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In einem solchen Growzelt züchtete ein Burgdorfer viele unterschiedliche Marihuana-Sorten hauptsächlich für den Eigengebrauch.

In einem solchen Growzelt züchtete ein Burgdorfer viele unterschiedliche Marihuana-Sorten hauptsächlich für den Eigengebrauch.
© privat

Burgdorf

Gericht kennt kein Pardon mit Gourmet-Kiffer

Ein Burgdorfer sammelte Cannabis-Samen wie andere Leute Briefmarken, baute Marihuana en gros an und genoss seine Sorten wie ein Gourmet. Jetzt muss er lange ins Gefängnis.

Burgdorf.  Kein Drogenprozess wie jeder andere: Vor das Schöffengericht im Burgdorfer Amtsgericht trat diese Woche ein sammelwütiger Hanf-Nerd, der im Haus seiner 74 Jahre alten Mutter Marihuana unter anderem mit Bananen- und Erdbeeraroma aufzog, seine berauschenden Zuchterfolge in Unmengen von Einmachgläsern konservierte, um sie später zu genießen wie ein Gourmet. Das Gericht kannte kein Pardon mit dem Edelkiffer. Es verurteilte den 36-Jährigen zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und drei Monaten.

„Sie essen doch auch nicht jeden Tag Pizza“, philosophierte der Mann als Entgegnung auf die Frage von Strafrichterin Stephanie Rohe, weshalb er solche Mengen gezüchtet und eingelagert hatte. Wie andere Menschen Briefmarken sammeln, so hortete er Hanfsamen – aus Nepal, Arizona, Las Vegas. Penibel beschriftet bewahrte er sie auf in Schachteln – einzelne Samen, weil seltene Exemplare, in Sammlerkreisen bis zu 500 Euro wertvoll.

Bei zwei Hausdurchsuchungen im März vergangenen Jahres und im August fand die Polizei bei dem Angeklagten große Mengen Betäubungsmittel:  getrocknete Marihuanablüten, getrocknete, frische und gepresste Hanfblätter, im Wachstum begriffene Pflanzen und mehr als 50 Sorten Samen aus der ganzen Welt. Die Ausrüstung des Gärtners – Aufzuchtschränke, Growzelte, Lüfter, temperaturgeregelte Leuchten, Filter, Pflanzenerde und Biodünger – ließ keine Wünsche offen. „Sehr professionell“, attestierte ein Polizist im Prozess.

Eine aus eigener Abhänigkeit erwachsene Manie sei das gewesen, sich jedes erdenkliche Wissen über die Marihuana-Zucht aus Fachzeitschriften und Internetforen anzueignen, um zu Hause alles auszuprobieren, was züchterisch möglich sei. So beschrieb Verteidiger Anselm Schanz aus Hannover das strafbare Tun seines Mandanten und sprach von einem Sonderfall, der ihm so noch nicht untergekommen sei und gewiss eine mildere strafrechtliche Würdigung verdiene als der Handel mit Drogen.

Immer wieder glänzte der Angeklagte im Prozess mit seinem Wissen. Mal beschrieb er die Funktionsweise seiner Ausrüstung, dann wieder berichtete er dem bisweilen amüsiert-interessiert folgenden Schöffengericht vom medizinischen Nutzen seines Hanföls, mit dem er einem Krebskranken geholfen habe, und schließlich von den Vorzügen der Einmachgläser, in welche er seine Ernte mit Handschuhen vorsichtig einlagerte, damit diese unbegrenzt haltbar sein sollten. 

Schon die Ermittlungsbehörden nahmen keine Rücksicht auf die wissenschaftliche Akribie des 36-Jährigen. Bei den Hausdurchsuchungen unterschieden die Polizisten nicht nach Aromen und Sorten. Die sammelten einfach alle Samen sowie sämtliches Hanfmaterial ein und schickten es zur Analyse  ins Landeskriminalamt. Das ließ sich nach der ersten Hausdurchsuchung mehr als ein Jahr Zeit, weshalb es zunächst nicht zum Prozess kam und der Angeklagte Zeit und Gelegenheit bekam, seine gärtnerischen Gewohnheiten wieder aufzunehmen. Bis ein anonymer Brief aus der Nachbarschaft mit der Anschuldigung, der Mann baue mit dem Wissen seiner Mutter Drogen an, bei der Polizei eintrudelte. Dann ging es sehr schnell. Die Drogenfahndung durchsuchte ein zweites Mal und steckte den Züchter auf Geheiß der Staatsanwaltschaft hinter Schloss und Riegel.

Auch das Gericht wollte nichts wissen von einem Sonderfall. Es wandte humorlos das Betäubungsmittelgesetz an und schickte den Nerd wegen Herstellung und Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht unerheblichen Mengen in zwei Fällen für geraume Zeit hinter Gitter. Zwei Wachtmeister führten den Mann in Handschellen aus dem Gerichtssaal.

Von Joachim Dege


Burgdorf ist ...

  • ... eine Stadt im Osten der Region Hannover mit neun Ortsteilen und rund 30.000 Einwohnern.
  • ... bekannt für Spargelanbau und  Hannoveraner-Zucht.
  • ... die Heimat des Handball-Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf.
  • ... mit seiner historischen Innenstadt das ideale Ziel für einen Tagesausflug.
  • ... 6x pro Woche Thema im Anzeiger, die als Heimatzeitung in Burgdorf der Neuen Presse beiliegt. Im Abo und am Kiosk - ohne Mehrkosten.