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Ratgeber Beste Freundin – trotz Nachwuchs
Nachrichten Ratgeber Beste Freundin – trotz Nachwuchs
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11:58 10.10.2010
Wenn die beste Freundin Mutter wird, müssen sich beide Seiten auf die veränderte Situation einstellen.

VON JULIA KIRCHNER

Sie ist Ansprechpartnerin für alle Lebenslagen: die beste Freundin. Ob die Kollegen im Job nerven, die Nachbarin über die vergammelten Blumen auf dem Balkon meckert oder der Freund sich danebenbenimmt: Die Freundin versteht einen und hat immer ein offenes Ohr. Das kann sich aber schnell ändern, wenn sie Mutter wird.

Wer selbst noch kinderlos ist, fühlt sich dann schnell aufs Abstellgleis befördert. Und die Freundschaft wird sich mit der Geburt des Babys zwangsläufig verändern. „Das ist eine große Umwälzung“, sagt Psychologin Felicitas Heyne. Für werdende Mütter verschiebe sich der Fokus ihrer Interessen. Ähnlich sieht das die Psychotherapeutin Michaela Huber: „Ein Kind zu kriegen, bedeutet, dass Ähnlichkeiten zwischen Freundinnen schwinden und Lebensentwürfe auseinanderdriften.“

Schnell geraten dadurch Lebensmodelle in Konkurrenz: „Viele kinderlose Frauen fühlen ihr Leben durch die Mutterschaft der anderen auf den Prüfstand gestellt und empfinden das als Kritik“, erklärt Heyne. Die Reaktion auf die Schwangerschaft der Freundin kann daher auch ein Gradmesser für die eigene Zufriedenheit sein, wie Huber findet: „Wenn die Frau ihr eigenes Lebensmodell bejaht und genug Selbstwertgefühl hat, dann wird sie Verständnis für die andere haben und sich nicht angegriffen fühlen.“

Manchmal kommt aber auch deshalb keine wahre Freude über das Kinderglück der Freundin auf, weil es den eigenen, unerfüllten Wunsch nach Nachwuchs deutlich macht. In solchen Fällen helfe es nicht, das überspielen zu wollen. „Man muss sich trauen zu sagen: ‚Tut mir leid, ich kann deine Gefühle gerade nicht teilen.’“

Wichtig sei vor allem, authentisch zu bleiben. Oft bekommen Freundinnen schon lange vor der Geburt zu spüren, wie sich die Prioritäten der werdenden Mutter verändern. Sie sofort darauf anzusprechen, bringt laut Heyne aber nicht viel: „Für so eine Kritik ist sie nicht empfänglich.“

Stattdessen müssten beide überlegen, wie sie die Freundschaft verändern können, so dass beide zufrieden sind. Konkret heißt das, dass die Schwangere ihre Freundin schon früh miteinbeziehen sollte – etwa beim Begleiten zum Ultraschall oder beim Einkauf von Babysachen. Im Gegenzug könne die andere fragen „Wie stellst du dir das vor, möchtest du, dass ich eine Art Patentante für dein Kind werde?“, schlägt Huber vor. Die kinderlose Freundin müsse sich in das Leben der anderen einfädeln und ein wenig in Vorleistung gehen.

Funktionieren kann das natürlich nur, wenn sie grundsätzlich Interesse an Kindern hat. Wenn nicht, wird es schwierig, die Freundschaft aufrechtzuerhalten. Ist das Baby auf der Welt, ist es mit spontanen Treffen meist vorbei: „Das kann man sich erstmal einige Zeit anschauen. Werden aber auch langfristige Verabredungen ständig abgeblasen, kann man die andere schon mal nach ihren Prioritäten fragen“, rät Heyne. Mütter entwickelten schnell den Anspruch „Mein Kind ist der Nabel der Welt, und alles dreht sich um uns“. Aus Heynes Sicht sei das langfristig gesehen aber auch das falsche Signal an das Kind: „Das muss lernen, dass Mama ihr eigenes Leben hat.“

Manche Mütter bekommen zwar die Treffen gemanagt, verfallen im Café dann aber in Schnuller-und-Windel-Monologe. Auch das kann die Geduld der anderen strapazieren. „Da muss man schnell einhaken und konkret formulieren ‚Wir haben nur zwei Stunden miteinander, deshalb darfst erst du erzählen, aber dann bin ich dran’“, sagt Huber. Sätze wie „Ich kann es nicht mehr hören“ seien dagegen die falsche Wahl.

Trotz aller Veränderungen kann die Freundschaft aber auch mit der Geburt wachsen: „Für die Mutter birgt die Freundin doch ein riesiges Potenzial. Sie ist der Mensch, der dem Kind etwas anderes geben kann als sie selbst“, so die Psychotherapeutin. Und trotz mütterlicher Gefühlswallungen sind viele Frauen dankbar für etwas Abwechslung: „Sie werden heilfroh sein, jemanden zu haben, der ein anderes Leben als ihr eigenes verkörpert“, glaubt Huber.

Wie löst man Streit

Im Streit zwischen Müttern und Kinderlosen fallen schnell Totschlagargumente. Dann heißt es etwa „Du hast ja keine Ahnung, wie es ist, ein Kind zu haben“ oder „Du bist doch nur neidisch“. „Es entsteht eine regelrechte Lagerbildung zwischen Kinderlosen und Müttern“, erklärt die Psychologin Felicitas Heyne. Dann helfe nur eines: den Ärger offen anzusprechen. „Ich würde ganz klar sagen: ‚Du schließt mich damit aus, und ich fühle mich abgewertet.’“

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