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Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger: „Wer weniger arbeitet, verdient weniger.“

Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger: „Wer weniger arbeitet, verdient weniger.“
© dpa

Gesamtmetall-Präsident

„Mehr Geld fürs Nichtstun wird es nicht geben“

Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Rainer Dulger, lehnt die von der IG Metall geforderte 28-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie ab. Er rechnet mit der härtesten Lohnrunde seit Jahrzehnten, sagt er im Interview.

Berlin. In etlichen Tarifbezirken haben Mitte November die Verhandlungen begonnen. Vor der zweiten Runde am Mittwoch wird deutlich: Die Vorstellungen von Arbeitgebern und Gewerkschaften liegen weit auseinander.

Der Metall- und Elektroindustrie geht es im Augenblick hervorragend. Ist es nicht selbstverständlich, dass die Arbeitnehmer jetzt in der Tarifrunde ihren Anteil am Erfolg wollen?

Dulger: Es wird auf jeden Fall eine angemessene Erhöhung geben. Die Beschäftigten werden fair an den Erfolgen der Unternehmen beteiligt. Sie hatten in den vergangenen zehn Jahren immer ein Reallohnplus.

Was würde es für die Betriebe bedeuten, wenn sich die IG Metall mit ihrer Forderung nach sechs Prozent mehr Lohn durchsetzen könnte?

Dulger: Wir haben in unserer Industrie eine jährliche Lohnsumme von rund 200 Milliarden Euro. Sechs Prozent mehr wären eine zusätzliche Belastung um zwölf Milliarden Euro. Das muss erwirtschaftet werden. Allein über die Produktivität funktioniert das aktuell nicht. Deshalb sage ich ganz klar: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.

Ihnen stehen nun die härtesten Tarifverhandlungen seit langem bevor, oder?

Dulger: Wahrscheinlich ja, aber das liegt nicht an der Lohnforderung. Bei den Entgelten werden wir uns auch diesmal mit der IG Metall irgendwie einigen können. Die Gewerkschaft hat aber das Thema Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich auf den Tisch gepackt. Und deshalb kann es durchaus die härteste Tarifrunde der letzten Jahrzehnte werden.

Die IG Metall fordert die 28-Stunden-Woche – mit teilweisem Lohnausgleich für 24 Monate, der etwa Schichtarbeiter, Eltern mit Kindern unter 14 Jahren oder pflegebedürftigen Angehörigen gedacht ist.

Dulger: Wir gehen davon aus, dass in manchen Betrieben bis zu 70 Prozent der Beschäftigten Anspruch auf diesen Teillohnausgleich hätten, wenn sich die IG Metall durchsetzen würde – das werden wir nicht hinnehmen. Ein durchschnittlicher Beschäftigter hätte damit unterm Strich 100 Euro weniger netto als bei 35 Stunden Wochenarbeitszeit. Diese Möglichkeit würde natürlich massiv genutzt werden. Es droht ein faktischer Einstieg in die 28-Stunden-Woche. Das wäre nach der Rente mit 63 der nächste Fachkräfte-Aderlass. Uns fehlt heute schon das Personal, um die Aufträge hier in den deutschen Werken abarbeiten zu können. Den Engpass darf man nicht noch verschärfen!

Die Arbeitgeber sind immer gegen gesetzliche Lösungen. Was ist so verkehrt daran, bei Tarifverhandlungen über die Arbeitszeit-Bedürfnisse von Eltern mit kleinen Kindern oder Pflegebedürftigen in der Familie zu sprechen?

Dulger: Verkehrt ist daran gar nichts. Im Gegenteil: Über Flexibilität kann man mit uns immer reden. Aber es gibt bereits einen gesetzlich klar definierten Anspruch für diese Gruppen, ihre Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren. Tatsächlich haben wir immer Lösungen gefunden und die Mitarbeiter in den Betrieben gehalten. Und wenn eine Rückkehr in Vollzeit rechtzeitig angekündigt und vereinbart wird, ist das auch fast immer möglich.

Es darf die Betriebe nur nichts kosten, wenn die Arbeitszeit einmal vorübergehend reduziert wird…

Dulger: Wer mehr arbeitet, verdient mehr. Wer weniger arbeitet, verdient weniger. Daran werden wir nicht rütteln. Mehr Geld fürs Nichtstun wird es mit uns nicht geben! Man muss auch mal die Relationen sehen: Ein Metallfacharbeiter in Baden-Württemberg hat im Schnitt ein Jahreseinkommen von 64 000 Euro bei 35 Stunden Wochenarbeitszeit. Gibt er in einer Reinigung seine Hemden ab, trifft er hinter der Theke auf eine Angestellte mit vielleicht 25 000 Euro Jahreseinkommen bei mindestens 37,5 Stunden Arbeit in der Woche. Ihr wird man nicht erklären können, dass sich der Metallfacharbeiter keine Auszeit leisten kann. Und im Vergleich zu anderen Teilzeitbeschäftigten in der Metall- und Elektro-Industrie ist der Teillohnausgleich ungerecht, vielleicht sogar diskriminierend.

Sie kontern nun mit Gegenforderungen zur Arbeitszeit, wollen sachgrundlose Befristung verlängern, Zeitzuschläge abbauen und die Möglichkeit, individuell längere Arbeitszeiten zu vereinbaren. Ist das nicht alles nur Verhandlungsmasse?

Dulger: Diese Forderungen sind ja nicht neu. Wenn uns jetzt in dieser Tarifrunde eine Arbeitszeitdebatte aufgezwungen wird, gibt es dazu natürlich auch Vorstellungen von unserer Seite. Laut Beschäftigtenbefragung der IG Metall sind 70 Prozent der Beschäftigten mit ihren Arbeitszeiten völlig zufrieden. Nur weniger als fünf Prozent sind unzufrieden. Und 30 Prozent wollen ausdrücklich länger arbeiten als 35 Stunden, weil sie gerne mehr verdienen würden – was sie aber wegen tarifvertraglicher Regelungen nicht dürfen. Und natürlich brauchen wir das Instrument der sachgrundlosen Befristung – um zu kompensieren, wenn Beschäftigte weniger arbeiten sollen.

Viel Gesprächsstoff also am Verhandlungstisch. Werden Sie in der zweiten Runde ab 6. Dezember ein Angebot vorlegen?

Dulger: Das werden wir noch beraten und erst kurz vorher entscheiden. Wir sind um einen guten Verhandlungsverlauf bemüht. Aber ich frage mich, ob das auch für die IG Metall gilt. Sie hat in allen Bezirken inzwischen nicht nur den Entgelt-, sondern auch den Manteltarifvertrag gekündigt. Das macht alles nur noch komplizierter, weil da eine Fülle von Regelungen neu zur Diskussion stehen. Über den Mantelvertrag ist zum letzten Mal 1986 verhandelt worden. Die IG Metall hat die Büchse der Pandora geöffnet. Das macht eine Einigung sehr viel schwieriger und die Verhandlungen langwieriger, als es nötig gewesen wäre.

Von Rasmus Buchsteiner/RND


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