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TRAUER (von links): Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Kanzlerin Angela Merkel. © dpa

Trauerfeier

Merkel verneigt sich vor den Toten von Kundus

Im niedersächsischen Selsingen hat die Trauerfeier für die in Afghanistan getöteten drei Bundeswehrsoldaten begonnen. An der Spitze des Trauerzuges betraten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die St. Lambertikirche.

SELSINGEN. Angela Merkel und Karl-Theordor zu Guttenberg führen die Trauergemeinde an. Als Kanzlerin und Verteidigungsminister in die St. Lambertikirche im niedersächsischen Selsingen kommen, ist nur von draußen das Schlagen der Totenglocke zu hören. Vor den drei Särgen, die mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bedeckt sind, bleiben die beiden Politiker stehen. Mit steinerner Miene verneigen sie sich. Sie erweisen den drei Soldaten die letzte Ehre, die genau eine Woche zuvor in einem blutigen Gefecht mit Taliban in Nordafghanistan erschossen wurden. „Wir können nicht begreifen, was geschehen ist. Warum dieser Tod? Wir stehen hilflos da“, sagt später der evangelische Militärdekan Armin Wenzel.

Jeweils sechs Soldaten halten an jedem Sarg die Totenwache für ihre getöteten Kameraden. Auf jedem der Särge liegt ein Stahlhelm, ein großes Schwarz-Weiß-Foto erinnert an jeden Gefallenen. Dekan Wenzel erinnert an seine Predigt bei einer früheren Trauerfeier dieser Art: „Befürchtet haben wir diesen Tag. Aber wir hatten gehofft, dass er uns erspart bleibt. Was würden wir hergeben, um nicht heute hier sein zu müssen? Es geht ins Unermessliche, das es auszuhalten gilt. Es ist uns schmerzhaft bewusstgeworden, wie hauchdünn die Wand vom Leben zum Tod ist.“ Heute gehe es den Trauernden nicht anders, sagt Wenzel.

Vor der Kirche stehen zahlreiche Kränze mit weißen Rosen und Lilien, zum Teil tragen sie schwarz-rot-goldene Schleifen. Auf einer Leinwand verfolgen Hunderte Trauernde - darunter viele Soldaten in grauer Uniform sowie Bürger - den Gottesdienst, denn in der evangelischen Kirche finden nur 600 Gäste Platz. Kaum ein Wort fällt, die Stimmung ist gedrückt. Schon Stunden vor Beginn der Trauerfeier wurde der Ort weiträumig abgesperrt.

Die an Karfreitag erschossenen Männer waren in Seedorf, einem Nachbarort von Selsingen, stationiert. Sie wurden nur 25, 28 und 35 Jahre alt. Die drei Fallschirmjäger waren bei einem stundenlangen Gefecht mit Taliban-Kämpfern in Kundus ums Leben gekommen. Acht ihrer Kameraden wurden verletzt, vier von ihnen liegen noch immer im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz. Erst seit wenigen Wochen waren die Soldaten der Luftlandebrigade 31 im Norden von Afghanistan im Einsatz.

Am Ortsschild von Seedorf hängt schwarzer Trauerflor. In der Kaserne wehen die Fahnen auf Halbmast. Im Februar waren dort 1100 Soldaten mit einem feierlichen Appell verabschiedet worden, um im Laufe des Jahres nach Afghanistan auszurücken. Die Getöteten gehörten zum ersten Kontingent, das nach Kundus und Masar-i-Scharif versetzt wurde.

Die mehr als 3800 Männer und Frauen in der Kaserne trauern um den Hauptfeldwebel aus Selsingen, den Hauptgefreiten aus Hannover und den Stabsgefreiten aus Sachsen. In einem Online-Kondolenzbuch schreibt ein Kamerad: „Ihr werdet mir fehlen, und ich werde Euch nie vergessen.“

In der Samtgemeinde Selsingen im Kreis Rotenburg ist die Bundeswehr ein wichtiger Arbeitgeber. Viele junge Leute aus der Region verdienen ihr Geld mittlerweile in der Kaserne. „Es ist eine große Anteilnahme da bei den Bürgern“, sagt Bürgermeister Werner Borchers. „Hier bei uns ist es relativ dörflich. Man pflegt einen guten nachbarschaftlichen Umgang.“

Auch in der 720-Seelen-Gemeinde Seedorf fühlen die Bürger mit den Gefallen und ihren Familien. „Man kennt sich“, erzählt Günther Lauterbach, der gemeinsam mit seiner Frau Wohnungen an Soldaten vermietet. Beide unterhalten sich oft mit ihren Untermietern und kennen ihre Sorgen. „Sie erzählen, dass es in Afghanistan immer haariger wird, und dass die Ausrüstung schlecht ist.“

Nach dem blutigen Gefecht in Kundus war eine heftige Debatte über Ausrüstung und Ausbildung der Bundeswehr entbrannt. Ein Jahr lang hatten sich die Fallschirmjäger, Aufklärer, Luftlandeunterstützer und Pioniere auf den Auslandseinsatz vorbereitet. Sie wurden speziell für den Kampf gegen „irreguläre Kräfte“ - also Terroristen, Guerilla und Partisanen - geschult. Das Motto der Luftlandbrigade 31 lautet:

Im kommenden Sommer sollen erneut rund 300 Soldaten aus Seedorf nach Afghanistan gehen. Wie gefährlich ihre Aufgabe sein wird, macht am Tag der Trauerfeier ein neuer Anschlag auf die Bundeswehr in Kundus deutlich. Glücklicherweise wird diesmal niemand verletzt. Die Zahl der in Afghanistan seit Beginn des Einsatzes 2002 getöteten 39 deutschen Soldaten steigt nicht weiter.

Während die Trauernden an diesem Freitag in die Kirche strömen, steht in der Nähe des Dorfes an einer Landstraße eine Handvoll Pazifisten mit einem Plakat: „Truppen raus aus Afghanistan“, steht darauf. dpa


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