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Deutschland/Welt „Wer wir sind“: Auf der Suche nach der ostdeutschen Identität
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14:55 15.09.2018
Das Archivbild vom 09.11.1989 zeigt jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. Wie hat die Nachwendezeit die Gesellschaft in den neuen Bundesländern geprägt? Quelle: LEHTIKUVA OY

Frau Hensel, Herr Engler, Sie legen mit „Wer wir sind“ eine ostdeutsche Nachwendegeschichte vor und eine Suche nach ostdeutscher Identität. Viele Beobachter aus weiter entfernteren Gegenden hatten kürzlich eine Art Déjà-vu beim Blick auf den Osten, und auch auf den Straßen von Chemnitz fielen gerade die Sätze: “All die Aufbauarbeit der letzten 30 Jahre ist umsonst. Wir sind wieder komplett in den Neunzigerjahren.“ Wiederholt sich die Geschichte?

Jana Hensel: Ich glaube ja prinzipiell nicht, dass Geschichte sich wiederholt, höchstens tauchen bekannte Phänomene wieder auf. Den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit, die sich auf den Straßen Ostdeutschlands außerordentlich selbstbewusst präsentieren, kennen wir aus den Neunzigerjahren, das stimmt. Doch die politische Situation ist heute eine andere. Die rechtspopulistische AfD sitzt im Parlament, sie droht in Sachsen nächstes Jahr stärkste Kraft zu werden. Aber auch die Rolle der Institutionen ist heute eine andere: Übergriffe auf Asylunterkünfte wie in Ros­tock-Lichtenhagen, die Wissenschaftler sprechen hier längst von einem Pogrom, konnten sich im Jahr 1992 auch deshalb ereignen, weil Gewalt schlicht möglich war. Sowohl Polizei als auch Verwaltung und Justiz befanden sich in einer Übergangsphase, der Transformation, also letztlich noch im Aufbau. Auch deshalb sind ihnen damals massive Fehler unterlaufen; heute passieren Fehler aus anderen Gründen, wie wir wissen.

Wolfgang Engler: Ich kann verstehen, dass Leute das so sehen und frustriert sind, wie wenig anscheinend ihr Engagement über die Jahre hinweg bewirkt hat. Aber es gibt große Unterschiede: In den Neunzigerjahren waren viel weniger Bürger dabei. Damals hatten die Rechtsextremen nicht das Gefühl, für die Mehrheit zu sprechen. Jetzt haben sie den gar nicht mal so unbegründeten Impuls, sie können mehrheitsfähig werden mit ihrer Haltung. Das gibt der Bewegung einen ganz anderen Drive. Das ermöglicht es auch Leuten, die mit Rechtsextremismus wirklich nichts am Hut haben, dazuzutreten und sich danebenzustellen. Sie sagen: Ich gehöre auch dazu. Ich gehöre zu denen, die ihre Scham beiseiteschieben, hier stehe ich, hier äußere ich mich.

Aber auch in den Neunzigern hat die Mehrheit geschwiegen.

Engler: Trotzdem hatten die Rechten nie das Gefühl, die Mehrheit zu repräsentieren. Sie wussten, dass sie noch nicht mal ansatzweise “Wir sind das Volk“ hätten plärren dürfen.

Hensel: Aber dennoch, da haben Sie völlig recht: Dass die Mehrheit der Ostdeutschen zu dieser rassistischen Alltagsgewalt schweigt, ist ein äußerst großes Problem. Dennoch: In Rostock-Lichtenhagen entlud sich tatsächlich relativ spontan Gewalt. In Chemnitz und Köthen dagegen zeigte sich eine seit vielen Jahren gefestigte und funktionierende Struktur, Netzwerke, die mobilisiert werden können. Deshalb ist ja auch zu befürchten, dass wir das, was in Chemnitz passiert ist, in den nächsten Monaten häufiger sehen werden, bis zu den sächsischen Landtagswahlen wahrscheinlich. In Sachsen ist ein Machtkampf im Gange, und es ist bis dato leider völlig unklar, wer ihn gewinnt. Aber auch Rostock-Lichtenhagen war eine Art Fanal, danach passierten solche Übergriffe sehr häufig.

