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Ratgeber „Klugen Appetit“: Essen gegen Alzheimer
Nachrichten Ratgeber „Klugen Appetit“: Essen gegen Alzheimer
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12:53 27.11.2018
Dennis Wilms. Quelle: Sebastian Weimar

„Klugen Appetit!“ ist ein sehr persönliches Buch. Warum?

Meine Mutter ist sehr früh an Alzheimer erkrankt – mit Mitte fünfzig. Ich war damals der Erste, der die Symptome bemerkt hat. Ich habe in Stuttgart gelebt, war aber regelmäßig bei meinen Eltern in Kiel zu Besuch. Bei einem Sonntagsmittagessen ist mir aufgefallen, dass meine Mutter mir im Zwei-Drei-Minuten-Rhythmus immer wieder dieselbe Geschichte erzählt hat. Außerdem stellte sie immer dieselben Fragen, hatte Wortfindungsschwierigkeiten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon sieben Jahre Erfahrung mit Wissenschaftssendungen im TV gesammelt, hatte auch im­mer wieder Alzheimer-Experten zu Gast – bei mir schrillten die Alarmglocken!

Was passierte dann?

Meine Eltern ignorierten meine Hinweise, betrachteten mich als Querulanten – und brachen zwei Jahre den Kontakt zu mir komplett ab. Natürlich weiß ich, dass das Leugnen der Krankheit auch ein klassisches Symptom ist. Erst als mein Vater mit der Situation im Alltag gar nicht mehr klarkam, hat er sich wieder gemeldet. Meine Mutter ist leider auch keine  fröhliche Alzheimer-Erkrankte, sondern eher aggressiv, ist oft weggelaufen, hat ihr Zimmer verwüstet. Dann endlich kam die Diagnose, heute wird sie in einem Heim betreut.

Leben Sie jetzt mit der Angst, selber früh an Alzheimer zu erkranken?

Ich weiß, dass die genetische Komponente sehr gering ist. Vorrangig ging es anfangs darum, meine Mutter gut unterzubringen. Nach etwa zwei Jahren habe ich aber angefangen, mich sehr intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.

„Ich bin auf viele Fakten gestoßen, die Alzheimer begünstigen“

Entstand so die Buch-Idee?

Man kennt die Krankheit seit 100 Jahren, die Wissenschaft hat aber noch immer nicht abschließend geklärt, wie sie ausgelöst wird und sich entwickelt. Man weiß letztendlich nicht genau, was im Gehirn abläuft und wie man den Prozess stoppen oder heilen könnte. Ich bin bei meinen Recherchen aber auf viele Faktoren gestoßen, die die Krankheit begünstigen – und die haben in überwiegendem Maße mit Ernährung zu tun.

Was sind Risikofaktoren?

Übergewicht, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, kalorienreiche Ernährung, zu viele tierische Fette, Bewegungsmangel, zu wenig geistige Anregung – und Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, hoher Cholesterinspiegel, wenn sie schlecht oder gar nicht behandelt sind. Außerdem auch ein Mangel an Vitaminen wie unter anderem Folsäure. Von diesen Punkten haben alleine acht mit Ernährung zu tun. Und die kann man beeinflussen. Ernährung ist eine wichtige Stellschraube.

Der Bauch beeinflusst also den Kopf?

Ja, wir haben so etwas wie ein „zweites Gehirn“ im Bauch – ein Nervengeflecht aus etwa 200 Millionen Nervenzellen in den Wänden unseres Verdauungsorgans, das ist die größte Ansammlung von Nervenzellen außerhalb des Gehirns. Man nimmt an, dass dieses „Bauch-Hirn“ älter ist als das „Kopf-Hirn“. Die Verbindung zwischen beiden ist der Vagus-Nerv, 90 Prozent der Kommunikation laufen dabei von unten nach oben. Das heißt: Wenn wir darauf achten, dass es dem Bauch-Hirn gut geht, dann geht es auch unserem Kopf gut.

Ein spannendes Medizin-Thema ...

Es gibt die neue Medizinrichtung Neurogastroenterologie, die untersucht, was das Bauch-Hirn alles steuert. Die Theorie: Depressionen, Parkinson oder Alzheimer be­treffen auch diese Region. Man kann den Darm auch  durchaus als Fenster zum Gehirn betrachten.

„Das war ziemlich unsexy!“

Sie hätten aus „Klugen Appetit“ auch einen dicken Wissenschaftsschmöker machen können. Warum ist es genau andersherum?

