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Familie

"Bitte ruf nicht an": Wenn Beziehungen an Bindungsangst scheitern

"Wollen wir zusammenziehen?": Diese Frage sollte eigentlich glücklich machen. Doch manche Menschen versetzt sie in Panik. Ohne Vorwarnung beenden sie ihre Beziehung oder zermürben den Partner durch Ausreden und Vorwände so lange, bis er aufgibt.

Köln/Mannheim. "Singles, die Nähe nicht ertragen können und deswegen immer wieder Beziehungen abbrechen, leiden gleichzeitig an Bindungs- und Verlustangst", sagt die Kölner Psychotherapeutin und Paarexpertin Gerhild von Müller. Ihrer Schätzung zufolge ist das Singledasein vieler Menschen dieser Nähe-Distanz-Störung geschuldet.

Die Ursache sieht sie in der frühen Kindheit begründet. "Hat ein Säugling die Nähe zur Mutter als ambivalent erlebt, fällt es ihm später oft schwer, eine Bindung zu einem Partner aufzubauen", sagt die Psychologin. Diese Menschen fühlten sich hin- und hergerissen: Einerseits fürchteten sie sich vor Nähe und hielten den Partner durch Beleidigungen, Nörgelei oder vorgegebene Gleichgültigkeit auf Abstand. Manche tauchten wochenlang ab und kappten selbst die Telefonverbindung. Andererseits litten solche Menschen unter der Abwesenheit des anderen und wünschten sich nichts sehnlicher, als mit ihm zusammen zu sein. Die Störung sei den Betroffenen in der Regel aber nicht bewusst, da die Ursachen dafür aus Zeiten stammten, an die sie keine Erinnerung haben. "Sie fühlen sich oft unglücklich, weil ihre Beziehungen nie von Dauer sind", sagt von Müller.

Angst vor Enttäuschung

Der Mannheimer Psychotherapeut Rolf Merkle beschäftigt sich ebenfalls mit Bindungsängsten. Er vermutet als Ursache die Furcht vor Enttäuschung aufgrund früherer Verletzungen. "Betroffene haben gelernt, dass Vertrauen, Nähe und Sich-Einlassen mit Gefahr und seelischen Schmerzen verknüpft sind", sagt der Experte (angst-panik-hilfe.de). Sie lebten nach der Devise: besser keine Beziehung als eine, die wehtut. Damit verbauten sie sich die Möglichkeit, positive Erfahrungen zu machen. Sie riskierten es nicht mehr, ihre negative Grundeinstellung zu überprüfen.

Vorbilder für die eigene Partnerschaft sind in den meisten Familien die Eltern. Pflegen sie eine sehr distanzierte Beziehung zum Partner oder zum Kind, prägt das den Nachwuchs. "Im Heranwachsenden manifestiert sich dann die Überzeugung, es nicht wert zu sein, geliebt zu werden. Infolgedessen glaubt er daran, dass andere ihn ablehnen werden", erklärt Therapeut Merkle. Mit dieser Ablehnung könnten viele nicht umgehen. Um sich davor zu schützen, ließen Menschen mit Bindungsangst niemanden zu nahe an sich heran. Jemanden zu lieben, bedeute für sie, verletzbar zu sein.

Positive Einstellung hilft

Starke Bindungsangst ist Experten zufolge nur mit therapeutischer Hilfe zu überwinden. Bei einer weniger ausgeprägten Störung rät Merkle zur Überprüfung der eigenen Einstellung: Man sollte sich selbst und dem Partner gegenüber grundsätzlich positiv gestimmt sein. "Singles, die sich eine dauerhafte Beziehung wünschen, sollten sich bei aufkommender Angst immer wieder daran erinnern: 'Wenn mein Partner mich ablehnt, bedeutet dies nicht, dass ich nicht liebenswert bin. Mein Partner kann nicht über mich bestimmen. Ich darf Nein sagen, wenn mir etwas nicht gefällt.'" Das fordere jedoch auch dem Partner eine große Portion Verständnis und Einfühlungsvermögen ab. Gleichzeitig sollten Bindungsscheue ihr Selbstwertgefühl stärken und sich die angenehmen Seiten einer Partnerschaft ins Gedächtnis rufen, sagt der Psychotherapeut.

Nach Auffassung der Paartherapeutin Gerhild von Müller können Bindungsscheue durchaus eine dauerhafte Beziehung pflegen, wenn es dabei genügend Möglichkeiten gibt, ihr Bedürfnis nach Abstand wahrzunehmen. Das setze allerdings voraus, dass man sich seiner Störung bewusst ist und der andere unter den Fluchttendenzen nicht leide. "Diese Menschen müssen eben eine Menge Faktoren in ihre Beziehung einbauen, die einander auf Distanz halten. Getrennte Urlaube, zwei Wohnungen oder eine Wochenendpartnerschaft sind Bedingungen, die für sie durchaus akzeptabel sein könnten", sagt die Expertin.

Ihrer Ansicht nach ist das Phänomen aufgrund eines bis in die 1980er Jahre vorherrschenden Erziehungsmodells, das von Geburt an auf Distanz setzte, weiter verbreitet als gemeinhin angenommen. Die wenigsten suchten allerdings psychotherapeutische Hilfe, berichtet von Müller aus ihrer Praxiserfahrung. "Die wird nur dann in Anspruch genommen, wenn jemand aufgrund seiner unbewussten Angst sehr leidet und gar nicht mehr zur Ruhe kommt."

dapd


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