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Entgegen aller Klischees: Studien konnten bislang kaum Unterschiede in der Entwicklung von Einzelkindern und solchen mit Geschwistern ausmachen.

Entgegen aller Klischees: Studien konnten bislang kaum Unterschiede in der Entwicklung von Einzelkindern und solchen mit Geschwistern ausmachen.
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Familie

Einzelkinder sind kaum anders als die anderen

Verwöhnt und egoistisch: Solche Vorurteile gegenüber Einzelkindern halten sich bereits seit Jahrzehnten hartnäckig. Zu Unrecht, sagen Experten.

Hannover. Sie können schlechter teilen, wollen immer ihren Kopf durchsetzen und bekommen jeden Wunsch erfüllt – so lauten einige der gängigen Vorurteile gegenüber Kindern, die ohne Geschwister aufwachsen. „Es ist erstaunlich, wie lange sich diese negativen Beschreibungen über Einzelkinder gehalten haben, auch wenn sie zum Glück langsam verblassen“, sagt Professor Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe und Familienforscher aus Unterschleißheim. Denn: Betrachtet man die Statistik, müssten sich in Kindergärten und Schulen lauter kleine verwöhnte Egoisten tummeln. Jedes vierte Kind in Deutschland wächst laut Angaben des Statistischen Bundesamts für Statistik ohne Geschwister auf. In Städten mit über 500.000 Einwohnern liegt der Anteil sogar bei 30 Prozent.

Auch wenn die Einzelkinder selbst ihre geschwisterlose Situation als positiv beurteilen, besteht in der Gesellschaft immer noch eine eher negative Bewertung. Kasten vermutet eine biologisch-genetische Vorstellung, die tief in uns verankert ist: „Wir gehen davon aus, dass jeder gesunde Erwachsene Kinder haben sollte.“ Und davon am besten mehrere. Auch wenn sich viele junge Paare noch vor ihrer Familiengründung genau dies wünschen, falle nach der Geburt des ersten Kindes jedoch immer häufiger die Entscheidung, es bei diesem einen zu belassen. Gründe dafür gibt es viele: Die doppelte Berufstätigkeit vieler Eltern, eingeschränkte Betreuungsmöglichkeiten, aber auch persönliche Wünsche, wie Unabhängigkeit und Freiheit oder die Sorge vor einer höheren finanziellen Belastung bei weiteren Kindern. Auch das höhere Alter von Frauen bei der Familiengründung spiele eine Rolle, sagt Kasten.

Ein-Kind-Familie für viele Menschen die bessere Wahl

Die individualisierte Gesellschaft mit ihren vielfältigen Anforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten lässt die Ein-Kind-Familie für viele Menschen zur besseren Wahl werden. Ein Problem für die Kinder sei das nicht: „Studien konnten bisher kaum Unterschiede in der Entwicklung von Einzelkindern und solchen mit Geschwistern ausmachen“, sagt Kasten. Lediglich kleinere Tendenzen wurden festgestellt, zum Beispiel dass Einzelkinder sich etwas besser allein beschäftigen können als Geschwisterkinder, in Gruppen etwas kompromissbereiter sind, dafür aber auch etwas weniger durchsetzungsfähig.

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema: Der Familienforscher Hartmut Kasten hat sich mehrfach intensiv mit der Einzelkindthematik befasst. In seinem aktuellen Buch „Einzelkinder und ihre Familien“ beschäftigt sich der Professor für Entwicklungspsychologie und Frühpädagogik kritisch mit dem nach wie vor allgegenwärtigen negativen Einzelkind-Stereotyp. Darüber hinaus gibt es Empfehlungen für den Erziehungsalltag und den verantwortungsvollen pädagogischen Umgang mit Einzelkindern. Erschienen bei Hogrefe, 136 Seiten, 19,95 Euro.

Quelle: Hogrefe Verlag

Wenn es so wenige Unterschiede gibt, woher stammen dann die Vorurteile gegenüber Einzelkindern? Laut dem Familienforscher hilft ein Blick in die Geschichte. In vergangenen Generationen war das Modell der Großfamilie mit vielen Kindern allgegenwärtig. Die Entscheidung, nur ein Kind zu bekommen, fiel zu früheren Zeiten eher aus persönlicher Not, zum Beispiel weil die Mutter unehelich schwanger wurde oder krank war. „Einzelkinder waren deshalb die absolute Ausnahme und sind nicht selten unter schlechteren Lebensbedingungen groß geworden, die dann tatsächlich dazu geführt haben, dass sie soziale Defizite entwickelt haben“, erklärt Kasten.

Kontakte zu anderen Kindern pflegen

Heute reiht sich die Ein-Kind-Familie in eine Vielzahl neuer Familienformen, sagt Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE) in Fürth. Pauschalurteile sind nicht mehr möglich. „Jedes Kind ist ein Individuum und muss auch so betrachtet werden.“

Pädagogische Empfehlungen für die Erziehung von Einzelkindern gibt es aber natürlich trotzdem – genau wie für Familien mit mehreren Kindern. Die wichtigste liegt auf der Hand: Einzelkinder sollten möglichst viele Kontakte zu anderen Kindern haben. „Kinder lernen unglaublich viel im Spiel und der Auseinandersetzung“, sagt Achim Schad, Paar- und Familientherapeut aus Wuppertal. In Familien mit mehreren Kindern übernehmen Geschwister im gemeinsamen Spielen, Toben und Streiten diese Lernfunktion. Bei Einzelkindern fehlt die tägliche Reibungsfläche im familiären Raum. „Durch den Besuch von Krabbelgruppen, Kindern von Freunden oder Nachbarn und Krippe und Kindergarten kann dieser Nachteil aber sehr gut ausgeglichen werden“, sagt Schad.

Einzelkinder bekommen volle Aufmerksamkeit – auch die negative

Beachtenswert in Ein-Kind-Familien ist auch die fehlende Pufferzone durch Geschwister. Das schlechte Zeugnis eines Einzelkindes steht immer für sich. Bei Geschwistern können Eltern Lob und Kritik auf mehrere Köpfe verteilen. „Einzelkinder bekommen die ganze Aufmerksamkeit der Eltern, positive wie negative, eben immer allein“, sagt Kasten. Wichtig sei es deshalb, das Kind nicht mit Erwartungen zu überfrachten, rät Andreas Engel von der BKE. „Eltern von Einzelkindern sind in der Regel etwas weniger gelassen, wenn mal etwas schiefgeht.“

Auch das Loslassen falle Eltern mit nur einem Kind häufig etwas schwerer, sagt Achim Schad und verweist auf die Problematik von Pubertät und „Empty-Nest“. Mit Einsetzen der Pubertät sollten Eltern deshalb darauf achten, dem Kind, aber auch sich selbst mehr Freiräume zu ermöglichen, um emotional unabhängiger zu werden. Empfehlungen, die laut Familienforscher Kasten auch für alle Eltern gelten, deren Kinder altersmäßig weit auseinanderliegen: „Kinder mit einem Altersunterschied von mehr als sechs Jahren zum größeren Bruder oder zur größeren Schwester wachsen aufgrund der fehlenden Gemeinsamkeiten zu den Geschwistern nämlich auch fast wie ein Einzelkind auf.“

Von Bettina Levecke/RND


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