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00:17 19.01.2019
Brexit-Gegner Michael O'Farrel hofft auf ein erneutes Referndum, um Großbritaniens EU-Verbleib zu sichern. Quelle: Joachim Dege
Burgdorf

Dass etliche Briten in dieser Stadt leben, weiß die Burgdorfer Öffentlichkeit spätestens seit dem 2012-er-Themenjahr Burgdorf International, zumal einige von ihnen damals zusammenfanden, um ihr Heimatland, dort gängige Sitten und Gebräuche und natürlich auch den englischen Humor ein Wochenende lang in der KulturWerkStadt zu präsentieren. Angesichts des drohenden Brexits und der am Dienstagabend erfolgten Abstimmung zum EU-Austritts-Deal ist hiesigen Briten der Humor freilich gründlich vergangen. Keiner von ihnen befürwortet den Abschied des stolzen Vereinigten Königreiches aus der europäischen Wertegemeinschaft. Die Risiken, insbesondere die für Wirtschaft und Wohlstand, seien riesig, lautet der Tenor der ganz unterschiedlich akzentuierten Einschätzungen zur aktuellen politischen Krise auf der Insel.

Michael O’Farrell rechnet mit einem zweiten Referendum

Michael O’Farrell (79) lebt zentrumsnah in seiner Eigentumswohnung an der Friederikenstraße. Der ehemalige Länderreferent bei der Nord-LB hat sich das Erzählen von Märchen zum Hobby gemacht, erwirtschaftet bei seinen Benefizveranstaltungen Spendenerlöse, die er noch stets aufstockt, um sie dann an zwei ambulante Hospizdienste, Unicef und Kinderschutzbund weiterzureichen. An Märchen fühlt sich O’Farell, der seit fast 50 Jahren in Deutschland lebt, mit einer Deutschen verheiratet war und nach wie vor einzig und allein die britische Staatsangehörigkeit besitzt, auch beim Brexit-Votum seiner Landsleute erinnert – so viele Lügen seien damals auf das britische Volk eingeprasselt. Er selbst glaubt nicht, dass es zum Brexit kommt. Zu klar auf der Hand lägen inzwischen die möglichen wirtschaftlichen Konsequenzen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Politiker so blöd sind“, sagt der gebürtige Londoner mit irischen Wurzeln, der sich fest überzeugt zeigt, dass es ein zweites Referendum geben wird.

Mike Thorndyke will sich deutschen Pass zulegen

Während der Fußballweltmeisterschaft wehte am Haus der Familie Thorndyke in Heeßel die englische Fahne. Quelle: privat

Bettina und Mike Thorndyke betreiben in Heeßel eine Sprachschule. Sie heißt English and Mehr, lehrt nicht nur die englische Sprache, sondern will auch angelsächsische Kultur vermitteln. Beide sind entschiedene Gegner eines wie auch immer gearteten Brexit-Szenarios. Einer der drei Söhne lebt als Arzt auf der Insel. Bettina Thorndyke macht sich Sorgen, ob Besuche bei ihm noch so einfach wie bisher möglich sein werden, wenn Großbritannien erst raus sei aus der EU. Ihr Mann Mike (66) will sich als Brite alsbald den deutschen Pass zulegen und hat schon die Erkundigungen zum Prozedere eingeholt. Er kritisiert seine Landsleute scharf: Vielen sei die Vergangenheit wichtiger als die Realität. Die Realität sei nämlich, so sagen beide, dass Waren im Wert von sieben Millionen Euro jedes Jahr aus Niedersachsen nach Großbritannien exportiert würden. Das sei in Gefahr. Und dass die Wirtschaft auf der Insel nach Einschätzung von Experten um 15 Prozent einbrechen könnte. – „Ein Wahnsinn“, sagt Mike, der nicht nachvollziehen kann, weshalb britische Politiker das Volk über den Brexit haben abstimmen lassen: „Die Mehrheit der Menschen hat weder die Bildung noch die Einsicht die Komplexität der Materie. Dazu kamen Lügen und abertausende falscher Facebook-Posts, die das Votum eigentlich nicht legal erscheinen lassen“, ärgert sich Mike.

