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10:38 18.11.2017
Ein Junge sitzt am Laptop und chattet mit seinem Freund. Jeder Zweite zwischen zwölf und 19 Jahren loggt sich jeden Tag in seiner Online-Community ein, die meisten von ihnen tun dies mehrmals täglich. Quelle: epd

Herr Becker, heutzutage ersetzt in vielen Familien das Handy bereits bei ganz kleinen Kindern das Bilderbuch. Ab welchem Alter darf ein Kind es nutzen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man grundsätzlich über die Medienkultur von heute reden. Dass man Offline und Online so gegeneinander ausspielt, halte ich für falsch. Es ist vielmehr so, dass Gesellschaftsspiele und Bücher sich heute digitalen Medien annähern und umgekehrt.

Sagen Sie mal ein Beispiel.

Nehmen Sie das bei Kindern beliebte Spiel „Wer war‘s?“. Das ist ein klassisches Brettspiel mit dem Unterschied, dass kein Erwachsener, sondern ein Computer die Fragen vorliest. Oder „Tiptoi“. Da tippt man in einem Buch Symbole mit einem Digitalstift an und bekommt etwas vorgelesen oder hört Geräusche. Die Diskussion darüber, ob es legitim ist, dass der Computer eine Aufgabe übernimmt, die ursprünglich Eltern zugedacht war, hat sich heute in den meisten Fällen erübrigt. Diese Spiele gehören zum Alltag von Kindern dazu.

Dass sie alltäglich geworden sind, macht sie noch nicht zu gutem Spielzeug. Oder?

Wichtig ist: Eltern muss klar sein, dass es beim Angucken von Bilderbüchern auch um das gemeinsame Erleben und Festigen einer Bindung geht. Das können „Tiptoi“ und Co. nicht ersetzen. Aber digitale Medien können einen pädagogischen Mehrwert haben. Es gibt zum Beispiel sehr gute Apps, die Kinder anregen, etwas nachzuspielen, mit Lego oder Playmobil etwa. Die App ist dabei kein Lego-Ersatz, sondern ein Motivator fürs Legospielen.

Einer neuen Studie zufolge nutzen 70 Prozent der Kita-Kinder das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich. Welche Gefahren birgt das?

Das klingt alarmierender, als es in der Realität oft ist. Wenn ein Vierjähriger über das Smartphone der Eltern mit der Oma telefoniert, wenn er Whatsapp-Bilder mit ihr tauscht oder skypt, ist das wertvolle Zeit, die er mit ihr verbringt. Man merkt hier den digitalen Wandel. Vor fünf Jahren fanden 60-Jährige das Smartphone mit Kommunikationsmöglichkeiten wie Whatsapp oft noch zutiefst problematisch. Inzwischen schätzt die Großeltern-Generation, dass sie übers Handy einen engen Kontakt mit den Enkeln halten kann.

Was halten Sie von Zeitschaltsystemen, um sicherzustellen, dass Kinder nicht dauernd online sind?

Wie wenig wirksam sie sind, erfahre ich oft, wenn ich in Schulklassen bin. Die absolute Nutzungszeit des Handys ist oft nicht relevant. Viel wichtiger ist: Wie lange bin ich gedanklich mit dem Smartphone beschäftigt? Was bedeutet es, wenn ich es an einem Vormittag 300-mal entsperre, um zu gucken, ob ich eine interessante Nachricht habe? In Minuten gemessen ist das nicht viel, gedanklich schon.

Was können Eltern tun, wenn die Zeitschaltuhr keine Lösung ist?

Sie müssen Grenzen setzen und beim Einhalten derselben helfen. Es sollte klar sein, dass nachts geschlafen und nicht gechattet wird. Ein Handy lenkt beim Hausaufgabenmachen ab. Grenzen setzen ist aber nicht erst seit der Erfindung des Internets eine schwierige Sache. Wichtig ist, dass Eltern sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sind. Bei ihnen muss das Weglegen des Handys genauso zum Alltag gehören wie das Nehmen.

Welche Sicherheitsmaßnahmen müssen Eltern ergreifen, wenn ihr Kind jünger ist – und also das Handy der Eltern nutzt?

Sie müssen sich vor allem klarmachen, dass es beim Smartphone einen Homebutton gibt, mit dem Kinder ganz leicht in alle Anwendungen der Eltern hineinkommen. Schnell schauen sie sich Youtube-Videos oder Filme an, die im Zweifel nichts für sie sind.

Eltern sollten ihre Handys also idealerweise mit einem Passwort verschlüsseln?

Je nach Modell lässt sich ein Handy technisch mehr oder weniger kindersicher konfigurieren. Wichtiger aber wäre, dass Eltern im selben Raum sind, wenn ihr Kind das Handy nutzt, oder im besten Fall mit auf dem Sofa sitzen. So erfahren sie: Was interessiert mein Kind? Das Kind lernt: Ich kann mit allem zu meinen Eltern, weil sie sich für mich und meine Mediennutzung interessieren. Das wird spätestens bedeutsam bei dem Zehnjährigen, der im Netz auf verstörende Bilder stößt. Den Grundstein für eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern legen Eltern aber schon viel früher.

Apropos verstörende Bilder: Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor Gefahren im Internet zu schützen?

Der beste Schutz wird Unfälle nicht verhindern können, wie im Straßenverkehr auch nicht. Elterliche Begleitung verhindert aber auch hier das Schlimmste.

Sie halten also nichts von Filtersystemen oder Sperren, die bewirken, dass Kinder nicht alles anschauen können?

Jedenfalls nicht viel. Wenn Kinder etwas unbedingt sehen wollen, werden sie es sich bei Freunden auf einem Handy ohne Sperre anschauen. Wenn sie älter sind, finden sie Wege, um die Sperren zu umgehen. Wichtig ist, dass Kinder wissen: Sie werden irgendwann im Netz – leider – auf etwas Schockierendes stoßen. In einer 6. Klasse habe ich vor Kurzem mit Schülern über ein Video gesprochen, in dem Hundewelpen ertränkt werden. Es ist nur etwa acht Sekunden lang. Nach diesem Video konnten die Schüler nur sehr schlecht schlafen. Kein Filter wird verhindern, dass Kinder irgendwann so etwas im Internet sehen. Es ist umso wichtiger, dass sie wissen, dass sie mit ihren Eltern reden können, auch wenn sie etwas „Verbotenes“ angesehen haben. Eltern sollten da sein, um zu trösten, wenn Trost gebraucht wird, und helfen, das Gesehene zu verarbeiten. Allein dieses Vertrauensverhältnis hilft ihren Kindern durch die Gefahren des Internets hindurch.

Von Jutta Rinas/RND

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