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Deutschland/Welt Weltherrschaft durch Maschinen
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13:34 16.11.2017
Method-2: Der vier Meter große und 1,5 Tonnen schwere Kampfroboter der südkoreanischen Firma Hankook Mirae Technology soll zum Grenzschutz eingesetzt werden. Quelle: AFP
Washington

Wer wird, wenn dies denn passiert, den dritten Weltkrieg anfangen: Ein Mensch? Oder eine Maschine?

Militärs und Politiker zucken, jedenfalls abseits der Öffentlichkeit, mit den Achseln: Man weiß es nicht, die Grenzen beginnen zu verschwimmen.

Im unbewohnten Niemandsland zwischen Nordkorea und Südkorea zum Beispiel sind derzeit ganze Batterien sogenannter autonomer Waffensysteme gefechtsbereit geschaltet, rund um die Uhr. Sämtliche Raketen und ihre Hightech-Lenksysteme sind untereinander vernetzt und ihrerseits mit einem ultraschnellen Großrechner namens SGR-A1 verbunden. Sollte es einen unerwarteten Angriff geben, kann der Rechner die Regie übernehmen und die Geschosse komplett selbstständig abfeuern.

Die südkoreanische Regierung und der Waffenlieferant Samsung betonen, die Entscheidung zum Einsatz liege weiter bei den Soldaten. Auf Nachfrage allerdings räumen Experten ein, dass die technischen Voraussetzungen zum vollautomatischen Einsatz längst gegeben sind.

Willkommen in der neuen Welt der Kriegsführung. Nach der Erfindung des Schießpulvers und der Atombombe steht das Militär weltweit inmitten seiner dritten Revolution – einer Umwälzung, die viele Soldaten überflüssig machen, zugleich aber die Kriegsgefahr steigern könnte. Erste Vorboten der neuen Zeit sind längst unterwegs, vor allem am Himmel.

Big Dog: Der militärische Laufroboter Big Dog wurde von dem Roboterspezialisten Boston Dynamics entwickelt. Der Die 110 Kilogramm schwere und knapp einen Meter hohe Maschine kann bis zu 180 Kilogramm transportieren. Quelle: Boston Dynamics

US-Präsident Barack Obama führte mit seinem Drohnenkrieg aller Welt vor Augen, wie Kriegsführung heute aussehen kann. Tieffliegende kleine Drohnen feuern todbringende Geschosse auf den Feind, höher fliegende größere Drohnen nehmen das Geschehen per Video auf, Satelliten im All schließlich übermitteln alles in Echtzeit in die Befehlszentrale in den fernen USA – wo sich kein Soldat selbst in Gefahr bringt. Schon heute nimmt der moderne Soldat kein Gewehr mehr in die Hand, sondern vorzugsweise einen Joystick und eine Tasse Kaffee.

Als Helmut Kohl Mitte der Neunzigerjahren gedrängt wurde, die Deutschen sollten sich doch bitte an den Balkankriegen beteiligen, argumentierte der Pfälzer, er wolle nicht „die Bilder von Särgen unserer Soldaten sehen“. Weltweit lag darin jahrzehntelang das klassische Gegenargument gegen den Krieg: Tod und Trauer im eigenen Land. Unvergessen sind die Szenen, in denen etwa in den USA im Vietnamkrieg dunkle Limousinen vor den Häusern von Witwen hielten, denen Militärs mit ernstem Gesicht die Todesnachricht überbrachten.

Militärroboter vermeiden Kriegsopfer – zumindest auf einer Seite

Militärroboter können künftig über solche Befürchtungen hinweghelfen: Statt Bodentruppen zu schicken und eigene Verluste einzuplanen, entsenden Regierungen und Parlamente moderner Staaten zu den Konfliktherden dieser Welt nur einen Haufen Metall.

Dieses Metall allerdings muss es in sich haben. Nur wirklich flugtaugliche oder geländegängige Roboter werden sich im Kampf behaupten können. Wenn die Maschinen schon mechanisch haken und versagen, müssen sie gar nicht erst antreten. Der eigentliche Clou aber liegt in der Elektronik: Überall dort, wo sich äußerlich halbwegs vergleichbare Kampfmaschinen verschiedener Bündnisse zum Schlagabtausch erheben, werden am Ende Taktfrequenz und Megabyte über Sieg oder Niederlage auf dem Schlachtfeld entscheiden.

