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Stress kann nicht nur auf den Magen schlagen, sondern auch aufs Auge. Plötzliche Sehschwäche kommt bei psychischer Belastung häufig vor.

Stress kann nicht nur auf den Magen schlagen, sondern auch aufs Auge. Plötzliche Sehschwäche kommt bei psychischer Belastung häufig vor.

© Illustration: RND/Patan

Augengesundheit

Blind vor Stress

Psychische Belastung kann zu Sehstörungen führen und Augenkrankheiten beeinflussen – die Zusammenhänge sind allerdings kompliziert.

Berlin. Redewendungen wie „Das ist mir ein Dorn im Auge“, „Ich sehe schwarz“ oder „Er war blind vor Wut“ sprechen dafür, dass es eine Verbindung zwischen Auge, Sehvermögen und Psyche gibt. Tatsächlich gibt es solche Zusammenhänge, sie sind aber äußerst komplex. Wie sich psychische Belastungen auf bestimmte Augenerkrankungen auswirken, lässt sich schwer ermitteln. Fest steht immerhin, dass es Sehprobleme gibt, die sich organisch nicht ausreichend erklären lassen. Das spektakulärste Beispiel dafür ist die „psychogene Blindheit“: Als Folge verdrängter seelischer Konflikte können Patienten nur unscharf oder gar nicht mehr sehen, obwohl die Augen rundum gesund sind.

„Wir haben hier pro Jahr mehrere Fälle dieser Art“, sagt Horst Helbig, Vizepräsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). „Meistens handelt es sich um Mädchen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren.“, Sie würden umgehend an einen Kinderpsychologen überwiesen. „Wichtig ist aber, dass zuvor alles andere ausgeschlossen wurde und die Kinder nicht als Simulanten behandelt werden“, betont Helbig.

„Das Auge funktioniert, aber das Gehirn lässt die Bilder nicht zu“, erklärt Gabriele Emmerich, Sprecherin des Ressorts Psychosomatik in der Augenheilkunde im Berufsverband der Augenärzte Deutschlands, die psychogene Blindheit. Psychologen gehen davon aus, dass dem Phänomen unbewältigte Konflikte oder Traumata, zum Beispiel Kriegserlebnisse, zugrunde liegen. Diese führen dazu, dass die Patienten Sehinformationen unbewusst ausblenden, weil sie die schlimmen Erlebnisse – im übertragenen Sinn – nicht sehen wollen. Ausreichend wissenschaftlich erforscht sei das Phänomen allerdings nicht, berichtet die Augenärztin.

Auch die Sehschärfe kann vorübergehend leiden

Dass derart starke Sehprobleme eine rein psychische Ursache haben, ist allerdings selten. Viel häufiger sind Emmerich zufolge Fälle, in denen die subjektiven Beschwerden der Patienten und das, was organisch feststellbar ist, nicht zusammenpassen. So berichtet sie: „Ich habe oft Patienten, die ihre Symptome sehr viel stärker schildern, als der organische Befund vermuten lassen sollte.“ So leiden sie etwa sehr stark unter Brennen und Schmerzen infolge trockener Augen. Oder sie nehmen „fliegende Mücken“ – das sind harmlose Trübungen im Glaskörper des Augapfels – unerträglich deutlich wahr. „In solchen Fällen gilt es herauszufinden: Was ist denn so störend? Warum bewertet der Patient die Symptome derart stark?“, sagt Emmerich. Tatsächlich kann es sein, dass psychische Belastungen, etwa andauernder Stress oder Mobbing am Arbeitsplatz, das Hauptproblem sind.

Auch die Sehschärfe kann durch Stress vorübergehend leiden: Infolge starker Anspannung verkrampfen sich die Ziliarmuskeln, an denen die Linsen angehängt sind, sodass das Auge auf die Nähe eingestellt bleibt. Man spricht von einer Pseudokurzsichtigkeit, die oft mit Kopfschmerzen einhergeht.

Daneben gibt es handfeste Augenkrankheiten, bei deren Entstehung und Verlauf die Psyche offenbar eine Rolle spielt. Hintergrund sind meist sehr komplizierte Zusammenhänge, wie Emmerich erklärt: So könnten etwa ungelöste Konflikte Veränderungen des vegetativen Nervensystems sowie der Hormone bewirken und dadurch die Entstehung einer Krankheit fördern oder ihre Dauer verlängern. Typisches Beispiel dafür ist die rätselhafte Augenkrankheit Retinopathia centralis serosa (RCS), bei der sich Flüssigkeit unter der zentralen Netzhaut ansammelt (siehe Infokasten). Auffällig oft trifft die Krankheit beruflich stark eingespannte Männer zwischen 30 und 50 Jahren, weshalb sie auch „Managerkrankheit des Auges“ genannt wird.

