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Wissen Ein Like für Erzengel Uriel
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20:00 24.10.2017
Via Youtube wendet sich Erzengel Uriel mit seinen Weisheiten an Heilsuchende. Quelle: Montage: RND
Hannover

Während Erzengel Uriel spricht, reinigt ein Antennenwels das Aquarium. Der Engel wendet sich heute online an seine Schützlinge, ganz weltlich über Youtube. Zu sehen: das Innere eines Aquariums. Zu hören: Uriel, der eigentlich Günther Wiechmann heißt. Von Heilern als „Katalysatoren des Lichts” spricht er. In einem späteren Clip wird er behaupten, Tumoren seien eine Reaktion auf innere Belastungen, für die man dankbar sein müsse.

Günther Wiechmann ist einer von Hunderten Geistheilern, die derzeit auf Youtube, Facebook und Twitter aktiv sind. Denn Esoteriker nutzen soziale Medien mittlerweile verstärkt als Marketinginstrument. Hier können sie ihre Botschaften ungeprüft verbreiten – geringe Kosten, größtmögliche Aufmerksamkeit.

Vermeintliche Hilfe per Mausklick

Rund 15.000 Geistheiler gibt es laut Schätzungen der Heilervermittlung IVH in Deutschland. Ihr Jahresumsatz liege im Milliardenbereich. Es ist eine brancheninterne Schätzung, offizielle Zahlen kennt keiner. Denn Heiler müssen sich nicht gewerblich registrieren – jeder darf sich so nennen. Geistheilung, ein Sammelbegriff für alternative Heilmethoden, die im Netz immer mehr Menschen erreichen.

Das Internet ist bei Heilern deshalb so beliebt, weil sie darüber ihre eigenen Wahrheiten verbreiten könnten, sagt Christoph Neuberger. Er ist Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Offline müssen sich die Heiler harter Kritik stellen: In den Medien wird die Wirksamkeit geistiger Heilmethoden regelmäßig angezweifelt, von der Wissenschaft wurde sie nie belegt. Immer wieder melden sich auch abgezockte Opfer öffentlich zu Wort. Hingegen bleiben die Videos, Tweets und Online-Beiträge von Heilern laut Neuberger von der breiten Öffentlichkeit meist unbeachtet. Klicks kommen von denen, die ohnehin an Geistheilung glauben. So entstehen Neuberger zufolge „echo chambers“: geschützte Räume, in denen sich Gleichgesinnte bestätigen und extremisieren.

Heilung oder Wunder?

In den Videos der Heilerschule École San Esprit wird diese Parallelöffentlichkeit deutlich. Auf Youtube stellt sich das Zentrum aus dem bayerischen Frabertsham vor, in dem Erwachsene zu mystischer Musik auf Gartenstühlen in die Sonne starren, mit der Hand Energien hin- und herwedeln. Einen Tumor, erfahren Zuschauer, ließen sie innerhalb von 20 Minuten verschwinden. Angaben wie diese sind strittig. Einen medizinischen Beweis liefert auch das Video nicht.

So schufen Esoteriker eine Welt Hunderter Videos mit geringen Abrufzahlen, aber recht vielen Likes. Die vereinzelten kritischen Kommentatoren gelten darin als Verräter. Denn neben der Vermarktung von Geistheilung sind die Echokammern ein idealer Nährboden für Verschwörungstheorien gegen Medizin und Pharmaindustrie, Staat und Wirtschaft.

Besonders das Thema Chemotherapie treibt die Heiler um – unwirksam und sogar schädlich sei sie, weil Ärzte und Pharmaunternehmen lieber am Krebs verdienen würden, als zu helfen. „Es geht darum, dass Krebs eine der drei größten Einkommensquellen des pharmazeutischen Kartells ist“, behauptet da der englische Geistheiler Karma Singh mit Rauschebart und langen, weißen Haaren. Einige gehen noch weiter und werfen der Pharmaindustrie vor, sie wolle ihre Patienten nur noch kränker machen, um weitere Medikamente verkaufen zu können. Zur Behandlung von Krebs haben Esoteriker ein „viel effizienteres“ Gegenmittel parat, das sie auf Youtube bewerben: organisches Germanium, ein chemisches Element der Kohlenstoffgruppe. Wegen des Risikos giftiger Wirkung ist der Verkauf in Deutschland verboten. In den Videos der Heiler heißt es, das Verbot sei nur auf Drängen der Pharmaindustrie veranlasst worden.