Gesine Homann-Höper bedauert den Ausstieg

Lebte und arbeitete 13 Jahre lang in England. Quelle: privat

Gesine Homann-Höper (52) betreibt seit 2003 ein Chiropraktikzentrum an der Bahnhofstraße. Ihr Metier lernte sie einst in England. Nur dort ist Chiropraktik ein anerkannter Studiengang. 1991 schloss sie in England ihr Studium ab, lebte und arbeitete anschließend 13 Jahre in dem Land, das sie bis heute noch oft besucht, um Freunde und Kollegen zu treffen. Zuletzt an Silvester. Und auch, um Fortbildungen zu belegen. Den Brexit hält sie aus wirtschaftlichen Gründen für „keine gute Idee“, auch wenn sie für sich persönlich eher keine schwerwiegenden Konsequenzen befürchtet. Außer dass Fortbildungen in Zukunft vermutlich spürbar teurer würden. Erst recht ein Chiropraktik-Studium. „Für mich wird das dann halt wie eine Reise in die Türkei, eben mit Reisepass“, glaubt die Therapeutin, die die Verantwortung für das Brexit-Votum vor allem bei den älteren Briten sieht. Jene, die Großbritannien noch als die große Macht sähen, wie es einmal war, hätten hauptsächlich abgestimmt. „Die Jüngeren empfinden das natürlich nicht so. Aber die Pfeifen sind ja nicht zur Wahl gegangen.“ Sie selbst habe sich immer darüber geärgert, dass die sich die Briten in der EU so viele Sonderrechte herausgenommen hätten, und gedacht, sollen sie doch gehen. „Schade, dass es so gekommen ist“, sagt Homann-Höper heute.

Nancy Hulik fühlt sich als Europäerin

Nancy Hulek mit ihren Vater Norman Thorp (Mitte) und ihrem Bruder John Thorp bei der Hochzeitsfeier ihres Neffen im jüngsten Sommer in einem englischen Golfclub. Quelle: privat

Nancy Hulik (63) stammt aus Lancashire in Nordengland, hat Deutsch und Französisch in Oxford studiert und lebt, verheiratet mit einem Deutschen, seit Jahrzehnten in Burgdorf. Wegen des Brexit-Votum hat sie 2016 neben der britischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Dabei hatte sie immer geglaubt, ihre Wahlheimat biete ihr alles. Nie habe sie sich als Ausländerin gefühlt, stets als Europäerin. Weil es das englische Wahlrecht so will, durfte sie aber beim Brexit-Abstimmung nicht mitwählen. Dabei habe sie das Gefühl gehabt, „das ist etwas Wichtiges“. Hulek, die an der Volkshochschule und in einer Sprachenschule unterrichtet und freiberuflich Übersetzungen anfertigt, zeigt sich wenig überrascht über die No-Deal-Abstimmung vom Dienstagabend im Unterhaus. Das sei zu erwarten gewesen. Was jetzt passiere, könne niemand wissen. Auch an eine Regierungsauflösung nach dem Misstrauensvotum gegen Regierungschefin Theresa May und baldige Neuwahlen glaubt sie allerdings nicht. Und dann zitiert sie ihren 94 Jahre alten Vater Norman Thorp, der das Brexit-Votum mit den Worten quittiert habe: „Heute hat unser Land Selbstmord begangen.“

Christopher Barclay-Steuart fürchtet neuen Nordirland-Konflikt

Pflegeunternehmer Christopher Barcley-Steuart hält den Brexit für Blödsinn, sieht allerdings die EU in der Mitschuld. Quelle: privat

Der Exsoldat und Schotte Christopher Barclay-Steuart (70) ist Pflegeunternehmer, lebt seit 1982 in Deutschland und wohnt seit 1993 mit seiner deutschen Frau Barbara in der Weststadt. „Der Brexit ist Blödsinn“, gibt er sich überzeugt, sieht allerdings auch bei der Europäischen Union ein gerüttelt Maß Mitschuld an dem sich abzeichnenden Austritt seines Heimatlandes. Brüssel habe in den vergangenen Jahren einfach zu viel Macht zentralisiert und den Nationalstaaten Zuständigkeiten entrissen. Auf BBS World verfolgte Barclay-Steuart am Dienstagabend die gesamte Unterhaus-Debatte, an deren Ende für ihn nur Enttäuschung bleibt: Über die Opposition, die die No-Deal-Abstimmung dazu missbrauche, Vorteil zu ziehen aus dem angerichteten Chaos. Aber auch über die EU, die aus seiner Sicht an Großbritannien ein Exempel statuieren wolle aus Angst vor einem Dominoeffekt. Was alle Beteiligten dabei übersähen, sei die große Gefahr, dass der Nordirland-Konflikt erneut aufbrechen könne und „das Blutbad dort zurückkehrt“, befürchtet der Oberstleutnant a.D.: „Der Brexit wird kommen. Die Frage ist nur, ob geregelt oder ob es ein Absturz wird“, lautet seine düstere Prognose. Denn auf der Insel gebe es zu viele Sturköpfe, die dem Victorianismus anhingen nach dem Motto ’We rule the World’.

Von Joachim Dege

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