Die „Managerkrankheit des Auges“ muss noch weiter erforscht werden

Die „Managerkrankheit des Auges“ muss noch weiter erforscht werden.

Quelle: iStock

Wie RCS entsteht, ist unklar. Nach Angaben der DOG vermuten Forscher seit Längerem einen Zusammenhang mit der Persönlichkeit der Patienten: Diese zeigen nämlich häufig ein „Typ-A-Verhalten“ – das heißt, sie legen in Konkurrenzsituationen eine erhöhte Leistungsbereitschaft an den Tag. Dadurch wird das vegetative Nervensystem stärker stimuliert, was zu einer erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Kortisol führt. Dieser Effekt könnte ein wichtiger Auslöser für die Krankheit sein.

Außerdem gehen ganzheitlich orientierte Augenärzte davon aus, dass auch bei entzündlichen Augenerkrankungen psychische Faktoren mitspielen können. Sie erklären das mit vielschichtigen Zusammenhängen zwischen Psyche und Immunsystem. So kann psychische Belastung das Immunsystem einerseits hemmen und zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führen. Stress kann aber auch eine Aktivierung des Immunsystems bewirken. Daraus resultiert die Hypothese, dass Stress das Entstehen der Autoimmunerkrankung Uveitis fördern kann. Unter diesem Stichwort werden Entzündungen des Augeninneren zusammengefasst, die mit Augenrötung, Tränenfluss, Lichtempfindlichkeit, Sehproblemen und Augenschmerzen einhergehen. Als Auslöser kommen viele Faktoren infrage, etwa eine Infektion mit Bakterien, Viren oder Pilzen – sie kann aber auch als Begleitung von Gelenkerkrankungen wie Morbus Bechterew auftreten. Meistens lässt sich die Ursache allerdings nicht klar ermitteln.

Autogenes Training hilft dem Augeninnendruck

Eine andere Krankheit, bei der schon lange über den Einfluss der Psyche spekuliert wird, ist das Glaukom (grüner Star), in dessen Verlauf der Sehnerv abstirbt. Psychische Belastung und Stress können nämlich unter anderem den Augeninnendruck verändern, der als Risikofaktor für ein Glaukom gilt. Umgekehrt haben Studien Folgendes ergeben: „Autogenes Training und Ausdauersport wirken sich günstig auf den Augeninnendruck aus“, sagt Helbig. Er warnt aber vor weiterreichenden Schlüssen. So sind für die DOG Medikamente, die den Augendruck senken, Mittel der ersten Wahl, um die Krankheit aufzuhalten. Auch Emmerich ist bei diesem Thema vorsichtig. Die Effekte, die sich durch Entspannungsübungen erzielen ließen, seien nämlich vergleichsweise gering. „Patienten fassen solche Aussagen gern so auf, dass sie keine Tropfen mehr nehmen müssen. Dabei könnten sie aber Schaden nehmen!“, warnt die Augenärztin aus Darmstadt.

Überhaupt möchte Emmerich keine allgemeingültigen Tipps geben, was Augen und Psyche anbetrifft. Dazu sind die Fälle, mit denen sie es in der Praxis zu tun hat, zu unterschiedlich. Allenfalls, meint sie, könne man zu Entspannungsverfahren raten. „Autogenes Training oder Muskelrelaxation nach Jacobson sind oft eine sinnvolle Ergänzung zur Behandlung stressbedingter körperlicher Erkrankungen“, sagt sie. Dadurch habe man mehr Energie – und die trägt auch zum besseren Durchblick bei.

RCS – rätselhafte „Managerkrankheit“

Plötzlich erscheint ein grauer Fleck im Gesichtsfeld, Gegenstände wirken verzerrt und unscharf: Das können erste Hinweise auf die Augenkrankheit Retinopathia centralis serosa (RCS) sein. Dabei gelangt durch ein Leck Flüssigkeit aus der Aderhaut unter die Netzhaut, die dadurch an manchen Stellen leicht angehoben ist. Betroffen sind vor allem Männer unter 50 Jahren, die beruflich stark eingespannt sind.

Die Hintergründe der „Managerkrankheit des Auges“ sind unklar. Auch Schulmediziner gehen davon aus, dass psychischer Stress neben Bluthochdruck und weiteren Faktoren das Krankheitsrisiko erhöht. Oft erholt sich das Auge innerhalb von drei bis sechs Monaten von allein. Allerdings kommt es nicht selten zu Rückfällen, die das Auge dauerhaft schädigen können. Behandeln lässt sich RCS unter anderem mit Laserverfahren. Sinnvoll sind daneben aber auch Stressbewältigungs- und Entspannungstherapien.

Von Angela Stoll/RND


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