Ich bin ein sinnlicher Mensch, esse für mein Leben gern (lacht). Außerdem habe ich in der Kochshow mit Cornelia Poletto wahnsinnig viel gelernt und Liebe zum Kochen entwickelt. Als ich die Idee fasste, Genuss und Essen mit Wissen zu verbinden, habe ich mir den Markt angeschaut. Und das war ziemlich unsexy! Es gab Bücher mit 80 Seiten Theorie und zehn lieblosen Rezepten für den Alltag. Das wollte ich sinnlicher ma­chen.

Wie sind Sie an das Thema herangegangen?

Erst mal brauchte ich ja eine Struktur: Drei Sachen tun dem Gehirn gut – gute Proteine, komplexe Kohlenhy­drate, gute Fette. Daraus ist die Einteilung in sechs Kapitel entstanden – Eiweiß, kluge Körner, frisches Gemüse und Salat, Hülsenfrüchte, Fisch und Meeresfrüchte für Omega-3-Fettsäuren, mageres Fleisch und Geflügel für die Proteine.

Was sollte man für „kluge Ernährung“ im Kühlschrank haben?

Ungesättigte Fettsäuren sind wichtig – fetter Fisch wie Lachs oder Makrele sind da tolle Lieferanten. Man muss aber bedenken, dass die Meere überfischt sind, man sollte schon überlegen, welchen Fisch von welcher Marke man kauft. Alternativen sind hochwertige Öle, auch Nüsse sind Super-Lieferanten für Omega-3-Fettsäuren. Der Vorteil von komplexen Kohlenhydraten in Linsen, Bohnen, Quinoa oder Bulgur ist, dass sie den Blutzuckerspiegel auf einem mittleren Maß stabilisieren – das ist wichtig, um kognitiver Degeneration vorzubeugen.

Wie ist es mit Salat und Gemüse?

Da gilt: Je bunter, desto besser! Die Flavonoide, also die Pflanzenfarbstoffe, sind nämlich Radikalfänger. Ich kombiniere deshalb gerne Salat mit frischen Früchten. Fürs Eiweiß sind drei bis vier Eier in der Woche okay – ihr Cholin, das in Acetylcholin umgewandelt wird, ist einer der wichtigsten Neurotransmitter für die Reizübertragung zwischen den Gehirnzellen. Einen Bogen sollte man um verarbeitetes Fleisch – also Wurst – ma­chen. Da sind zu viele gesättigte Fette drin. Außerdem weiß man nie, was da alles verarbeitet wurde.

„Ich bin alles andere als ein Asket“

Was halten Sie denn von den sogenannten Superfoods?

Nix! Da kommt ja auch der ökologische Gedanke dazu. Man findet tolle Stoffe und Vitamine in einem saisonalen Spitzkohl, den man auf dem Markt nebenan kauft. Da muss man keine Goji-Beeren aus Übersee einfliegen. Man sollte aufpassen, dass man im Ernährungsbereich nicht einer gewinnorientierten Industrie aufsitzt. Hafer- und Sojamilch werden zum Beispiel oft maximal industrialisiert hergestellt. Da rutscht man leicht von einem Extrem ins andere.

Darf man auch sündigen?

Ich bin alles andere  als ein Asket, bei mir als Schleswig-Holsteiner kommt auch mal ein Stück geräucherter Katenschinken auf den Tisch. Es passiert zwar selten, aber ich klammere es aus meinem Speiseplan nicht komplett aus. Den gestalte ich ansonsten schon nach den von mir erarbeiteten Regeln.

Was sind die Folgen?

Es geht mir einfach besser. Ich habe einen unsteten Lebenswandel, pendle zwischen Kiel, Köln, München und Baden-Baden, für die Wissenschaftssendungen muss ich mir viele Sachen merken. Das gelingt mir viel besser, wenn ich auf meinen Lebenswandel achte. Dazu gehört auch, dass ich Sport mache, nicht rauche, genug Wasser trinke, um das Oberstübchen fit zu halten. Ich habe außerdem festgestellt, dass es dem Gehirn auch mal guttut, nichts zu essen.

Sie meinen das berühmte Intervallfasten?

Auch das habe ich ausprobiert, die Methode ist ganz leicht. Man nimmt die letzte Mahlzeit um 18 Uhr ein, verzichtet 16 Stunden lang und isst erst am nächsten Tag mittags wieder. Ich finde aber die 5:2-Methode besser. Dabei ernährt man sich an zwei Tagen der Woche kalorienreduziert und nimmt wie ich als Mann nur 500 bis 600 Kalorien auf.

Was bringt das?

Das hat den Vorteil, dass man sich ausführlich mit der Energiedichte von Lebensmitteln beschäftigt, weil man ja trotzdem satt werden will (lacht). Außerdem kommen die Zellen so in den „Reparaturmodus“. Ich fühle mich nach solchen Tagen fitter, konzentrierter und leistungsfähiger.

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