Gemeinde weiht das neue Fenster am Sonntag, 14. Oktober, feierlich ein. Die Kosten für das Fenster samt Wettbewerb, Fertigung und Einbau belaufen sich auf rund 50.000 Euro. Getragen werden sie von der Gemeinde, der Landeskirche, der Klosterkammer und privaten Sponsoren. Das Fenster, das Schüler des Johannes-Kepler-Gymnasiums für die Bauphase und die erste Zeit danach gestaltet hatten, bekommt einen Platz in der Schule.

Glaskünstlerin Christiane Schwarze-Kalkoff hat das neue Fenster für die neue Willehadi-Kirche entworfen. Quelle: Jutta Grätz

„Die Architektur der Kirche ist meine Inspiration“ – Interview mit Christiane Schwarze-Kalkoff

Frau Schwarze-Kalkoff, wie wird man Glaskünstler?

Ein Besuch des Halberstädter Domes in der Kindheit und die enorme Leuchtkraft der mittelalterlichen Glasfenster haben mich nachhaltig beeindruckt. Nach der Schule bewarb ich für ein Studium der Glasgestaltung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Der Studienzweig Glas ist damals im Bereich angewandter Kunst neu entstanden. Ich habe von 1975 bis 1980 – also noch zu DDR-Zeiten – bei Professor Rüdiger Reinel studiert. Er war Architekt und hat uns an baubezogene Projekte herangeführt. Zum Studium gehörten auch Praktika in der Industrie, wie in der Glashütte in Derenburg und in der Bleiglaswerkstatt in Quedlinburg.

Was hat Sie für Ihren Entwurf für die Willehadi-Kirche inspiriert?

Das Fenster sollte einen Gegenentwurf zum bronzenen Christus im Altarraum darstellen. Und auf Wunsch der Gemeinde sollten die Themen Ostern, Auferstehung Hoffnung und Zuversicht aufgegriffen werden. Diese Polarität spiegelt eindrucksvoll und sehr emotional die jüngste Geschichte der Gemeinde. Die klare, fast reduzierte Architektur im Innenraum der Kirche hat mich ebenso inspiriert wie das gepflasterte Fußbodenlabyrinth auf dem Kirchvorplatz, das mit dem Fenster korrespondieren sollte. Alles ist eine Einheit, ein Ensemble.

Gab es besondere Herausforderungen?

Zudem liegt das Fenster zur Südseite. Das Sonnenlicht schafft eine enorme Helligkeit und Lichtwirkung im Raum. Das musste nicht nur bei der farblichen Gestaltung beachtet werden. Die plastisch optisch wirkenden Strukturen auf der Außenscheibe bringen das Licht in gestreuter und reflektierter Form auf die Innenscheibe des Fensters. Sie wirken wie Lichtsammler oder Lichtbringer – ohne im Innenraum zu blenden.

Wie lange haben Sie an dem Entwurf gearbeitet?

Wochenlang, ich habe die Zeit der Ausschreibung voll ausgenutzt. Nach den ersten gezeichneten Entwürfen habe ich meine Ideen am Computer visualisiert und immer wieder verändert. Und auch während der Fertigung – das sind viele, sehr komplexe Arbeitsschritte – bin ich im kontinuierlichen Kontakt mit der Glasmalerei.

Wo gibt es noch von Ihnen gestaltete Glaskunst zu sehen?

Ich entwerfe bundesweit und auch im Ausland sakrale Glasräume – von Stockholm, Büsum über Bremen und in der Nähe von Garbsen unter anderem in der St. Andreaskirche in Braunschweig. Arbeiten sind auch in Hamm, Dortmund und Gemünden zu sehen. Bereits zum zweiten Mal nehme ich an einer internationalen Ausstellung im französischen Chartres teil. Zu sehen sind dieses Mal Glasbilder, eine Ausstellung für zeitgenössische Glasmalerei mit dem Titel „Glanzlichter der Welt“.

Interview: Jutta Grätz

Von Jutta Grätz

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