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Lachen, reden, für einander da sein: Für die meisten Menschen sind Freunde genauso wichtig, wie der Partner und die Familie.

Lachen, reden, für einander da sein: Für die meisten Menschen sind Freunde genauso wichtig, wie der Partner und die Familie.
© Getty Images

Psychologie

Freunde – für’s Leben

Neue Freunde zu finden war noch nie so leicht wie heute. Die Familie verliert an Bedeutung, das Bedürfnis nach anderen Vertrauten hingegen wächst. Moderne Freundschaften sind deshalb oft besonders innig. Aber manchmal auch ganz schön kompliziert.

Hannover. Man kann es, ganz nüchtern, in Zahlen ausdrücken: Für rund 90 Prozent der Deutschen sind Freunde extrem wichtig.

Man kann das Thema aber auch in Verse fassen – wie die Popband Glasperlenspiel: „Ich hab euch so vermisst/Ihr habt mir so gefehlt/Habt euch lang nicht gesehen/Hab so viel zu erzählen/Und wie sich die Welt heute Nacht/ Um uns dreht/Auf dass diese Freundschaft/Niemals vergeht/Niemals vergeht“. Mehr als 200 Jahre zuvor dichtete Johann Gottfried Herder: „Holde Freundschaft, kehr, o kehre wieder/Hand und Herzen bindend, zu uns nieder!/Ohne Dich ist Alles leer/Auch die Liebe selbst nicht Liebe mehr.“

Ohne dich ist alles leer? Das ist vielleicht nicht mehr ganz der Tonfall zu Beginn des 21. Jahrhunderts, doch im Kern teilen die Deutschen aktuellen Umfragen zufolge die Einstellung, die Herder in so hymnische Worte gefasst hatte. Wenn die Befragten benennen sollen, was ihnen in Freundschaften wichtig ist, fallen die Antworten recht traditionell aus: Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Offenheit und die Bereitschaft, zu raten und zu trösten.

Es war nie so leicht, neue Freunde zu finden

Das klingt irgendwie selbstverständlich. Wer – abgesehen von Lebenspartnern und Familie – steht sonst schließlich so sehr für Loyalität? Dass dem so ist, erfahren die meisten schon als Kind. Mit Menschen, die uns sympathisch sind und die auch uns mögen, finden wir in unterschiedlichen Lebensphasen zusammen: im Kindergarten und in der Schule, später in Ausbildung und Studium, am Arbeitsplatz. In Geburtsvorbereitungs- und Schwangerschaftsrückbildungskursen sind schon unendlich viele Frauenfreundschaften geschlossen worden. Noch nie war es so leicht, neue Freunde zu finden, wie heute. Denn je mobiler wir sind – sei es der Umzug in eine andere Stadt, der Jobwechsel, der Urlaub, die sozialen Netzwerke, in denen wir uns tummeln – , desto mehr Kontakte können wir knüpfen. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite ist es in einer mobilen Gesellschaft durchaus schwierig, tiefe Freundschaften zu pflegen: Das Gefühl, dafür keine Zeit zu haben, ist mitunter übermächtig. Manchmal kann und will man sich in der Hektik des Alltags auch nicht auf allzu verbindliche Beziehungen einlassen. Freundschaften in sozialen Netzwerken lassen sich zwar schnell knüpfen, sind aber keine ernst zu nehmende Alternative. „Freunde in sozialen Medien und Freunde in der Realität haben nur den Anfangsbuchstaben gemeinsam – und das ist Erwachsenen auch klar“, sagt Susann Sitzler, Autorin des gerade im Verlag Klett-Cotta veröffentlichten Buches „Freundinnen. Was Frauen einander bedeuten“.

Das Ende einer altmodisch analogen Freundschaft kommt manchmal überraschend. Wenn der langjährige Freund, der mittlerweile Ehefrau und zwei Kleinkinder hat, kaum noch Zeit für einen gemütlichen Abend findet. Wenn man das Gefühl bekommt, mit der lange Vertrauten nicht mehr auf einer Wellenlänge zu schwimmen, sich Missverständnisse und Missstimmungen einschleichen. Wenn sich Interessen auseinanderentwickeln. Freundschaften schlafen still ein oder gehen lautstark in die Brüche – und manchmal tut das ähnlich weh wie das Ende einer Liebesbeziehung.

Freundschaften werden wichtiger

In den vergangenen 40 Jahren, sagt der Berliner Therapeut und Autor Wolfgang Krüger, sei die Bedeutung von Freundschaft erheblich gestiegen, während sich die Familienstrukturen eher aufgelöst hätten. Und: „Gute Freundschaften und auch soziale Netzwerke werden in unserem Leben immer wichtiger“, meint Krüger. Wenig verwunderlich in einer Gesellschaft, in der annähernd jede zweite Ehe geschieden wird und mehr als 40 Prozent der Erwachsenen allein in einem Haushalt leben. Für die zahlreichen Einzelkinder sind Freunde manchmal eine Art „Wahlgeschwister“, und für Erwachsene, die sich mit der Verwandtschaft überworfen haben, können Freunde zur Ersatzfamilie werden.

