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Gesundheit

Wenn die Sehkraft schwindet

Am Anfang erscheinen vielleicht nur die Passanten auf der anderen Straßenseite oder die Details am Ende des Gartens etwas unscharf und zum Autofahren in der Nacht muss eine Brille her.

Mainz/Schlüsselfeld. Im Laufe des Lebens lässt bei vielen Menschen die Sehkraft mehr und mehr nach. Spätestens ab dem 45. Lebensjahr trifft dann die Alterssichtigkeit nahezu jedes Auge und die Nahsehschärfe nimmt ab - das Lesen wird schwieriger.

Alles in den meisten Fällen ganz normal und kein Grund zur Beunruhigung. "Wir müssen unseren Patienten aber häufig Ängste nehmen", sagt Augenarzt Christian Wolfram von der Universitäts-Augenklinik in Mainz. Denn die Vorstellung, dass das Lesen unter der Bettdecke oder das Starren auf einen Monitor die Augen nachhaltig verderbe, halte sich hartnäckig. "Wer in der trockenen Büroluft acht Stunden vor dem Rechner sitzt, sieht am Ende des Tages zwar alles Mögliche, aber nicht mehr das, was auf dem Bildschirm steht", sagt Wolfram. Solch einseitige Belastungen der Augen führten jedoch in der Regel nicht dazu, dass die Sehkraft schneller abnehme.

Trotzdem gibt es unzählige Bücher mit Augenübungen, Augentraining und anderen Tipps, die helfen sollen, die Brille wieder loszuwerden oder zumindest den Verlust der Sehstärke aufzuhalten. Aber was ist dran am Training für die Augen? Der Schlüsselfelder Augenarzt Peter Heinz, Vorstandsmitglied im Bundesverband der Augenärzte, hält nicht viel davon. "Kurz- und Weitsichtigkeit sind genetisch festgelegt und lassen sich nicht durch Sehtraining, Medikamente oder spezielle Ernährung verbessern", sagt Heinz. Darum brauche man auch keine Bücher, die einem genau das suggerierten.

Aber der Augenarzt weiß, dass viele Betroffene gern etwas tun wollen, wenn die Augen schlechter werden. "Es verunsichert natürlich, wenn man nicht mehr richtig gut sehen kann, wenn die Augen schneller müde werden, und die Betroffenen wollen dann gern selbst aktiv werden", erklärt Heinz. Und hier öffne sich ein Markt, auf dem sich viel Geld verdienen lasse.

Brille wird oft als Makel empfunden

Außerdem werde eine Brille von vielen Menschen noch immer als Makel empfunden. "Vielen kommt eine Brille vor wie eine Krücke, die ein Defizit sichtbar macht", sagt Heinz und weiß, dass Betroffene aus diesem Grund häufig versuchen, den Verlust der Sehstärke etwa mit Vitaminpräparaten oder speziellen Übungen zu verhindern. "Aber genauso wenig, wie das Tragen einer Brille dazu führt, dass die Augen schneller schlechter werden, helfen Übungen und Nahrungsergänzungsmittel, die Augen länger sehstark zu halten", sagt Heinz.

"Für diejenigen, die viel im Nahbereich arbeiten, etwa den ganzen Tag vorm Monitor sitzen, kann es sinnvoll sein, einmal in der Stunde in die Ferne zu schauen", sagt Heinz. Das halte zwar die zunehmende Sehschwäche nicht auf, entspanne aber die Muskulatur, die durch die Belastung auf den Nahbereich fokussiert sei. "Und nach einem langen Blick aus dem Fenster kann man sich oft auch wieder besser auf die Buchstaben auf dem Monitor konzentrieren", sagt Heinz.

Vernünftige Ernährung ist sinnvoller als Augentraining

"Vernünftige und ausgewogene Ernährung hat eine positive Wirkung auf den gesamten Organismus und da machen die Augen keine Ausnahme", sagt Heinz. Mangelernährung könne tatsächlich dazu führen, dass sich die Sehschärfe verschlechtere. "Nur sind die meisten Menschen in Deutschland weit von einer Mangelernährung entfernt und müssen deswegen nicht mit Nahrungsergänzungsmitteln nachhelfen", sagt der Augenarzt.

Für Heinz gibt es nur eine Ausnahme, bei der es sich lohnen kann, über eine spezielle Diät für die Augen nachzudenken, und das ist die altersabhängige Makuladegeneration (AMD). Bei dieser Erkrankung geht die Sehkraft im Zentrum der Netzhaut verloren, nur das äußere Gesichtsfeld bleibt erhalten. Frühe Anzeichen zeigen sich bei 2,6 Millionen, unter einer manifesten AMD leiden 1,6 Millionen Deutsche. "Werden die Anzeichen früh erkannt, kann man mit einer speziellen bilanzierten Diät und Nahrungsergänzungsmitteln den Verlauf der Erkrankung beeinflussen", sagt Heinz. Aber das müsse mit dem Arzt besprochen werden.

Regelmäßige Kontrolle beim Augenarzt ist die beste Vorsorge

"Ab 45 Jahren sollte man alle ein, zwei Jahre zur Vorsorge zum Augenarzt gehen, bei Risikofaktoren wie beispielsweise einer Diabetes-Erkrankung einmal im Jahr", sagt Augenarzt Wolfram. Man könne zwar Fehlsichtigkeit nicht aufhalten, aber viele Augenerkrankungen wie etwa den Grünen Star frühzeitig entdecken. Denn die Betroffenen selbst bemerkten diese tückische Erkrankung häufig erst in einem sehr späten Stadium. "Im Zentrum sieht man noch scharf, aber den Radfahrer, der von der Seite angefahren kommt, nehmen die Betroffenen nicht mehr wahr", erklärt Wolfram die Symptome des Grünen Stars.

"Optiker sind für Fehlsichtigkeit zuständig und haben bei Brille und Kontaktlinsen auch mehr Erfahrung als die meisten Augenärzte", sagt Wolfram. "Aber es kommen häufig Patienten zu uns, die 30 Jahre nur zum Optiker gegangen sind und erst zu uns geschickt werden, wenn die Brille die Sehkraft nicht mehr verbessern kann." Wer regelmäßig zur Kontrolle gehe, habe gute Chancen, dass Augenerkrankungen rechtzeitig erkannt werden und häufig noch eingegriffen werden könne.

dapd


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