Warum sind AfD und Rechtsextreme in Sachsen so stark? Was sind sächsische Besonderheiten, was sind Gemeinsamkeiten mit anderen Gegenden Ostdeutschlands – und Westdeutschlands?

Engler: Sachsen ist ein Vorzeigeland. Die Erfolge wurden jahrelang herausgestellt, die Probleme unter den Teppich gekehrt. Auch in anderen erfolgreichen Bundesländern ist die AfD besonders stark, in Baden-Württemberg, sehr wahrscheinlich jetzt in Bayern. Im Osten kann man wie im Brennglas beispielhafte Prozesse beobachten. Wir haben es mit einer Anfälligkeit der Gesellschaft als solcher zu tun. Die Gründe debattieren wir in unserem Buch: Das Problem des Strukturbruchs, die Lage derjenigen, die nicht mitkommen, aber auch die Lage der Mitte, die ihrer selbst zunehmend unsicher wird. Das betrifft auch den Westen.

Hensel: Und vor allem in Sachsen wurde zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus gerade von der CDU gern als linkes Chaotentum diskreditiert, die Falschen gerieten beinahe unter Legitimationsdruck. Das Land ist deshalb extrem polarisiert, die Mitte dagegen blieb verwaist. Aber natürlich, wie Wolfgang Engler das sagt, die Gründe für den ostdeutschen Rechtsruck sind vielfältig und äußerst komplex. Sie zu untersuchen war eine der Aufgaben, die wir uns im Buch gestellt haben. Es geht uns darin um eine Chronik der ersten 30 Jahre ostdeutscher Nachwenderealität.

“Wir sehen viele Dinge höchst verschieden, wie sich herausgestellt hat“: Jana Hensel und Wolfgang Engler schreiben über ostdeutsche Identität. Quelle: Milena Schlösser

Der Soziologe Klaus Dörre aus Jena erklärt die grassierende Unzufriedenheit in Ostdeutschland so: Das Versprechen, irgendwann zum Westen aufgeschlossen zu haben, besonders was die Löhne angeht, wird von kaum jemandem mehr geglaubt. Die Geduld ist aufgebraucht. Sehen Sie das auch so?

Engler: Klaus Dörre unterscheidet zwischen Vollbeschäftigungsgesellschaft und Vollerwerbsgesellschaft. Erstere beschreibt die Wirtschaftswundergesellschaft in Westdeutschland, in der es wirklich allen immer besser ging. Letztere aber simuliert die Vollbeschäftigung nur. Viele können von ihrer Arbeit nicht leben, brauchen zwei Jobs. Die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse fällt darunter. Sie ist im Osten extremer als im Westen, bis zu 30 Prozent der Beschäftigten machen Leiharbeit, Hilfsarbeit. Auch das Hartz-IV-Regime hat, wie wir wissen, im Osten prozentual viel mehr Leute vor den Kopf gestoßen als im Westen, Millionen von Leuten, die ihr ganzes Leben gearbeitet hatten und nun auf einmal zu Bittstellern des Staates wurden, der sie nicht sehr fein behandelt hat. Da wurde unters Bett geguckt, in die Schränke geguckt, man musste angeben, wer mit wem zusammen lebt. Das hat seine Wirkung hinterlassen.

Klaus Dörre verwendet auch das Bild von der Schlange. Die Menschen stellen sich geduldig an, irgendwann aber geht es nicht mehr weiter – und, so geht die Geschichte weiter, mit den Flüchtlingen kommen dann scheinbar welche, für die die Regeln der Schlange nicht gelten. Erklärt das die stärkere Ablehnung der Flüchtlingspolitik im Osten?

