Immobilienanwalt Uwe Bethge setzt auf den aktiven Notar
Was ist ein „Vorleseonkel“?
Bethge: Ich verstehe darunter einen Notar, dessen Arbeit über das Verlesen von Standardtexten nicht hinausgeht.
Und was ist das Gegenteil?
Bethge:Hierfür beginnt sich der Begriff „aktives Notariat“ zu etablieren.
Was verbirgt sich hinter diesem Gegensatz?
Bethge: Um es vorwegzusagen: Die allermeisten Notare machen einen super Job. Sowohl beim privaten Hauskauf als beim millionenschweren Immobiliengeschäft geht es um hohe Werte und risikogeneigte Vorgänge. Der Notar erfüllt dabei wichtige Aufgaben. Er schützt die Beteiligten vor übereilten Schritten, stellt eine sachkundige Beratung und ausgewogene Gestaltung des Vertrages sicher und gewährleistet dessen reibungslose Abwicklung.
Und welche Schwachstellen beobachten Sie?
Bethge: Manche Notare neigen zur bloßen Routine. Wenn die Besonderheiten des Einzel- falles nicht aufgeklärt oder in einem Vorgespräch erörtert werden, genügt der Mustervertrag aus dem Computer nicht. Haken die Verhandlungen zwischen Käufer und Verkäufer, kann man sie nicht einfach nach Hause schicken. Die großen „Deals“ werden meistens von Anwälten begleitet. Hier lassen sich Notare ihre Aufgaben oft völlig aus der Hand nehmen.
Wie sollen sie nach der Beurkundung einen Vertrag abwickeln, den sie nur flüchtig kennen? Was ist beim aktiven Notar anders?
Bethge: Das Attribut macht den Unterschied aus. Der Notar bleibt der gleiche. Wenn er sich auf seine eigentliche Funktion besinnt, nimmt er seine Aufgabe als Aufklärer, Berater, Gestalter, Moderator, Mediator und Dienstleister aktiv wahr. Das fängt mit der umfassenden Aufarbeitung der rechtlichen Verhältnisse von Grundstück und Gebäude an, setzt sich in der Teilnahme an den Vertragsgesprächen fort und endet mit einer serviceorientierten Abwicklung. Wer als Käufer oder Verkäufer in den Genuss einer solchen Dienstleistung kommt, weiß es zu schätzen, wenn der Notar ihm nicht einfach einen Blankoentwurf schickt, sondern einen an die speziellen Bedürfnisse angepassten Vertragstext. Der Beurkundungstermin ist keine Stempelstunde, sondern dient der finalen Besprechung und Klärung aller noch offenen Punkte. Und aktive Notare überraschen allenfalls positiv, wenn sie die Beteiligten bei sich anbahnenden Problemen nicht einfach an Anwälte verweisen, sondern sich beiden Seiten als Mediator und Schlichter anbieten.
Wie findet man einen solchen Notar?
Bethge: Man kann zu jedem Kollegen gehen. Denn ein Aktiver ist kein anderer Notar, sondern nur einer, der seine beruflichen Pflichten ernst nimmt. Wer seinen Notar fordert, hat schon viel gewonnen.
Interview: Gerd Piper