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Wirtschaft

Abgas-Affäre: VW ruft fünf Millionen Autos in Werkstätten

Der VW-Konzern nimmt Fahrt auf im Abgas-Skandal. Erste Etappe ist ein Aktionsplan, wie von den Behörden gefordert. Die IG Metall will jetzt mögliche Nachteile des Abgas-Skandals für die Belegschaft abwehren. 

Wolfsburg. Im Abgas-Skandal hat VW einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vorgestellt und will fünf Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten zurückrufen. Die Wagen gehören zur Marke Volkswagen. Die betroffenen VW-Kunden sollen demnächst per Post informiert werden, wenn ihre Diesel-Fahrzeuge nachgebessert werden müssen. VW sprach von "Servicemaßnahmen".

Weitere Einzelheiten nannte der Konzern am Dienstag aber noch nicht. VW hatte bereits am vergangenen Freitag mitgeteilt, dass von der Konzern-Kernmarke VW fünf Millionen Fahrzeuge betroffen sind. Ebenfalls bereits bekannt ist, dass es insgesamt um elf Millionen Fahrzeuge geht, davon 2,8 Millionen in Deutschland. Volkswagen und die weiteren betroffenen Marken des Konzerns wollen den zuständigen Behörden im Oktober die technischen Lösungen vorstellen.

Die betroffenen Autos bestimmter Baujahre und Modelle - darunter der Golf sechs, der Passat der siebten Generation oder die erste Generation des Volkswagen Tiguan - sind mit Dieselmotoren des Typs EA 189 ausgestattet. Dass diese Modelle den Motor enthalten, hatte VW bereits am vergangenen Freitag bekanntgegeben.

Der Autokonzern hatte mit einer Software Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen in den USA manipuliert. Umweltverbände forderten erneut eine Untersuchung durch eine unabhängige Kontrollbehörde. "Wir haben in den vergangenen acht Jahren erlebt, wie das ehemals stolze Kraftfahrt-Bundesamt zum devoten Dienstleister der Autobauer verkam", sagte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch.

Die IG Metall wehrt sich zudem gegen drohende negative Folgen für die Belegschaft. Die Affäre bedeute einen "unendlichen Schaden" für das Produkt, den Konzern und den Standort Deutschland, sagte Gewerkschaftschef Detlef Wetzel in Frankfurt.

Aus nationaler Sicht sei der Skandal mit der Finanzkrise 2008/2009 vergleichbar. Arbeitnehmer seien dafür nicht verantwortlich, meinte Wetzel am Montagabend. Er gab aber zu, dass sich auch die in Wolfsburg mächtige IG Metall Fragen zu ihrem Beitrag zur Unternehmenskultur bei VW stellen müsse. Es stehe ein großer Kulturwandel an. "Es ist kein Wert an sich, größer als Toyota zu sein", sagte Wetzel. Zudem müsse man fragen: "Wieso haben wir davon nichts gewusst?"

Die Affäre hat aus Sicht der Gewerkschaft aber mit der besonders ausgeprägten Mitbestimmung im Konzern nichts zu tun. Die bisherigen finanziellen Rückstellungen wegen des Abgas-Skandals dürften einem Bericht zufolge nicht für die Lösung aller Probleme ausreichen. Dies geht aus einer Antwort von Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch auf entsprechende Fragen bei einer Manager-Versammlung hervor, wie das Fachblatt "Automobilwoche" (Dienstag) schreibt.

Die veranschlagten 6,5 Milliarden Euro sind demnach vor allem für technologische Lösungen und Service-Leistungen vorgesehen. Möglicher Schadenersatz, Anwaltshonorare und andere Kosten kämen obendrauf. Ein VW-Sprecher verwies auf die Gewinnwarnung aus der vergangenen Woche fürs dritte Geschäftsquartal, wonach der angenommene Betrag für Serviceleistungen "Einschätzungsrisiken" unterliege und auch bereits klar nur den Serviceleistungen zugeordnet worden sei. Der neue VW-Konzernchef Matthias Müller versprach eine "schonungslose und konsequente Aufklärung". Volkswagen werde in den nächsten Tagen betroffene Kunden darüber informieren, dass das Abgasverhalten ihres Fahrzeugs in Kürze nachgebessert werden müsse, sagte Müller laut Mitteilung am Montagabend. VW stehe vor der "größten Bewährungsprobe" in der Unternehmensgeschichte.

Müller ist Nachfolger von Martin Winterkorn, der im Zuge des Skandals seinen Posten räumen musste. VW-Markenchef Herbert Diess wollte am Dienstagabend in Brüssel EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska über den Abgas-Skandal informieren. Der Konzern hat die US-Kanzlei Jones Day angeheuert, um eine unabhängige Untersuchung durchzuführen. Am Mittwochnachmittag steht nach dpa-Informationen erneut ein Krisentreffen des Aufsichtsrats-Präsidiums von VW an. Zum innersten Machtzirkel zählen Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf.

Dem Gremium soll nach internen Ermittlungen ein erster Zwischenbericht vorgelegt werden. Demnach fiel die Entscheidung zum Einbau der manipulierten Software bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der VW-Zentrale. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte davor , infolge des VW-Abgas-Skandals Arbeitsplätze in Deutschland und weltweit aufs Spiel zu setzen. Es gehe um einen dramatischen Vorgang, der aufgeklärt werden müsse. "Trotzdem wollen wir alles dafür tun, dass Volkswagen auch wieder in eine stabile Situation kommt - nicht wegen der Manager, aber wegen der 600 000 Beschäftigten", betonte der Vizekanzler und SPD-Chef am Dienstag am Rande einer Fraktionssitzung im Deutschen Bundestag.


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