Hensel: Spannend sind die tatsächlich sehr eigenartigen, aber wiederum auch sehr komplexen Spiegeleffekte zwischen Ostdeutschen und Flüchtlingen. Der Kern jener ostdeutschen Erfahrung, die wir beschreiben, ist eine migrantische Erfahrung. Fremdheitsgefühle, Marginalisierungs- und Abwertungserfahrungen ähneln sich. Vielleicht haben einige Ostdeutsche deshalb das Bedürfnis, sich noch stärker von den Flüchtlingen abgrenzen zu müssen. Das ist keine Entschuldigung, aber vielleicht eine Erklärung. Und die fehlende Aufklärung über strukturellen Rassismus kommt natürlich auch hinzu.

Erklärt das wirklich alles?

Hensel: Nun, weil das immer nur ein Teil der Erklärungen ist, haben wir ein ganzes Buch darüber geschrieben. Ich werde Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus immer kritisieren und verurteilen, aber ich empfinde es auch als meine Aufgabe herauszufinden, woher er kommen kann.

Engler: Die US-amerikanische Soziologin Arlie Hochschild ist in die Gegenden gefahren, in denen Menschen überproportional für Trump gestimmt haben. Sie berichtet auch von diesem Bild der Schlange. Die Menschen haben das Gefühl, anzustehen für ein besseres Leben, und dauernd kommen welche und drängeln sich vor. Migranten aus Mexiko kommen, und dann sind die dran, und wir sind immer noch nicht dran. Immer drängelt sich jemand vor.

Hensel: Aber dieses Bild wird politisch erzeugt. Es wurde ja keine zweite Schlange eröffnet. Es gelten ja keine anderen Regeln. Das wird von der AfD nur politisch behauptet, um mit der Wut Stimmen zu sammeln. AfD und Pegida thematisieren ja nicht die Ursachen, die zur Unzufriedenheit im Osten geführt haben. Sie schüren Ressentiments. Sie imitieren die Revolte, es ist die Illusion einer Rebellion. Pegida und die AfD sind unreflektierte Bewegungen, wir schauen in dem Buch auf die tatsächlichen Hintergründe dieser großen Unzufriedenheit, in deren Folge es zu solch großem Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit gekommen ist.

Teilnehmer einer Veranstaltung der Pegida demonstrieren am 25.01.2015 in Dresden (Sachsen). Quelle: dpa-Zentralbild

Sie, Herr Engler, schreiben von einer “Revolte von rechts“, und auch, dass die Ostdeutschen eine erneute Revolte gebraucht haben. Wie meinen Sie das?

Engler: Die Unzufriedenen haben sich einen Repräsentanten gesucht, der besonders laut ist. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie mit den defensiven Themen nicht durchdringen, nicht mit den miesepetrigen Montagsdemos gegen Hartz IV und der kleinen Forderung nach einem Leben, das ein bisschen besser sein könnte. Pegida war dagegen ein Drama: Hallo, hier geht es um uns! Und die Deutschen! Um das Abendland! Das hatte einen anderen Drive, verstehen Sie? Das immunisiert gegen Argumente. “Ihr seid doch nur Werkzeuge“, könnte man den Demonstranten zurufen. Und dann käme: “Wissen wir! Sind wir! Wir machen trotzdem weiter, was sagste dann?“ Dann wird es eng.

Frau Hensel, woher kommt diese Revolte?

Hensel: Leider ist die Marginalisierung ostdeutscher Biografien, ostdeutscher Lebensrealität tatsächlich ein großes innerdeutsches Problem. Man muss deshalb nicht zu einem Rassisten werden, aber natürlich nähren der Erfolg von Pegida und der AfD das Gefühl, erst wenn man sich laut außerhalb des demokratischen Spektrums bewegt, sorgt man für Sichtbarkeit. Der Erfolg dieser Bewegung ist unser größtes Problem im Moment, und er verweist auch auf das immer noch bestehende Repräsentationsdefizit ostdeutscher Erfahrungen.