Ein Kampf der Roboter: Das klingt ein bisschen nach Schulhoffantasien durchgeknallter Jungs, als hätten sich pubertierende Computerspieler etwas ausgedacht. Doch die Sache ist ernst. Für den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin etwa steht fest: „Wer auf diesem Feld führend ist, wird die Welt beherrschen.“

Die Entwicklung rast voran: So plant das Pentagon enorme Investitionen, um gemeinsam mit Konzernen wie Google die Militärtechnik in ein neues Zeitalter zu katapultieren.

SGR-A1: Der Kampfroboter von Samsung gilt als erster vollautomatischer Kampfroboter der Welt. Er ist mit Infrarotsensoren zur Zielerfassung ausgerüstet, kann Menschen von anderen Zielen unterscheiden und per Sprachausgabe sich ihm annähernde Personen warnen. Er kann theoretisch ohne menschliche Hilfe aus seinem Maschinengewehr schießen. Quelle: dpa

Vor wenigen Tagen war unweit des Weißen Hauses die Annäherung zwischen dem US-Verteidigungsministerium und dem Silicon Valley zu beobachten: Eric Schmidt, Vorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet, warb in der Denkfabrik „Center for a New American Security“ für eine grundlegende Neuausrichtung der amerikanischen Rüstungsindustrie. In Zukunft hänge die Sicherheit in entscheidendem Maße von der künstlichen Intelligenz ab, so Schmidt. Selbsthandelnde und selbstentscheidende Roboter würden zu einer enormen Herausforderung werden. Und die Vereinigten Staaten, die für sich in Anspruch nehmen, die schlagkräftigste Armee der Welt zu unterhalten, seien in Gefahr, ihren Vorsprung in dieser Technologie zu verlieren.

Ganz offen spricht Schmidt den stärksten Mitbewerber an: Das chinesische Militär habe ein Programm zur künstlichen Intelligenz aufgelegt, das bis 2020 auf Augenhöhe mit den amerikanischen Entwicklungen stehen soll.

Eric-Schmidt, Vorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet. Quelle: dpa

„Die chinesische Führung prescht energisch voran. Bis 2025 will sie in dieser Technologie das US-Militär überrunden und ab 2030 den Markt der künstlichen Intelligenz dominieren“, so Schmidt. Es sei daher höchste Zeit, dass die eigene Armee entsprechende Aufträge an die private Industrie vergibt, um in diesem Wettlauf die Nase vorn zu behalten.

Die gleichen Sorgen plagen naturgemäß auch Chinesen, Russen und Europäer. Keiner will abgehängt sein, ein neuer Rüstungswettlauf kommt in Gang.

Kann die Sache noch irgendwie aufgehalten werden? Zu den eindringlichsten Mahnern und Warnern auf amerikanischer Seite zählt ausgerechnet ein Unternehmer, der an der Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz stark beteiligt ist: Elon Musk. Der Multimilliardär, der mit seiner Firma Tesla in Kalifornien an selbstfahrenden Autos forscht, schreibt auf Twitter: Der Wettlauf um künstliche Intelligenz könnte die Großmächte in absehbarer Zeit in einen dritten Weltkrieg führen.

Ähnlich äußerte sich vor wenigen Tagen der Astrophysiker Stephen Hawking. Die Schaffung einer effektiven künstlichen Intelligenz könnte „das größte Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation sein – oder das Schlimmste, wir wissen es einfach nicht“, sagte Hawkings bei einer Tagung in Lissabon. „Wir wissen nicht, ob wir am Ende unterstützt oder zerstört werden.“

Erheben sich irgendwann die Maschinen über den Menschen?

Immer mehr Physiker, Politologen und Philosophen warnen inzwischen vor autonomen Waffensystemen. Leicht könnten sie in die Hände von Terroristen und Diktatoren fallen, meinen die Robotikkritiker. Mordanschläge drohten, für die niemand zur Rechenschaft gezogen werden könne, im Extremfall müsse man sogar mit sogenannten ethnischen Säuberungen und Massenvernichtung rechnen.

