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Ratgeber Hannover: Immer mehr Ältere in der Schuldenfalle
Nachrichten Ratgeber Hannover: Immer mehr Ältere in der Schuldenfalle
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00:18 08.02.2018
ERFAHREN: Holger Hoppe, Schuldner- und Insolvenzberater der Stadt Hannover, in seinem Büro an der Hamburger Allee..  Quelle: Foto: Wilde
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HANNOVER

 Beim Haus- oder Wohnungskauf übernommen oder verspekuliert, den Überblick über die eingegangenen finanziellen Verpflichtungen verloren, teure Handyverträge oder gar Spielsucht – all das kann in die Privatinsolvenz führen. Hauptursachen für private Pleiten sind nach Angaben von Experten: Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit und Fehlinvestitionen. Die Schuldnerberatung der Stadt Hannover ist nach eigenen Angaben mit derzeit acht Mitarbeitern eine der größten in Niedersachsen. Wir haben nachgefragt, wie dort die Entwicklung und die Lage gesehen werden.

Die Zahl der überschuldeten älteren Menschen in unserer Stadt steigt stetig, ebenso die der Hilfesuchenden, die älter als 60 Jahre sind, so die Erkenntnis von Schuldnerberater Holger Hoppe (60). Das Problem aus Expertensicht: „Immer mehr ältere Menschen können durch niedrige Renten-und Unterhaltsansprüche kaum noch Ihre laufenden Kosten decken. Zudem steigen die Mieten und Energiekosten in einem größeren Maße als ihre Einkünfte.“ Das führt oft in eine Abwärtsspirale oder Sackgasse: „Und mit steigenden Schulden kommt es zu negativen Schufa-Einträgen – weshalb sie wiederum nicht in günstigere Wohnungen umziehen könnten, denn die Vermieter nehmen keine Neumieter mit negativer Schufa-Auskunft, erklärt Hoppe, der schon seit elf Jahren in der Beratung arbeitet.

Eine der Ursachen, die in die Krise führen: „Die heutigen Verträge für Handys, Möbel- oder Autokauf und Leasing etwa sind sehr undurchsichtig und die Angebote mit null Prozent Zinsen verschleiern, dass in der Folge nicht unerhebliche Raten monatlich zu zahlen sind“, erklärt der/die Berater/in. „Die Betroffenen verlieren irgendwann den Überblick über ihre finanziellen Verpflichtungen und nehmen oft sehr spät Kontakt zu den Schuldnerberatungsstellen auf.“

Zitat

„Soziale Schuldnerberatung kostet viel Zeit, zahlt sich allerdings durch die auf diese Weise oftmals erwirkte Nachhaltigkeit dauerhaft aus.“

Das erste Ziel der Schuldnerberatung lautet: „Wir versuchen die finanzielle Situation zu erfassen und zu stabilisieren, um so neuen Schulden vorzubeugen. Wir bieten individuell passende Lösungsansätze an und begleiten die Ratsuchenden bei der Umsetzung. Je nach Lebens- und Einkommenssituation sind außergerichtliche Vergleiche, bei denen Raten- oder Einmalzahlungen angeboten und vereinbart werden, oder das Verbraucherinsolvenzverfahren die passenden Lösungsansätze.“ In manchen Fällen aber gelte auch: „Ein Leben mit Schulden kann ebenfalls ein möglicher Weg sein; auch in diesen Fällen leisten wir Unterstützung.“

Zunehmend suchten Menschen Rat, die keine Sozialleistungsempfänger sind - da gestalte sich die Zusammenarbeit langwieriger, da „in intensiven Verhandlungsprozessen“ mit den Gläubigern außergerichtliche Vergleiche aushandeln dabei erhielten die Gläubiger „häufiger mehr Geld zurück als in einem Insolvenzverfahren“. Hoppe ist sicher: „Durch dieses Vorgehen müssen weniger Verbraucherinsolvenzverfahren eingeleitet werden.“ Außerdem stärke diese Art der Schuldenregulierung „das Selbstbewusstsein der Klienten und stärkt die Verantwortung für sich selbst“.

Beratungsangebot

Wöchentlich bietet die Schuldnerberatung der Stadt Hannover drei Mal eine dreistündige Telefonsprechstunde mit „qualifizierter Erstberatung mit Tipps und Auskünften“ daneben auch Beratung per E-Mail und bei intensivem Beratungsbedarf das persönliche Gespräch in der Dienststelle. Mit den Präventionsprojekten „Junge Menschen - erste Schulden“ und „Alter-Armut-Schulden“ gibt es spezielle Angebote für diese Altersgruppen.