Wenn mir in Chemnitz ein Kollege des getöteten Daniel H. sagte: “Einmal habe ich mitdemonstriert, weil ich nicht damit einverstanden bin, wie sich die Ausländer hier benehmen. Noch mal gehe ich aber nicht hin, weil ich mit dem braunen Pack nichts zu tun haben will. Ich bin doch kein Rechter.“ Was ist das dann? Eine gespaltene Persönlichkeit?

Engler: Da zeigt sich eine Spaltung, bei der es zumindest noch sinnvoll scheint, mit dem Mann ein Gespräch zu führen.

Hensel: Absolut.

Im Frühjahr habe ich die “Erklärung 2018“ kritisiert wegen ihrer unkritischen Haltung gegenüber extrem rechten Kreisen. Daraufhin machten mir viele Leser Vorwürfe, es werde “schon wieder“ mit “Denkverboten und Sprachregelungen“ gearbeitet – “wie in der DDR“. Was wirkt denn da nach?

Engler: In der DDR gab es eine eingeübte Praxis in Kunst, Kultur, Medien: Man musste erst einmal ein paar Sprachregelungen des Regimes akzeptieren und möglichst elegant wiedergeben, dann konnte man zur Sache reden. In den Debatten nach 1989 über die DDR schien es vielen ähnlich: Erst wenn man zufriedenstellend von “Unrechtsstaat“ und “Terrorregime“ gesprochen hat, wurde man wahrgenommen.

Aber heute geht es doch um Grundlagen der Demokratie, um die Grundrechte – das ist doch kein westdeutscher Moraldiskurs und keine Geschichtspolitik!

Hensel: Große Teile der ostdeutschen Gesellschaft sind durchwebt von Rassismen. Und das liegt auch daran, dass die westdeutsche importierte Elite seit 1990 daran gescheitert ist, nicht nur zu kommen und zu verwalten, sondern das demokratische System, das sie entsandt hat, auch mitzubringen. Warum ist es ihnen nicht gelungen, genau diese Grundgesetzwerte so mitzubringen, dass die Ostdeutschen sie teilen konnten? Auch das fragen wir in unserem Buch, es sind letztlich immer Kippfiguren.

Engler: Ich sehe eine Linie, die von der DDR in die heutige Zeit reicht: Sprachpolitik ist immer auch Gefühlspolitik. Es gibt keine Sprachpolitik, die nicht immer auch auf die Gefühle der Menschen zielt. Das Ansinnen der DDR-Sprachpolitik, den Menschen in eine gewisse Richtung fühlen zu lassen – solidarisch zum eigenen System zu sein, wachsam gegenüber dem Feind – war am Ende so hohl, dass sie keiner mehr mitgemacht hat. Die Nachwendesprachpolitik war der Versuch, die Geschichte zu besetzen. Das war die DDR: ein Unrechtsstaat – und nichts als das. Und die unter dem Label “politisch korrektes Sprechen“ daherkommende Sprach- und Gefühlspolitik legt den Menschen Gefühle nahe, die wünschenswert sind. Aber sie tut das, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, in welcher Situation sich diese Menschen befinden. Vielleicht haben sie Gründe, solche Gefühle nicht zu haben. Das finde ich problematisch.

Hensel: Und ich halte es für eine Aufgabe von Demokratie. Wir verhandeln die Inhalte dieser Demokratie permanent neu. Frauen, Migranten und Ostdeutsche wurden in diesem Verhandlungsprozess bis heute benachteiligt, weil sie extrem unterrepräsentiert sind. Jetzt verhandeln wir Zugänge und Teilhabe neu, von rechts wie links. Auch wenn ich die Ziele von Pegida total ablehne, halte ich sie in Teilen für eine Emanzipationsbewegung der Ostdeutschen. Wir befinden uns gerade in einem massiven und kräfteraubenden Verhandlungsprozess über nahezu alles, was wir vor zehn Jahren als noch selbstverständlich angenommen haben. Und stellen plötzlich fest, dass wir die Werte zwar anscheinend alle akzeptiert haben, aber nicht mehr darüber gesprochen haben, was diese Werte für jeden einzelnen eigentlich bedeuten.