Doch machen die hohen Ansprüche an Freundschaft diese nicht auch anfällig für Konflikte? Überfrachten die Anforderungen die Kontakte? Teilweise schon, meint Krüger: „Wir haben immer die Vorstellung einer tiefen Herzensfreundschaft, aber es gibt wenig konkretes Wissen, wie man sie erreicht.“ In mehreren Büchern – das jüngste heißt: „Freundschaft: beginnen, verbessern, gestalten“ (Verlag BoD) – hat sich der Therapeut damit beschäftigt. „Wie lernt man es, offen über sich zu reden? Wie kann man geschickt Konflikte lösen? Wie wird man ein guter Gastgeber? Woran scheitern Freundschaften so oft? Darüber wissen wir zu wenig“, findet Krüger, „und es wird auch selten in Büchern vermittelt, während uns viele Experten nahebringen, wie man eine Liebesbeziehung verbessern kann.“

Eine unkomplizierte Freundschaft wie in der Serie Serie „Sex and the City“ wünschen sich viele

Eine unkomplizierte Freundschaft wie in der Serie Serie „Sex and the City“ wünschen sich viele.

Quelle: AP/Warner

Freundschaftspflege und Beziehungsstress

Bei dem Gedanken, etwa ein Seminar zu besuchen, um Freundschaft einzuüben, sich vielleicht mit einem Coach zu besprechen oder auch nur ein Buch zum Thema zu suchen, sträuben sich vielen die Nackenhaare. Wenigstens von Freundschaften erhoffen wir uns, vom Beziehungsstress verschont zu bleiben. Das gelingt Männern besonders dann, wenn sie sich lieber mit „Kumpeln“ treffen, als eine anspruchsvolle Freundschaft zu pflegen. Schließlich hat man im Beruf, in der Beziehung, mit den Kindern oder den alternden Eltern schon mehr als genug um die Ohren, da soll es wenigstens mit den Freunden unkompliziert sein. Manche Frauen wollen es vielleicht ähnlich quirlig-lustig haben wie in der TV-Serie „Sex and the City“, in der Carrie und ihre Freundinnen im New York der Jahrtausendwende ständig zum Plausch über Männer und Mode zusammenfanden.

Neuere mediale Vorbilder für Freundschaften gibt es zuhauf: Mal geht es turbulent und liebenswert zu wie in der Erfolgs-Sitcom „Friends“. Mal gibt es die Variante mit dem netten Schwulen als besten Freund der vom Liebesleben gebeutelten Heldin. Oder die rührende Geschichte vom langjährigen guten Freund, der sich nach 90 Minuten als Mann fürs Leben entpuppt. Der französische Kinohit „Ziemlich beste Freunde“ lockte allein in Deutschland fast zehn Millionen Zuschauer in die Kinos.

Der Film über die Freundschaft zweier grundverschiedener Männer aus unterschiedlichen Milieus kommt unserem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Harmonie entgegen. Tatsächlich jedoch stecken wir eher in einem Dilemma. Die Sehnsucht nach Vertrauten in einer komplexen, oft als unstet empfundenen Welt ist groß – die Bereitschaft, für diese Verbindung etwas zu tun, hält damit nicht unbedingt Schritt. „Die Erwartungen an Freundschaft werden immer höher“, sagt Susann Sitzler. Zumal wir in einer Zeit lebten, in der wir es gewohnt seien, „auch in sozialer Hinsicht alles sofort haben zu können“.

Echt innig

Echt innig: François Cluzet (rechts) und Omar Sy in „Ziemlich beste Freunde“.

Quelle: Dpa

„Schatz, wir müssen mal reden“

Wenn es in einer Freundschaft nicht mehr so gut läuft, lassen viele Männer und Frauen das aber eher auf sich beruhen und versuchen, sich damit zu arrangieren. Manchmal spielt da eine gehörige Portion Hilflosigkeit mit. Denn Konflikte zwischen Freundinnen sind, wie Sitzler sagt, „nicht so formal geregelt“. Männer und vor allem Frauen haben mühselig eingeübt, ihre Unzufriedenheit in Liebesbeziehungen zu äußern und ein „Schatz, wir müssen mal reden“-Gespräch zu eröffnen. Gerade bei Frauenfreundschaften jedoch, meint die Autorin, „ist der Anspruch an Harmonie ganz groß. Man sucht den Gleichklang und hat meist eine ausgeprägte Unlust und auch Angst, dass es einen offenen Konflikt gibt.“ Das führt dazu, dass Frauen, die weder im Beruf noch in der Familie ein Blatt vor den Mund nehmen, bei einer Freundin verstummen.

Diese Streitvermeidungsstrategie hängt möglicherweise damit zusammen, dass kaum jemand ohne Freunde dastehen möchte. Wer keine Freunde hat, gilt als schwierig, vielleicht gar als bindungsunfähig. Wobei der männliche Eigenbrötler mit etwas mehr Nachsicht betrachtet wird als die Frau, die ihre Freizeit am liebsten mit sich allein verbringt.

Freundschaften sind nun mal eine sehr komplexe Angelegenheit – und dementsprechend störanfällig. Wolfgang Krüger plädiert dafür, bewusst einen Abend in der Woche für Freundschaften zu reservieren: um sich zu treffen oder in Ruhe zu telefonieren.

Aber vielleicht verabredet man sich einfach mal wieder spontan mit der seit Monaten abgetauchten Freundin – und schaut, was passiert.

Von Martina Sulner/RND


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