In einem offenen Brief an die Vereinten Nationen warnt Silicon-Valley-Investor Elon Musk sogar vor einer Welt, in der sich am Ende Maschinen über die Menschen erheben könnten: „Die neuen Systeme erreichen eine Geschwindigkeit, die unser Denkvermögen übersteigt.“ Letztlich könnte der Mensch die Kontrolle über das Geschehen vollends verlieren. Das Schreiben endet düster: „Es bleibt nicht viel Zeit.“

Auch auf der zurzeit tagenden UN-Konferenz zur möglichen Ächtung von „tödlichen autonomen Waffensystemen“ in Genf warnen Aktivisten mit einem verstörenden Videoclip vor den Möglichkeiten der neuen Roboterwelt. Kleine Minidrohnen suchen sich darin eigenständig ihre Ziele und explodieren auf den Köpfen ihrer Opfer – angeblich ist die Technik bereits theoretisch verfügbar. Eine Ächtung wird in Genf dennoch nicht beschlossen werden.

Auch den Militärs ist die Aussicht auf hochkomplexe Systeme, die sich am Ende nur noch mühsam steuern lassen, nicht ganz geheuer. Dennoch forschen sie munter weiter – und installieren, der Feind tut es ja auch, ein autonomes neues System nach dem anderen. Sprachlos blickten sogar Experten jüngst auf einen Schwarm neuartiger Minidrohnen namens Perdix. Jedes Gerät richtet sich nach dem anderen aus, zu besichtigen ist eine nie dagewesene Schwarmintelligenz in der Luft. Sollte es einer feindlichen Flugabwehr gelingen, die eine oder andere Drohen abzuschießen, wäre das völlig egal: In Sekundenbruchteilen würde schon die nächste Drohne an die Stelle der anderen treten.

Spektakuläre Neuheiten sind auch auf den Weltmeeren zu beobachten: Mit der unbemannten „Sea Hunter“ ließ die US-Marine ein Schiff zu Wasser, das autonom fährt, Hindernissen ausweicht und auch auf U-Boot-Jagd gehen könnte. Sollte das Schiff seinerseits torpediert werden, wäre dies zwar ein erheblicher Sachschaden, aber kein Trauerfall. Nach dem selbstfahrenden Schiff soll bald ein selbstständig agierendes U-Boot auf große Fahrt gehen.

Vorbild für Killerroboter: Die „Terminator“-Filme. Quelle: Paramount Pictures

An Land könnten fest installierte Maschinen zum Beispiel Grenzregionen sichern – und sich notfalls mit Laserkanonen Respekt verschaffen, falls feindliche Roboter anrücken. Sollten sich Menschen annähern, würde der vollautomatische Grenzposten zu seiner Abwehr konventionelles Maschinengewehrfeuer eröffnen. Im Irak wurden bereits rollende Roboter gesichtet, die nicht nur Bomben entschärfen, sondern auch platzieren können.

An ein Verbot von Kampfrobotern glaubt in Kreisen von Militärs und Wirtschaft niemand. Dagegen gilt Schmidts Appell als politisch wegweisend – zumal der deutschstämmige Milliardär nicht nur den Hightech-Riesen Google in Kalifornien mitsteuert, sondern seit 2016 auch im höchsten Beratergremium des US-Verteidigungsministeriums sitzt. Bereits unter der Regierung von Barack Obama hatte sich der 62-Jährige bereit erklärt, das Netzwerk zwischen den US-Militärs und dem sonst so friedlich wirkenden Silicon Valley auszubauen.

Googles Flirt mit den höchsten amerikanischen Offizieren kommt nicht zufällig. So übernahm der Konzern bereits 2013 die Firma Boston Dynamics, die spektakuläre Laufroboter entwickelt und intensiv für das Militär forscht. Mittlerweile hat der Konzern die Firma wieder verkauft. Schmidt drückt dennoch weiter aufs Tempo: Es dürfe nicht zu einem zweiten „Sputnikschock“ kommen, sagt der Alphabet-Chef. Damals, 1957, schossen die Sowjets den ersten Erdsatelliten ins All.

Von Stefan Koch/RND

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