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Ratgeber Neue Methode an der MHH: Gerüstimplantat für Zahnersatz
Nachrichten Ratgeber Neue Methode an der MHH: Gerüstimplantat für Zahnersatz
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00:20 19.10.2018
NEUE METHODE: Ein an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) entwickeltes Implantat, das letztlich festen Zahnersatz einfacher ermöglicht, ohne Knochenaufbau etwa. Quelle: Foto: Frankenberg
Hannover

Wieder kraftvoll zubeißen, egal ob Apfel, Schnitzel oder eine harte Nuss zu knacken ist, wieder normal sprechen können – das verspricht eine neue Methode, die an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) entwickelt, erprobt und jetzt vorgestellt worden ist. Die Fachleute sprechen von einem funktionsstabilen Gerüstimplantat, das auf den Kiefer gesetzt wird und die Basis für festen Zahnersatz ist.

Es gibt viele Fälle, in denen traditioneller Zahnersatz, auf ein Schraubimplantat gesetzt, nicht mehr möglich ist, weil der für die Verankerung nötige Knochen fehlt. Etwa, wenn der Kiefer durch Tumore, Entzündungen, Unfall, Nichtbeanspruchung wegen fehlender Zähne oder gar aus angeborenen Gründen nicht mehr ausreichend oder gar nicht (mehr) vorhanden ist. Allen, die davon betroffen sind, verspricht die MHH-Methode die Kehrtwende – und zwar schnell und in der Regel komplikationsfrei: ein individuell angefertigtes Gerüst aus einem Metallpulver, das per Laser-Schmelzverfahren in die erforderliche Form gebracht wird. Mit Computerhilfe können die Mediziner schon vorher erkennen, wie genau das aussehen wird – und auch der aufzusetzende Zahnersatz kann anhand dieser Computerplanung unabhängig vom Implantationsprozess gefertigt werden. Auch ist in der Regel kein Knochenaufbau nötig (etwa, indem ein Stück Beckenknochen entnommen und verpflanzt wird): Das neuartige Gerüst kann an beliebig vielen verbliebenen Stellen des Kiefers verschraubt werden, es ist eine Art Netz, das „den Kieferknochen wie eine Krake umfasst“, erklärt Nils-Claudius Gellrich, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Er hat zusammen mit seinem ehemaligen Studienkollegen Björn Rahlfs, der auch eine Zahnarztpraxis in Rendsburg betreibt, das Verfahren entwickelt und per Patent schützen lassen. Die Fertigung der Implantate liegt bei der Firma KLS Martin Group in Tuttlingen (Bodensee), der auch die Verwertung des Patents übertragen wurde. Derzeit wird diese Methode „weltweit nur in Hannover angeboten“, sagt Gellrich.

Aus dem Gerüst ragen dann die erforderlichen Verankerungspfosten für den Zahnersatz in den Mundraum – der wird da einfach aufgesteckt, nicht wie herkömmlich im Knochen gebohrt, verschraubt, zementiert – mit dem Risiko, dass das womöglich bald wackelt.

ENTWICKLER: Nils-Claudius Gellrich, Professor und Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der MHH Hannover, erklärt das Gerüstimplantat. Quelle: Frankenberg

Schneller und günstiger

Kein monatelanger Knochenaufbau mit mehreren Operationen – das spart auch Geld, weshalb die Krankenkassen bisher positiv reagiert und in den seit dem Jahr 2015 absolvierten 21 Fällen die Kosten übernommen hätten. Immerhin kostet alleine das Gerüst 10 000 bis 13 000 Euro. Doch der andere, aufwendigere Prozess koste zwischen 50 000 und 100 000 Euro, sagt Gellrich. Ein „kleines Implantat“ dürfte gar schon für 3000 bis 5000 Euro zu haben sein, sagt Rahlfs.

Jetzt wollen die MHH-Experten, dass die Methode bekannt wird – allein in Deutschland dürfte es „im Jahr locker 2800 Fälle geben“, bei denen Menschen geholfen werden kann, für die es sonst keine Möglichkeit gebe, sagt Gellrich. „Damit können wir auch Patienten in scheinbar hoffnungslosen Fällen zu einem festen Gebiss verhelfen.“ Künftig könnten auch geschulte und chirurgisch erfahrene Zahnärzte in entsprechend ausgestatteten Praxen das Gerüstimplantat selbst einsetzen. Die Operation soll etwa eineinhalb Stunden dauern. Und sollte es irgendwelche Gründe geben, weswegen das Gerüst wieder raus muss, sei das genauso einfach zu bewerkstelligen. Grundsätzlich könnten Patienten noch am Tag des Eingriffs mit einer provisorischen Zahnprothese kraftvoll zubeißen und normal essen – in der Regel sei nach sechs Wochen alles soweit verheilt, dass dann der endgültige Zahnersatz auf das Gerüst gesetzt werden könne. Besonders geeignet sei das Verfahren für ältere und für sehr kranke Menschen, die sich nicht dem langwierigen Prozess des Knochenaufbaus mit eigenem Knochenmaterial etwa aus dem Becken unterziehen wollen oder können.

Überweisung und Kostenantrag

Zahnärzte oder Kieferchirurgen, die für ihre Patienten keine andere Lösung deren Probleme mehr sehen, können sie nach Hannover überweisen – die Kostenübernahme für die Anwendung der Methode durch die Krankenkasse ist dann jeweils eine Einzelfallentscheidung gemäß Ausnahmekatalog und Stellungnahme eines Gutachters.

Von Ralph Hübner

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