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12:49 11.03.2018
Skivergnügen: Für viele Kinder ist ein Tag an der frischen Luft heute eine echte Herausforderung. Quelle: privat
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Hannover

Roman Siess, 49, leitet Europas größte Kinderskischule im österreichischen St. Anton. Im Interview spricht er über Veränderungen der vergangenen 27 Jahre, über Purzelbäume, Zauberteppiche, Albtraumeltern, das Ende der klammen Wollsocken und natürlich über das Skifahren an sich.

Roman Siess (49) leitet nicht nur Europas größte Kinderskischule im österreichischen St. Anton. Er ist auch selbst Skilehrer mit Leib und Seele: „Es gibt wenig Schöneres,als mit den Kindern draußen zu sein und auch mal etwas Blödsinn zu machen.“ Siess selbst hat mit drei Jahren zum ersten Mal auf den Brettern gestanden – beigebracht hat es ihm sein Vater, der ebenfalls Skilehrer war. Quelle: privat

Wie lernen Kinder heute Ski fahren im Vergleich dazu, wie ihre Eltern Ski fahren lernten?

Das ist ein Sprung wie vom 19. ins 21. Jahrhundert. Eigentlich ist so gut wie alles anders. Das Material, die Lifte, die Kleidung, die Lehrmethoden, die Kinder. Das ist alles mit dem Skifahren von vor 20 oder 30 Jahren nicht mehr vergleichbar.

Aber nach wie vor müssen die Kleinen lernen, wie sie mit dem Lift hoch- und auf ihren Brettern wieder runterkommen.

Ja, aber das Kurvenfahren ist mit den taillierten Kinder-Skiern viel einfacher. Früher lernten die Kinder bis zum Alter von zwölf oder 13, durch Druckwechsel Bögen zu machen, danach dann immer mehr über die Be- oder Entlastung der Ski. Bei den Carvingskiern ist das alles kinderleicht und weit weniger anstrengend. Oder denken Sie an die Kleidung: Als Kind hatten wir klamme Wollsocken, Strumpfhosen, vereiste Schals, pitschnasse Baumwoll-T-Shirts und Horror-Skistiefel. Heute tragen schon die Kleinsten Funktionsbekleidung, super Handschuhe und Gesichtsschutz. Das war früher einfach fies, wenn es windig war und minus fünf Grad hatte. Ein Fünfjähriger empfindet solche Temperaturen richtig als Schmerz, und das macht dann einfach keinen Spaß mehr.

Bei den Liften hat sich auch einiges getan, ich erinnere mich noch an einen Schlepplift, aus dem ich als Zehnjähriger sage und schreibe fünfmal an einem Nachmittag rausgefallen bin.

In den meisten Skigebieten sind sämtliche Schlepplifte und Tellerlifte verschwunden. Jetzt gibt es kindersichere Sessellifte, die beim Ein- und Ausstieg langsamer fahren, die Windschutz haben und teils sogar beheizte Sitze. An den Anfängerhängen gibt es „Zauberteppiche“, also Förderbänder wie am Flughafen, auf denen die Kids im Stehen hochfahren. Die Lifte sind so gut, dass wir jetzt an drei Tagen so viele Abfahrten schaffen wie früher an sieben. Die Kinder lernen schlichtweg schneller Ski zu fahren. Das Aufsteigen im Schlittschuhschritt oder seitwärts ist völlig weggefallen. Jeder kleine Hang hat einen Zauberteppich.

Das heißt, die Kinder sind weniger fit?

Sie fahren zwar viel mehr ab, aber, ja, die Ausdauer und die Motorik sind weniger gut als früher. Das liegt aber nicht nur an den Aufstiegshilfen. Es ist eine Generation von Smartphone-Kindern, die sich generell nicht mehr so viel bewegt. Aber das ist wohl auf der ganzen Welt so. Wenn ich sie mal einen kleinen Hügel hochgehen lasse, sind viele fertig, fallen im Stehen um. Früher konnte jedes Kind einen Vorwärtspurzelbaum, heute ist das ein Problem. Von zehn Achtjährigen kriegen sieben bis acht keinen Purzelbaum mehr hin. In meinen Anfangsjahren kullerten die Kinder nach der Skistunde den Berg runter oder machten eine Schneeballschlacht. Heute schauen sie auf ihre Handys. Daher mein Plädoyer: Schneebälle statt Smartphones, das macht die Kinder glücklicher.

Also eigentlich sind nur der Berg und der Schnee gleich geblieben.

Na ja, auch der Schnee ist völlig anders. In großen Skigebieten wie hier am Arlberg haben viele der Pisten Kunstschnee, der ist um einiges schneller und härter als Naturschnee. Buckelpisten waren früher allgegenwärtig, heute sind sie eine Seltenheit.

