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Deutschland/Welt Wahlleute: "Sind mit unseren Kräften am Ende"
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Wahlleute: "Sind mit unseren Kräften am Ende"
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22:56 30.06.2010
Die Wahl des Bundespräsidenten zerrte an den Kräften der Bundesversammlung.

Von Nora Lysk

Berlin. Die Garderobe ist noch leer, der Mann vom ZDF, der später Christian Wulffs Wahl verkünden wird, macht noch Sprechübungen – und Selin Arikoglu, 27 Jahre alt, Studentin im sechsten Semester aus Hannover, ist noch nicht mal im Reichstag angekommen. Es ist kurz vor zehn, und sie macht sich auf den Weg vom Hotel zur letzten Fraktionssitzung vor der Wahl des Bundespräsidenten. Wen sie wählen wird, das bleibt geheim. Wenn es auch ein offenes Geheimnis ist, denn Arikoglu haben die Grünen als Wahlfrau nominiert. Nicht einfach so, die junge Frau mit türkischen Wurzeln engagiert sich seit Jahren im Migrationsausschuss des Landtages und anderen politischen Arbeitsgemeinschaften.

Noch ist es ruhig, keine Hektik, es gibt Kaffee und Brötchen im Reichstag, und das ZDF übt immer noch.

Auch Ingrid Erhardt ist inzwischen von der morgendlichen Andacht in der Kapelle auf der Fraktionsebene im Reichstag eingetroffen. Die Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums Hannover fühlt sich „unglaublich geehrt“, dass sie hier dabei sein darf. Gefragt hat sie die SPD. „Das ist wohl auch eine Anerkennung meiner Arbeit“, sagt Erhardt. Auch die Sozialdemokraten zählen noch mal durch, Probeabstimmungen gab es nicht, versichert Erhardt.

Dann gehts zwei Stockwerke tiefer Richtung Plenarsaal. Es ist 11.45 Uhr, und es wird eng vor dem Eingang. Dutzende Fernsehstationen haben sich aufgebaut. Ungewohnt für die beiden Frauen aus Hannover, die so viel Prominenz nicht kennen.

Doch das Interesse am Treiben unten im Plenarsaal verstummt, als Familie Gauck die Tribüne betritt. Wenige Minuten später kommt Bettina Wulff. Beide in der ersten Reihe, man sieht sich, grüßt sich, geht dann doch aufeinander zu und lächelt für die Kameras.
Selin Arikoglu und Ingrid Erhardt bekommen davon nicht viel mit. Sie haben schon längst ihre Plätze im Plenarsaal eingenommen – ziemlich weit hinten unter den Rängen. Nach einer Stunde, um exakt 13.22 Uhr, wird Regisseur Sönke Wortmann aufgerufen, seine Stimme abzugeben. Zwei, drei Namen später Christian Wulff.

Selin Arikoglu hat da bereits gewählt und steht vor dem Reichstag. Spannend und aufregend sei das alles, sagt sie.
Pause. Bundestagspräsident Wolfgang Lammert vermeldet, dass nun das Auszählen der Stimmen beginnt. 40 Minuten braucht das.
Ingrid Erhardt ist aufgeregt. Ob es einen zweiten Wahlgang geben wird? „Glaub ich nicht“, sagt sie – und liegt falsch. Sichtlich aufgeregt ist auch Bettina Wulff, als Lammert das Ergebnis bekanntgibt. Es reicht nicht für ihren Mann. Wulff muss in den zweiten und auch noch den dritten Wahlgang.

Selin Arikoglu dagegen ist sehr zufrieden. „Total aufgeregt“ sei sie gewesen, als das Ergebnis verkündet wurde. Ingrid Erhardt hingegen wirkt weniger glücklich. Einen zweiten Wahlgang, „das habe ich diesem Kandidaten nicht und hätte ich auch keinem anderen Kandidaten gewünscht“. Maria Flachsbarth, kein Neuling, sondern seit vielen Jahren CDU-Bundestagsabgeordnete und Mitglied der Bundesversammlung, lässt Professionalität walten: „Ich war zwar sicher, dass es nur einen Wahlgang geben wird, aber man muss jetzt auch nicht gleich in Tränen ausbrechen. Roman Herzog wurde schließlich auch erst im dritten gewählt.“

Da weiß sie noch nicht, wie treffend ihr Vergleich sein wird: Nach der Auszählung verkündet Lammert das zweite Ergebnis dieses Tages. Und wieder reicht es nicht für Wulff. Das bedeutet Stress – und zwar für alle. Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung rechnen bei der Zigarette im Hof bereits ihre Überstunden zusammen, Journalisten buchen hektisch Flüge um. Und Bettina Wulff lässt sich derweil von Roman Herzog auf der Gästetribüne trösten. Er weiß, wie sich das anfühlt, einen Wahlgang nach dem anderen zu absolvieren, bis es schließlich doch noch reicht.

Ein Stockwerk höher, da wo die Fraktionen tagen, herrscht vor dem finalen Wahlgang gespannte Stimmung. Die CDU-Fraktion hat sich noch verschanzt, während die FDP schon Interviews gibt. Patrick Döring, stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender, gibt sich gut gelaunt. „Am Ende zählt das Ergebnis“, sagt er. Und die FDP habe diesen dritten Wahlgang eben nicht zu verantworten, ist er überzeugt.

Noch gestern hätten sich klar vier Liberale gegen den Kandidaten Wulff gestellt. Die hätten sich bekannt. Offen und ehrlich. Anders bei CDU/ CSU, glaubt Döring: „Bei diesem Ergebnis muss die Union jetzt in ihren eigenen Reihen suchen und sich fragen, ob sie der Regierungskoalition mit diesem Abstimmungsverhalten einen Gefallen getan hat.“ Jene, die schon im ersten Wahlgang gegen Wulff gestimmt oder sich enthalten hätten, „die hätten wissen müssen, dass sie den Ball damit den Linken zuspielen“. Am Ende jedoch, so der Bundestagsabgeordnete, habe sich zumindest eins bewahrheitet: „Diese Wahl ist nicht nur geheim, sie ist vor allem frei.“

Ingrid Erhardt sind zu diesem Zeitpunkt, kurz vor dem dritten Wahlgang, Politiker-Weisheiten dieser Art zu viel. „Wir sind hier mit unseren Kräften langsam am Ende“, ärgert sie sich. Wie alle Wahlleute aus Hannover hat sie am Abend ihren Zug verpasst. „Es war spannend bis zum Schluss“, sagt Selin Arikoglu nach dem dritten Wahlgang, „die Stimmung ist bei allen gut, wir sind froh, dass es zu Ende ist.“

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