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Region Burgwedel Nachrichten Anwohner wollen gegen Nachtflugregelung am Flughafen klagen
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00:18 19.09.2018
Lärm in der Luft: Ein Flugzeug im Landeanflug auf dem Hannover Airport. Quelle: dpa/Julian Stratenschulte
Langenhagen/Isernhagen/Garbsen

Fluglärm ist kein einfaches Thema. Wer dies verstehen möchte, setzt sich an einem Sommertag ein, zwei Stunden auf die Terrasse von Wolfgang Langrehr. Der SPD-Ratsherr wohnt in einem der Dörfer Langenhagens. Alle fünf bis zehn Minuten legt sich an diesem Ferientag über die Unterhaltung ein „Lärmteppich“. So nennen Gesetzesautoren, was im besten Fall nur etwas kratzig das Gespräch umhüllt. Das wirkliche Leben aber fühlt sich anders an: Mal schrill-stechend, mal dumpf-vibrierend. Mal kurz und heftig, dann wieder nervend langgezogen. Je nach Größe der Maschine, nach Gewicht, nach Wind, nach dem Punkt, an dem die Maschine tatsächlich die Bahn verlässt, überrascht das „Lärmereignis“ auf neue Weise. Erahnen lässt sich dies nicht. Und es kommt immer bedrohlich von oben. Das macht den Fluglärm so schwierig.

Zahl der Nachtflüge steigt

Auch und gerade für Gesetzgeber. Wolfgang Langrehr wohnt in seinem Dorf seit Kindertagen. Er kennt es nicht anders. Auch dass die Zahl der Flüge steigt – vor allem in der Nacht. Allein von 2014 auf 2015 nahm die Zahl der Nachtflüge von 10.958 auf 12.019 zu, kletterte bis 2017 weiter auf 12.959. An den Tagen sank sie von 65.073 (2014) auf 63.026 (2017). Zugleich stieg die Zahl der Passagiere von 5,29 Millionen (2014) auf 5,87 Millionen (2017). Wegziehen würde Langrehr deshalb nie. Lieber hat der Kommunalpolitiker im Langenhagener Rat jüngst eine Resolution der Grünen unterstützt, nach der die Niedersächsische Landesregierung aufgefordert wird, „bei der Verlängerung der Betriebsgenehmigung für den Flughafen Hannover-Langenhagen Ruhepausen im Nachtflugverkehr anzuordnen“. Und auch das zeigt, wie schwer verständlich der Fluglärm selbst für Politiker ist.

Der "Entertainer", wie sich Dieter Poppe (Mitte) selbst nennt, inmitten seiner fachkundigen Kollegen: Hans-Peter Wendorff aus Garbsen (links) und Holger Zenz aus Langenhagen. Quelle: Rebekka Neander

Denn an der Betriebsgenehmigung kann die Landesregierung gar nichts ändern. Seit dem 25. April 1952 verfügt der Flugplatz zwischen Langenhagen und Garbsen über eine Betriebserlaubnis für 24 Stunden am Tag. Eine Beschränkung des Nachtflugbetriebs zum „Schutze der Bevölkerung“ existiert laut Niedersächsischem Ministerialblatt seit 1969. Auf Initiative der Flughafengesellschaft legt das Wirtschaftsministerium in Hannover in regelmäßigen Abständen diese Regelung der Nachtflüge neu fest. Dies geschah bis 2009 mit Verweis auf „Prognoserisiken“ alle fünf Jahre. Auf Basis des 2007 verabschiedeten Bundesfluglärmgesetzes und seiner Umsetzung auf Landesebene mitsamt der seither geltenden Lärmschutzzonen setzte der damalige Niedersächsische Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kurz vor Ende seiner Amtszeit seine Unterschrift unter eine Neuregelung für zehn Jahre. Bis Ende 2019 muss nun die Neuauflage fertig sein.