Inwiefern lernen Kinder heute anders?

Der Lernfortschritt ist wegen all der technischen Vorteile viel größer, und wir gehen wissenschaftlicher vor. Vor 20 Jahren hatte ein Kinderlehrplan für Skilehrer drei Seiten Umfang, heute sind es hundert. Und wir haben natürlich neue, kindgerechtere Begriffe, wie „Banana Shape“ für Hüftknick oder „Pizza“ für den Pflugbogen oder „Pommes“ für die Parallelfahrt. „Airplane“ nennen wir es jetzt, wenn Kinder die Arme seitwärts ausstrecken. Wie ein Flugzeug halt. Die Zeiten von Stemmschwung und Umsteigbogen sind vorbei. Das klingt manchmal ein bisschen deppert, aber die Kinder verstehen das viel besser. Schon Anfänger lernen deshalb heute mit mehr schnellen Erfolgen, und das bringt dann natürlich mehr Freude mit.

Skivergnügen: Für viele Kinder ist ein Tag an der frischen Luft heute eine echte Herausforderung. Quelle: privat

Was ist mit den Eltern? Stellen Sie da auch Veränderungen fest?

Hier am Arlberg kommen sehr viele gute Skifahrer in den Urlaub, denn die Pisten sind Weltklasse und auch teils herausfordernd. Da kommt es schon vor, dass die einfach nur in den Pulverschnee wollen und uns eine Vierjährige übergeben, die dann bei minus zehn Grad von 9 bis 16 Uhr das Skifahren lernen soll. Das ist nicht immer kindgerecht, denn nach zwei Stunden ist die Kleine k. o. Manche Väter sind da schon egoistisch unterwegs, um einmal im Jahr richtig Ski zu fahren. Andere Eltern wiederum können sich nur schwer von den Kindern lösen, haben kein Vertrauen in uns Lehrer und machen sich Sorgen um ihr Kind.

Also die berüchtigten Helikoptereltern, die ihre Kinder immer sehen und überwachen müssen?

Manche filmen vom Lift aus den Skikurs, oder sie fahren schon mal nebenher, um zu sehen, wie es dem Kind geht. Andere kommen am Tagesende und wollen die Kursgebühr zurück, weil ihr Sohn oder ihre Tochter hingefallen ist oder mal weinend im Schnee sitzt. Als Beweis zeigen sie dann ein Video, das sie aufgenommen haben. In einigen Restaurants am Berg haben wir sogar die Kinderbereiche mit Glasfenstern, die nur in eine Richtung durchsichtig sind, abgetrennt, weil die Eltern so störend wurden. Mit den neuen Glasscheiben können die Eltern ihren Kindern beim Essen mit dem Skikurs zugucken, ohne dass die Kinder das bemerken. Denn wenn die Kinder mittags Mama oder Papa sehen, wollen sie oft lieber zu ihnen. Das würde den ganzen Ablauf stören.

Was ist ihr schlimmster Albtraum?

Früher hatte ich Angst, mal ein Kind zu verlieren. Heute sind es eher die Unfälle. Wenn Kinder zusammengefahren werden, macht mich das wahnsinnig wütend. Manche Erwachsenen sind sehr schnell unterwegs – und leider oft unkontrolliert. Material und Pisten sind super, da ist es leicht, die eigene Geschwindigkeit zu unterschätzen. Der Kleine ist immer der Schwächere, auch wenn alle Helme und Rückenprotektoren tragen. Prallt ein 90-Kilo-Mann mit 50 Stundenkilometern auf ein Kind, sind das immer sehr schwere Verletzungen … Mir wird bei dem Gedanken richtig schlecht. Oft begehen die Täter dann auch „Fahrerflucht“. Für die Eltern sind solche Unfälle natürlich immer Fehler des Skilehrers.

Macht das denn noch Spaß?

Na klar, ich würde den Job sonst wirklich nicht mehr machen. Die roten Backen und die strahlenden Augen der Kinder und ihre schiere Freude an der Bewegung im Schnee, das ist es wirklich wert! Die Kinder haben eine Gaudi und können für ein paar Stunden ihre Handys und ihre Lebensmittelallergien und ihre überfürsorglichen Eltern vergessen. Sie bewegen sich in der Natur und sind ein paar Stunden Wind, Wetter und der Sonne ausgesetzt. Es gibt wenig Schöneres. Wenn man dann mal Blödsinn macht und ein paar Sechsjährige den Skilehrer mit Schneebällen bewerfen, dann sollten Sie mal erleben, wie herrlich es ist, wenn sich die ganze Gruppe über einen Volltreffer kaputt lacht.

Von Interview: Stefan Viola/RND

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