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Deutschland/Welt Wie der "Tank Man" die Welt veränderte
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15:12 03.06.2009
Mit dieser Installation erinnert Amnesty International an den "Tank Man", der die Demokratiebewegung in China in Gang setzte. Quelle: afp

VON MARCEL GRZANNA

Peking. Es sind zwei Minuten, die sich in das Gedächtnis der Weltöffentlichkeit eingebrannt haben und noch immer eine unvergleichliche Faszination ausstrahlen. Am Vormittag des 5. Juni 1989 stellte sich ein unbekannter Mann ganz alleine einer Panzerkolonne der chinesischen Armee in den Weg. Dieser Akt war der letzte Widerstand der chinesischen Demokratiebewegung im Frühling vor 20 Jahren.

„Dieser junge Mann hat die Welt verändert“, sagt Professor Bruce Herschensohn im Dokumentarfilm „Tank Man“ aus dem Jahr 2006. Herschensohn war ehemaliger Berater der US-Regierung und befasste sich intensiv mit kommunistischen Regimen. „Er hat den Wandel der Sowjetunion unterstützt“, sagt er. Herschensohn bereiste kurz nach den Ereignissen in Peking diverse osteuropäische Länder. Vielerorts gingen die Menschen damals auf die Straße, um gegen ihre pro-sowjetischen Regime zu protestieren. Etliche Male und in vielen verschiedenen Ländern, so Herschensohn, hätten die Leute ihm sinngemäß gesagt: „Wenn dieser chinesische Junge vor den Panzern stehen kann, dann können wir das auch.“

Der Mann, den die Medien später Tank Man, Panzermann, tauften, schritt an diesem 5. Juni auf die Chang'an Straße in Peking in unmittelbarer Nähe des Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen-Platz). Längst hatte die chinesische Führung zu diesem Zeitpunkt den Krieg gegen ihre eigene Bevölkerung gewonnen. Vermutlich mehrere tausend Menschen, die für mehr Freiheit wochenlang auf die Straße gegangen waren, aber auch gänzlich Unbeteiligte starben zwischen dem 3. und 4. Juni im Kugelhagel der Armee. Tank Man sah die Panzer auf sich zukommen und blockierte ihre Spur.

Der erste Panzer der Kolonne versuchte, erst rechts, dann links an dem Mann vorbei zu fahren, doch der Widerspenstige sprang immer wieder in den Weg. Dann kletterte er auf das Fahrzeug, klopfte an die Luke, bis ein Soldat den Kopf herausstreckte, und sprach mit ihm. Danach stellte er sich wieder vor den Panzer, bis ihn ebenfalls unbekannte Männer von der Straße drängten.

Die Bilder gingen um die Welt. Tank Man wurde zum Symbol der Demokratiebewegung. Der dramatische Augenblick schmückte T-Shirts und Poster. „Der Mann mit den Panzern steht für die Macht der Namenlosen“, schrieb das Time-Magazin 1998 über ihn. Im China des Jahres 2009 allerdings haben vor allem junge Menschen meistens noch nie etwas von Tank Man gehört. Seine Bilder und seine Geschichte schaffen es nicht durch die Zensur der Partei. Sogar ehemalige Anführer der Protestbewegung haben nur ein verzerrtes Bild. „Er hat mit diesen zwei Minuten dafür gesorgt, dass andere weglaufen und ihr Leben retten konnten“, glaubt Wang Guoqi, der insgesamt 12 Jahre in Haft gesessen hat. Doch als Tank Man die Panzer aufhielt, war das Töten längst vorbei.

Auch 20 Jahre nach dem Massaker ist nicht geklärt, wer der Mann überhaupt war. Zwar gab es einen Zeitungsbericht in England, der ihn als den 19-jährigen Wang Weilin identifizierte, doch es gibt keinerlei Beweise für die Richtigkeit dieser Geschichte. Auch Bruce Herschensohn behauptet, er habe durch Quellen in Peking erfahren, dass es sich um Wang Weilin handelte. Wang sei Ende Juni 1989 hingerichtet worden. Andere jedoch sagen, seine Hinrichtung sei erst Monate später vollstreckt worden. Und erst 2006 gab es Gerüche, Tank Man lebe anonym in Taiwan.

Die Theorie derjenigen, die an sein Untertauchen und damit an sein Überleben glauben, stützt sich vornehmlich auf die Tatsache, dass Tank Man nicht öffentlich hingerichtet worden ist. Etliche Protestler waren im Anschluss an die Ereignisse als Warnung an den Rest der Bevölkerung namentlich im Fernsehen vorgeführt und anschließend getötet worden. Ihre Vergehen waren meist deutlich weniger provokant als die Blockade der Panzer. Dennoch wurde Tank Man nicht wie viele andere im staatlichen TV hingerichtet. Es bleibt die Frage, wer die Männer waren, die ihn von der Straße gedrängt haben. Staatssicherheit oder einfache Bürger?

Ein Jahr nach Tiananmen konfrontierte die US-Journalistin Barbara Walters in einem Interview für ABC den designierten chinesischen Staats- und Parteichef Jiang Zemin mit einem Foto des Tank Man. Jiang war das Thema sichtlich unangenehm. Er stammelte herum, er glaube nicht, dass der Mann getötet worden sei. Diese Bemerkung war die letzte öffentliche Stellungnahme der Kommunistischen Partei zu dem Vorfall.

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