Festgehalten ist darin, welche Flugzeugarten mit dem damit verbundenen „Lärmzeugnis“ zwischen 23 Uhr und 5.59 Uhr in Langenhagen starten und landen dürfen. Das klingt einfach, ist aber auf Basis des Bundesfluglärmgesetzes für normale Menschen kaum zu verstehen. In einem „lärmmedizinischen Gutachten“ ist zwar definiert, dass eine „erhebliche Belastung“ ab 60 Dezibel am „Ohr des Schläfers“ eintritt (bei maximal gekipptem Fenster). Ebenso sind „gemittelte Überschreitungskriterien“ als Ausnahmenkatalog definiert mit Durchschnittswerten für die „sechs verkehrsreichsten Monate“. Überdies steigt die erlaubte Lautstärke eines Flugzeugs im Verhältnis zum Gewicht. Insgesamt weniger Flüge dank größerer Maschinen sind deshalb für die Anwohner kein echter Gewinn.

„Eindeutiges Interesse“ am Durchgangsbetrieb

Mit der Nachtflugregelung ist aber auch schon Schluss mit der Weisungsbefugnis in Hannover. Der 24-Stunden-Betrieb in Langenhagen ist Bestandteil des Luftverkehrskonzeptes der fünf norddeutschen Bundesländer. Zudem hat die Bundesregierung „eindeutiges Interesse“ am Durchgangsbetrieb. Dies sagt Berend Lindner, für den Flughafen Langenhagen zuständiger Staatssekretär im Niedersächsischen Wirtschaftsministerium. Was das bedeutet, erlebte die Landesregierung Nordrhein-Westfalens 2015: Deren Beschluss, für den Flughafen Köln-Bonn eine Nachtflugpause einzulegen, wurde in Berlin kassiert.

Unter BON-HA haben sich verschiedene Fluglärm-Initiativen aus dem nördlichen Umland zusammengeschlossen. Quelle: Rebekka Neander

Und doch gerät dieser Tage Bewegung in das so undurchdringliche Rechtsgefüge. Gesicht dieser Bewegung ist Dieter Poppe, ein Ruheständler aus Altwarmbüchen. Mit Blick auf die Neuregelung der Nachtflüge kreuzt er mit einigen Lärmschutz-Veteranen früherer Kämpfe unter dem Segel „BON-HA“ seit einigen Wochen durch die Umlandkommunen; darunter Holger Zenz aus Langenhagen und Hans-Peter Wendorff aus Garbsen. Ihr Kürzel umschreibt ihr einziges Ziel: „Besser ohne Nachtflug – Hannover Airport“. Vereinigt haben sich dahinter erstmals gleich eine Handvoll der Umland-Initiativen im lärmbelasteten Norden Hannovers von Burgdorf bis Garbsen. Denn während sich bislang die Kommunen untereinander bei einer gerechten Verteilung der Belastung kaum einigen konnten, geht es jetzt um ein klares Ziel, von dem alle profitierten: Ruhe in der Nacht. Überall.

BON-HA ist kein Verein und braucht auch keine Mitglieder. Poppe sammelt statt dessen Geld. Denn er will klagen: Der Fluglärm verletze die körperliche Unversehrtheit der Anwohner. Als ehemaliger Chef einer Krankenkasse wisse er, auf welches Eis er sich sachlich wie rechtlich begibt. Tatsächlich bestätigt auch Staatssekretär Lindner, dass allein die Gefährdung der Gesundheit alles wirtschaftliche und verkehrspolitische Interesse am Nachtflug übertrumpfen könnte. 50.000 bis 80.000 Euro braucht der lose Zusammenschluss laut Poppe, der als Sammelbecken das Spendenkonto des gemeinnützigen Umweltschutzvereins Isernhagen nutzen darf. Gut 18.000 Euro zeigt der Kontostand nach den ersten Monaten. Das reiche für eine Instanz.

Dieter Poppe erläutert im Dorfgemeinschaftshaus Krähenwinkel, warum er der Klage gegen den Nachtflug gute Chancen einräumt. Quelle: Rebekka Neander

Poppes Tournee zeigt politische Wirkung. Mehrere Langenhagener Fraktionen, die sich in den letzten Jahren mit dem Flughafen vornehmlich über Lastkraftwagen-Verkehr der Flughafen-affinen Logistiker stritten, erwägen eine Geldspritze der Stadt zugunsten der Klage. Demnächst will Poppe bei den Landtagsfraktionen vorsprechen. Freunde macht sich die Initiative damit nicht überall. Gerade in Langenhagen fürchten viele Anwohner um die Wirtschaftskraft des Arbeitgebers. Eine Präsenz in den sozialen Medien lehnt BON-HA nach einigen schmerzhaften Erfahrungen inzwischen ab.