Engler: Um auf die “Erklärung 2018“ zurückzukommen. Noch vor drei Jahren hätten das Leute noch schwierig gefunden, sich dort öffentlich zu positionieren. Dort unterschrieben die Doktoren aller Disziplinen ...

Hensel: ...  darunter auch viele Westdeutsche ...

Engler: ... und hatten gar kein Problem mehr damit. Sie kommen aus der Deckung. Das ist zurzeit das Erfolgsrezept der Rechten in allen Ländern: Bei uns könnt ihr sagen, was ihr wollt. Bei uns sind die moralischen Ansprüche eher mäßig, genau das Gegenteil der anderen. Die wollen euch erziehen, bei uns könnt ihr einfach reden. Sagt, was ihr wollt, wenn es einen Skandal gibt, umso besser. Und das eine ist die Folge des anderen, deswegen habe ich ein Problem mit den hohen Ansprüchen des politisch korrekten Sprechens.

Plakat auf einer Demonstration der rechtspopulistischen AfD in Berlin am 27. Mai 2018. Quelle: Imago

Ab wann werden eigentlich aus DDR-Bürgern Ostdeutsche? Müssen wir nicht die gesamten Neunzigerjahre als Übergangsphase betrachten?

Hensel: Eines unserer Hauptanliegen war ja tatsächlich, die ostdeutsche Gesellschaft in der Breite ihrer Erfahrungen nach 1989 zu beschreiben. Dabei legen wir den Fokus auf die Nachwendezeit, weil wir glauben, dass hier jene Erfahrungen gemacht wurden, die uns die heutige Situation besser verstehen lässt. Anders gesagt: Wir glauben, mit der DDR lassen sich viele Phänomene nur noch bedingt erklären. Der Systemwechsel, die Umwandlung aller politischen und kulturellen Werte, der wirtschaftliche Kollaps in den Neunzigerjahren, der Elitenaustausch und die Abwanderung vieler Ostdeutscher sind die großen Erfahrungen, die die ostdeutsche Identität bis heute prägen.

Engler: In der AfD wird sich vermutlich vor den Landtagswahlen 2019 im Osten der Flügel durchsetzen, der einen knallharten Sozialwahlkampf führen will. Die AfD erfindet sich als nationalsoziale Partei neu. Der große Einschnitt beginnt schon 1989/90. Aber die Entwicklung zum Ostdeutschen nimmt die ganzen Neunzigerjahre in Anspruch. Dann geht es nicht mehr um die DDR-Vergangenheit, sondern um die Folgen der Transformationen, der Massenarbeitslosigkeit, des Wegzugs. Das spielt alles in diese neue ostdeutsche Identität mit hinein. Bis zum Mauerfall hätten sich DDR-Bürger nie als Ostdeutsche bezeichnet, das wäre eine Selbstherabsetzung gewesen, weil für viele ja der Westen das Ideal war. Es brauchte erst viele Jahre nach dem Ende der DDR, dass die gemeinsam gemachten Erfahrungen so wirkmächtig wurden, dass sie als prägende Gemeinsamkeiten zu einer neuen Identität wurden. Und es war eine Gemeinsamkeit im Mangel: dass die Fähigkeiten, die man hatte, plötzlich nichts mehr wert waren. Dass es neue Spielregeln gab. Dass man sich anstrengen musste, überhaupt zurechtzukommen in der neuen Zeit. Das entstand alles im Laufe der Neunzigerjahre.

Hensel: Und das wurde im Westen weitgehend ignoriert. Oder anders gesagt, viele jener damals gemachten Erfahrungen sind bis heute nicht Teil einer gesamtdeutschen Identitätserzählung geworden.

Der einzige Westdeutsche, der die Übergangsgesellschaft der Neunziger verstanden hat, war Detlev Buck in "Wir könne auch anders".