Beratungstelefon: 0511/168-43914, montags und mittwochs von 9 bis 12 Uhr und donnerstags von 13.30 bis 16.30 Uhr.

Schuldnerberatung bieten etwa auch die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die Diakonie und die Phöniks Schuldnerberatung e.V.

Immer weniger Menschen landen wegen privater Schulden vor Gericht. Dafür suchen immer mehr Rat bei der Schuldnerberatung.

Es gibt so viele Jobs wie nie, die Auftragsbücher der meisten Unternehmen sind gut gefüllt - und immer weniger Menschen geraten in die Privatinsolvenz, immer weniger Unternehmen schlittern in die Pleite – zumindest besagen das die Zahlen für Hannover, die die NP zusammengetragen hat. Währenddessen steigt die Zahl der Menschen, die die städtische Schuldnerberatung aufsuchen.

Nach den Angaben des Gerichts sank etwa die Zahl der Anträge auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens seit 2010 am Amtsgericht Hannover um fast 38 Prozent - ein absoluter Rückgang um 1334 Anträge. Allein die Verbraucherinsolvenzen gingen von 2352 um 888 auf 1464 im vergangenen Jahr zurück. Auch im Fünf-Jahres-Vergleich ist die Entwicklung ähnlich: knapp 26 Prozent weniger Verbraucherpleiten als 2012 landeten 2017 beim Amtsgericht Hannover.

Gegenläufig sieht es bei der Schuldnerberatung etwa der Stadt Hannover aus: Aus den Zahlen geht hervor, dass seit 2012 die Zahl der Beratungsfälle um mehr als 20 Prozent zugelegt hat: statt 1414 Ratsuchende kamen vergangenes Jahr 1704, heißt es auf NP-Anfrage. Knapp 74 Prozent der Ratsuchenden hatten bis zu 20 000 Euro Schulden angehäuft – dabei hat der Anteil jener, die mit bis zu 5000 Euro im Minus stehen um 20 Prozent zugelegt. Immerhin ein Viertel steht demnach mit mehr als 20 000 Euro in der Kreide – dieser Anteil ist über die Jahre recht stabil geblieben. Im gleichen Zeitraum sank dagegen die Zahl der beendeten Beratungsfälle von 293 auf zuletzt 167 – ein Zeichen dafür, dass die Fälle beratungsintensiver geworden sind. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) verzeichnet dagegen eine schwankende Zahl Ratsuchender in ihrer Schuldnerberatung in Hannover, Langenhagen und Seelze, da ist für die vergangenen vier Jahre kein eindeutiger Trend erkennbar.

Die Umstände

Die Jahre 2007 bis 2012 standen ganz im Zeichen der „Finanzkrise“ nach dem Platzen der Immobilienblase in den USA, dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehmann Brothers und der globalen Immobilien-, Banken- und Staatsschuldenkrise. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in Deutschland sank von 8,1 im Jahr 2009 auf 5,7 Prozent im vergangenen Jahr, die Zahl der Erwerbstätigen kletterte in dieser Zeit um knapp 3,3 Millionen. Die Zahl jener, die zusätzlich einen Nebenjob mit geringfügiger Bezahlung (unter 450 Euro/Monat oder sehr kurzfristig) ausüben, hat in dieser Zeit um etwa 635 000 zugelegt.

So geht es aus der Insolvenz

Seit Mitte 2014 ist bei Privatinsolvenz (auch Verbraucherinsolvenz genannt) eine kürzere Wohlverhaltensperiode möglich: Jetzt kann ein Schuldner nach drei statt sechs Jahren schuldenfrei sein. Voraussetzung: 35 Prozent der Schulden und alle Verfahrenskosten müssen in dieser Zeit bezahlt sein. Wer binnen fünf Jahren immerhin sämtliche Verfahrenskosten zahlt, kann dann schon Restschuldbefreiung erhalten.
Unterhaltsansprüche und hinterzogene Steuern sind von der Restschuldbefreiung nicht mehr erfasst – die müssen selbst nach der Privatinsolvenz weiter gezahlt werden. Spätestens nach sechs Jahren entscheidet das Gericht über die Restschuldbefreiung. Wird sie gewährt, müssen die Gläubiger auf ihre restlichen Forderungen verzichten.

Von RALPH HÜBNER

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