Gefährliche Faszination

Was passiert, wenn Zuschauer solchen Heilsversprechen aus dem Netz glauben, erlebt Ulrike Ackermann-Burkhart immer wieder. Sie ist Psychologin im Klinikum rechts der Isar in München und betreut auch die, die Krankenhäuser eigentlich meiden – und doch zu ihr kommen, wenn sie die Schmerzen nicht mehr aushalten. Vor allem an einen Fall erinnert sie sich: eine Frau Mitte 50. Ihr Brusttumor hat die Haut durchbrochen, als sie sich endlich an das Klinikum wendet. Zunächst besuchte sie einen Geistheiler, bis selbst das Duschen schmerzte. Ärzte entfernen den Tumor erfolgreich. Kurz darauf war die Frau wieder bei ihrem Geistheiler.

Ackermann-Burkhart erzählt von anderen Frauen, deren Krebs sich mit hoher Sicherheit heilen ließe – und die eine Therapie trotzdem verweigern. Sie erzählt, dass einige dieser Patienten sich von der Schulmedizin „vergewaltigt“ fühlten.

Viele der Heiler, auch Erzengel Uriel, behaupten, dass Krebs entweder selbst verschuldet oder Folge einer mangelhaften Aufarbeitung der eigenen Kindheit ist. Strafbar sind Aussagen wie diese nicht – nur Heilung dürfen die Geistheiler nicht versprechen. Die Esoteriker wissen das. Die Heilerschule San Esprit zum Beispiel reizt ihre Rechte bis an die Grenze aus. Über die Heilmethode Amazingrace schreibt sie auf ihrer Homepage: „Was alles bewirkt wird, darf aufgrund des Heilmittelwerbegesetzes an dieser Stelle nicht geschildert werden.“ Zeigen, das geht aber. Und so findet sich ein 27-minütiges Vorher-nachher-Video der Heilerschule auf Youtube. Titel: „Ausbildung Geistiges Heilen – bahnbrechende Ergebnisse“.

Glaube versus Wissenschaft

Ergebnisse, die laut Physiker Holm Gero Hümmler wissenschaftlich unmöglich sind. Auch er nutzt das Internet, allerdings für Gegendarstellungen. „Es gibt Medizin, das ist das, was wissenschaftlich erwiesen ist. Und es gibt Quacksalberei.“ Auf Youtube und in seinem Blog „Quantenquark“ dokumentiert und kommentiert er Falschaussagen und Abzocken. Oft, sagt er, würden Geistheiler zur Beschreibung ihres Tuns wissenschaftliche Begriffe ihrer eigentlichen Bedeutung entreißen. So wollen sie seriös klingen.

Sogar innerhalb der Heilerszene regt sich Kritik an dieser Online-Inszenierung. Harald Wiesendanger ist Gründer einer Heilervermittlungsstelle, die für sich beansprucht, seriöse Heiler von den Scharlatanen zu unterscheiden. Professionelle Websites, clevere Tweets und Vorher-nachher-Videos hält er für wenig aussagekräftig: „Eine seriöse Homepage sagt etwas über die Qualität des Webdesigners aus, nicht aber über die Qualität des Heilers – das tun nur die Ergebnisse.“

Romantiker glaubten an heilende Hände

Rund 15.000 Geistheiler gibt es derzeit in Deutschland. Ihr Erfolg ist nicht verwunderlich – glauben doch laut Umfragen 56 Prozent der Deutschen an Wunder. Der Glaube an übernatürlich oder göttliche Heilkräfte reicht bis ins Altertum zurück.

Alternative Behandlungsverfahren haben zu bestimmten Zeiten in bestimmten Kreisen besonders viele Fürsprecher gefunden. So war es in der deutschen Romantik en vogue, der Lehre Franz Anton Mesmers (1734–1815) anzuhängen. Mesmer glaubte, per Handbewegung gestörte Ströme im Körper wieder zum Fließen bringen zu können. Auch in der Hippiezeit war der Glaube an die Kraft von Schamamen und Wunderheilern weitverbreitet.

Von Jana Gäng und Julius Heinrichs/RND

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