Hensel: In den Neunzigerjahren liegt die Quelle für die meisten der heutigen Konflikte, glauben wir. Also fühlten wir uns herausgefordert, diese Nachwendegeschichte einmal so umfassend wie möglich darzustellen. Wir beide, die wir aus unterschiedlichen Generationen stammen, unterschiedlich viel oder wenig tatsächliche DDR-Erfahrung haben, tragen einmal zusammen, was uns in all den Jahren, Wolfgang Engler als Soziologe, ich als Journalistin, beschäftigt hat. Das war spannend und auch durchaus konfliktreich. Wir sehen viele Dinge nämlich höchst verschieden, wie sich herausgestellt hat.

Wie lange wird es eigentlich noch Ostdeutsche geben? Wie lange sind die spezifisch ostdeutschen Erfahrungen wichtig? Es gibt zurzeit wieder eine Renaissance von teils voller Trotz vorgetragener DDR-Kindheitserinnerungen – warum jetzt?

Hensel: An solchen Spekulationen beteilige ich mich nicht, sie haben sich immer als falsch erwiesen. Aber, ja, Pegida und die AfD sind große Zäsuren, alles kommt nun noch einmal auf den Tisch. Aber in vielem ist der Blick auf den Osten ja zum Glück differenzierter geworden...

... auch wenn der “Spiegel“ ein in Fraktur geschriebenes Sachsen auf ein schwarz-braunes Cover druckt und Sachsens Ministerpräsident Kretschmer sich gegen “Sachsen­-Bashing“ verwahrt?

Hensel: Nun, darüber wird aber auch breit diskutiert und es gibt inzwischen viele westdeutsche Kollegen, die eine zu einseitige Berichterstattung über den Osten kritisieren, es versuchen, anders zu machen. Außerdem gibt es inzwischen viele jüngere Ostdeutsche, die sich rege an den Debatten beteiligen. Von einem nur noch einseitigen Blick zu reden, wäre verkürzt. Und Kretschmers Diktum vom “Sachsen-Bashing“ halte ich für überzogen und ehrlich gesagt nicht das größte Problem, das der Freistaat im Moment gerade hat.

Jana Hensel und Wolfgang Engler: Wer wir sind – Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein Quelle: Aufbau Verlag

Zwei Generationen, eine Herkunft

Er ist 68er, sie 89erin, beide sind Sachsen, beide wurden von ihrer Herkunft geprägt: Wolfgang Engler und Jana Hensel haben jeder für sich mehrere Standardwerke über die Umbrüche in Ostdeutschland vorgelegt.

Engler, Dresdner des Jahrgangs 1952, ist Soziologe und war von 2005 bis 2017 Rektor der Berliner Schauspielschule “Ernst Busch“. Mit seinen Büchern “Die Ostdeutschen als Avantgarde“ (2002) und “Bürger, ohne Arbeit“ (2005) drückte er der Diskussion über das Ende der Arbeitsgesellschaft seinen Stempel auf – zu einer Zeit, da die Umbrüche in der ehemaligen DDR noch relativ frisch waren.

Hensel, Leipzigerin des Jahrgangs 1976, fühlte sich vom westdeutschen Blick auf die “Generation Golf“ nie mitgemeint und veröffentlichte 2002 ihren Erinnerungsband “Zonenkinder“. Ebenso wie Engler traf sie den Nerv der Zeit, ihr Buch verkaufte sich mehr als 350 000-mal.

In “Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ (Aufbau Verlag, 288 Seiten, 20 Euro) gehen Engler und Hensel jetzt gemeinsam in Gesprächsform der Frage nach, wie sich ostdeutsche Identität entwickelt hat und warum viele Konflikte der Nachwendezeit jetzt wieder aufbrechen. Sie debattieren, sie streiten sich über Pegida, die Linke und den Feminismus. Sie machen es sich nicht einfach, aber haben sich immer wieder etwas Wichtiges zu sagen. Und dem Leser auch.

Von Jan Sternberg

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