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Christian Hemschemeier ist Paartherapeut  und schildert an dieser Stelle regelmäßig Fälle aus seiner Praxis.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut und schildert an dieser Stelle regelmäßig Fälle aus seiner Praxis.
© privat

Auf der Couch – der Expertentipp

Zu viele Gespräche sind keine Lösung

Wenn das erste Verliebtsein vorbei ist, geraten manche Paare in eine Krise. Einige wälzen dann psychologische Ratgeber und beginnen die große Selbsttherapie. Doch manchmal ist weniger mehr, wie unser Paartherapeut Christian Hemschemeier festgestellt hat.

Hamburg. Thorsten und Melissa* kommen in meine Praxis. Sie sind beide in den Dreißigern und haben schon einige schwierige Beziehungen erlebt. Insbesondere Melissa hat sich viele Gedanken darüber gemacht, was vielleicht früher nicht so gut gelaufen ist. Sie war auch in einer Therapie und hat einige Zusammenhänge zwischen ihren Beziehungen und der Situation in ihrer Ursprungsfamilie erkannt. Zudem hat sie viele Bücher zu psychologischen Fragestellungen gelesen.

Am Anfang der Beziehung von Thorsten und Melissa lief erst alles prima, aber nach etwa neun Monaten stellten sich erste Irritationen ein. Wie so oft gab es auch bei den beiden unterschiedliche Erwartungen und Wünsche an Nähe beziehungsweise Intimität.

Da man ja nun immer wieder hört und liest wie wichtig Kommunikation ist, suchte Melissa das Gespräch mit Thorsten. Dabei nutze sie auch das Wissen aus den Büchern, außerdem die Diagnosen die sie in ihrer Therapie erhalten hatte. Thorsten merkte nun, dass er thematisch nicht richtig mithalten konnte und fing auch an, einige Artikel und Bücher zu lesen.

Ein zu intensive Analyse kann auch ermüden

Als die beiden zu mir kamen, erzählten sie nicht nur von ihren Beziehungsproblemen, sondern hatten auch gleich eine Fülle von Erklärungen und Selbst- beziehungsweise Partnerdiagnosen bereit. In ihrem Alltag hatte sich ein negativer Kreislauf eingestellt. Sie schrieben sich täglich zig Textnachrichten, es gab stundenlange Telefonate und ausufernde Beziehungsgespräche. Alles wurde versucht zu analysieren, wer was wann und wieso gesagt oder eigentlich ganz anders gemeint hatte. Diese Gespräche waren nicht nur enorm erschöpfend, sie brachten auch neue Irritationen und weiteren Bedarf an Folgegesprächen. Beide waren einfach nur müde und zweifelten immer mehr an ihrer Romanze.

Teilweise konnte ich ihre Analysen verstehen oder sogar teilen – dennoch ist nichts so gefährlich wie Halbwissen. Auch bei Kommunikation wie bei allem im Leben ist es wichtig, die gesunde Mitte zu finden. Man kann durchaus „zu viel“ reden. Auch früher hatten Menschen (bevor es überhaupt irgendwelche Bücher gab) Beziehungen – und sind auch irgendwie zurecht gekommen.

Das Wissen, was es heute über die Liebe gibt, ist sicherlich revolutionär. Dennoch ist es gut, immer wieder auf die Basis zurück zu kommen. Und die ist eigentlich vom ersten Date an immer die gleiche: Beide Partner unternehmen vertrauensvoll etwas spannendes miteinander, haben eine Menge Spaß dabei und alles weitere (insbesondere die körperliche Ebene) entsteht meistens daraus fast automatisch.

Mit der Zeit werden die Treffen wieder leichter

Ich gebe den beiden auf, die Bücher erstmal an die Seite zu legen und auch das „Einordnen“ des Partners zu lassen. Sie sollen nicht mehr texten und sich maximal eine halbe Stunde über ihre Beziehung unterhalten. Weiter sollen sie sich in den nächsten Wochen mal wieder mit ihrem eigenen Leben befassen und sich nur zweimal die Woche sehen – und dann ein richtiges Date haben, ohne Tiefenanalysen.

Beiden fällt das schwer und sie beharren eine Zeit lang darauf, dass sie jetzt erstmal von mir eine Bestätigung brauchen, wer eigentlich recht hat. Aber dann bemerken sie doch, wie gut es tut, dass der Andere nicht ständig diesen prüfenden Blick hat, sondern sich wieder um sein eigenes Leben kümmert, insbesondere um die eigenen Ziele.

Plötzlich entsteht wieder Raum, den anderen zu vermissen und sich auf die Treffen zu freuen, die auch zunehmend „leichter“ und freudiger sind. Schließlich finden wir auch den richtigen Zeitpunkt, uns ihre unterschiedlichen Wünsche anzuschauen – die jetzt aber gar nicht mehr so unterschiedlich sind. Das Paar vereinbart eine feste Zeit jeden Monat, wo sie ein Beziehungsgespräch führen wollen. Aber beide sehen ein, dass die Basis der gegenseitigen Attraktivität ganz woanders liegt.

* Die Namen sind von der Redaktion geändert.

Der Autor ist zu erreichen unter https://www.eheberatung.info/

Von Christian Hemschemeier/RND


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