Der „Entertainer“, wie Poppe sich selbst nennt, präsentiert bei seinen Treffen eine Vielzahl von Folien und Zahlen. Alle, so betont er, basieren auf offiziellen Quellen. Zuweilen gerät seine Argumentation etwas unscharf: Der Flughafen Bremen, erläuterte Poppe zuletzt in Krähenwinkel, verzeichnete seit 1995 einen Zuwachs von 75 Prozent bei den Passagierzahlen (Langenhagen nur 42). Am Nachtflug könne das Wohl Langenhagens also nicht hängen. Als Argument für eine bessere Wirtschaftlichkeit taugt diese Zahl allerdings nur bedingt: Während Bremen im jüngsten Geschäftsbericht 2016 ein siebenstelliges Defizit auswies und Ende 2017 seinen Chef rauswarf, schreibt Langenhagen schwarze Zahlen.

Neuer Nachbarschaftsdialog in 2019

Kern der Klage ist der Nachweis. An diesem Punkt ist der einfache Weg Poppes zu Ende. Studien zu den Gesundheitsrisiken speziell durch Fluglärm gibt es viele. Poppe führt ein Werk eines Mainzer Kardiologen ins Feld, der seit Jahren immer wieder neue Beweisführungen probiert und auch selbst schon im Interesse seines Krankenhauses gegen den Flughafen Frankfurt versucht hatte zu klagen. Allerdings ohne Erfolg. Dieter Poppe, so sagt er selbst, „lebt nicht auf dem Baum“. Frühere Äußerungen aus dem Ministerium, man leide „unter Wahrnehmungsstörungen“ nimmt er hörbar übel. Gleichwohl wolle er jeden Schritt in die Richtung der Anrainer anerkennen, „auch wenn wir unser Maximalziel nicht erreichen sollten“.

Was Ende 2019 nachts über der Region zu hören sein wird, ist offen. Lindner will Anfang 2019 einen neuen Nachbarschaftsdialog starten, sagt er. Was dies konkret bedeutet, darüber schweigt er sich bislang aus. Mit Flugzeugen hatte der frühere Richter am Oberlandesgericht Celle bislang wenig zu tun. Mit Mediationsverfahren dafür umso mehr. „Wir müssen auf die Bedürfnisse der Anwohner eingehen“, räumt Lindner ein, „aber auch klar zeigen, wo die Grenzen sind.“ Einfach wird das nicht.

Flughafen auf Rekordkurs

Der Flughafen in Hannover-Langenhagen ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. Die Zahl der Beschäftigten ist seit 1999 von 6200 auf über 9000 gestiegen, einem Gutachten von 2008 zufolge sichert das Unternehmen mehr als 22 000 Arbeitsplätze in der Region ab.

In diesem Jahr steuert der Flughafen erneut auf einen Passagierrekord zu. Flughafenchef Raoul Hille rechnet damit, die Marke von 6 Millionen beförderten Passagieren knacken zu können. Allein im ersten Halbjahr kletterte die Passagierzahl um 7,8 Prozent auf 2,76 Millionen Fluggäste – deutlich über dem Durchschnitt der 16 internationalen Flughäfen in Deutschland, die nur 2,3 Prozent zulegten.

Wegen der Air-Berlin-Pleíte musste auch Hannover, wie alle anderen Flughäfen, Rückgänge bei Passagierzahlen auf innerdeutschen Strecken verkraften (minus 2,4 Prozent). Dafür gab es auf internationalen Strecken einen starken Zuwachs von 53,4 Prozent bis Mai. Die Zuwächse allerdings hängen stark auch mit der sehr großzügigen Nachtflugregelung zusammen: Wenn es auf anderen Flughäfen in Norddeutschland abends starke Flugverspätungen gibt, weichen die Piloten oft nach Hannover aus.

In der Regionsversammlung wurde vergangene Woche ein Antrag auf starke Reduzierung der Nachtflugerlaubnis abgelehnt. Grüne, Linke und die Gruppe Region hatten gefordert, zwischen 22 und 6 Uhr gar keine Starts und Landungen mehr zuzulassen und in den Stunden davor und danach den Lärm an- und abschwellen zu lassen. Die Mehrheit aus SPD und CDU sprach sich aber dagegen aus.

Von Rebekka Neander

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