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Vanja trägt jetzt Bart, ist aber kein Mann.

Vanja trägt jetzt Bart, ist aber kein Mann.
© dpa-Zentralbild

Dritte Geschlechteroption

Vanja darf jetzt inter sein

Vanja hat sich vier Jahre lang durch die Instanzen gekämpft. Und jetzt gewonnen. Das Bundesverfassungsgericht In Karlsruhe entschied am Mittwoch: Neben männlich und weiblich muss künftig ein dritter Geschlechtseintrag im Geburtenregister möglich sein. Was folgt aus diesem Beschluss?

Leipzig. Vanja hat sich vier Jahre lang durch die Instanzen gekämpft. Und jetzt gewonnen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied am Mittwoch: Neben männlich und weiblich muss künftig ein dritter Geschlechtseintrag im Geburtenregister möglich sein. Der Beschluss des Ersten Senats kam nach Vanjas Verfassungsbeschwerde zustande.

Vanja ist vor 27 Jahren in Gehrden bei Hannover geboren, in der Geburtsurkunde steht „weiblich“. Doch Vanja ist intersexuell, zwischen Mann und Frau. Das ist keine Frage des Lebensstils, sondern der Chromosomen. Beziehungsweise: des Chromosoms. Vanja hat nur eines, ein X. Frauen sind durch XX gekennzeichnet, Männer durch XY. Bei Vanja gab es eine Leerstelle.

„Ich möchte aus dieser Unsichtbarkeit endlich heraustreten“

Diese Leerstelle darf es seit 2013 auch im Geburtenregister geben. Das Feld „Geschlecht“ darf leer bleiben, wenn es beim Neugeborenen nicht eindeutig zu bestimmen ist. Diese Möglichkeit wurde als Durchbruch gefeiert. Geschätzt ein Prozent der Bevölkerung, also 80 000 – 160 000 Personen, sind in Deutschland intersexuell. Es war aber nicht mehr als eine Hilfestellung für Eltern, die Entscheidung für eines der beiden bestehenden Geschlechter zu verschieben.

Vanja reichte das nicht. Keinen Eintrag zu haben, macht unsichtbar – und löst nicht das Problem, ob bei offiziellen Formularen „Mann“ oder „Frau“ anzukreuzen wäre. „Ich möchte aus dieser Unsichtbarkeit endlich heraustreten. Denn auch wenn die Gesellschaft größtenteils so tut, als gäbe es nur Männer und Frauen – stimmt das einfach nicht.“ Das steht in dem Schreiben, mit dem der Weg durch die Instanzen beginnt, ans Standesamt Gehrden vom Juli 2014. „Ich bin eben Inter* – nicht Frau und auch nicht Mann.“

Das Amtsgericht Hannover lehnte den Antrag ab. Das Oberlandesgericht Celle verwarf die Beschwerde dagegen. Die Möglichkeit, den Eintrag offen zu lassen, reiche aus, um das Persönlichkeitsrecht von Intersexuellen zu schützen.

Denn darum geht es: das Recht auf die eigene Person. Auch wenn diese etwas kompliziert ist. „Grundrechte sind nicht nur dann geschützt, wenn viele von einer Verletzung betroffen sind“, sagt Moritz Schmidt von der Initiative „Dritte Option“. Das ist der Unterstützerkreis für Vanjas Marsch durch die Instanzen. Der Bundesgerichtshof wies 2016 ebenfalls die Beschwerde ab. Nun blieb nur noch die Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe. Vanja erzählte Journalisten ihre, seine Geschichte.

Dritte Möglichkeit soll bis Ende 2018 Gesetz werden

Ein „typisches Mädchen“ war sie nie, aber mit der Pubertät wurde es offensichtlich: Vanjas Körper weigerte sich, zur Frau zu werden. Die Ärzte empfahlen eine Behandlung mit dem weiblichen Sexualhormon Östrogen. Vanja sollte eindeutig werden. Bei intersexuellen Neugeborenen wird das oft chirurgisch erledigt. Manche sind davon lebenslang traumatisiert. Die Zahl dieser Operationen ist, trotz der massiven Kritik, in den vergangenen 15 Jahren nicht gesunken, sagt Petra Follmar-Otto vom Deutschen Institut für Menschenrechte.

Das Östrogen tat seine Wirkung, doch Vanja fühlte sich nie als Frau. Inzwischen sagen die meisten Menschen „er“, denn Vanja nimmt nun das männliche Hormon Testosteron, trägt einen hippen Bart und kurze Haare. Ein Mädchen aus Gehrden wird zum Mann in Leipzig, wo Vanja inzwischen lebt? Nein, kein Mann. Ein „inter“. Diese dritte Möglichkeit soll bis Ende 2018 nun Gesetz werden, fordern die Karlsruher Richter.

Das könnte eine einfache Änderung des Personenstandsrechts werden – oder eine grundlegende Reform, wie sie das Deutsche Institut für Menschenrechte in einem Gesetzentwurf fürs Familienministerium skizziert hat. Dann wäre es auch für Transsexuelle einfacher, das Geschlecht nach individueller Zuordnung zu ändern. Und angleichende Operationen würden verboten. Ob die nächste Regierung so weit geht?

Vanja nennt den Beschluss gegenüber dem Evangelischen Pressedienst einen „Schritt in die richtige Richtung“. Der Name ist übrigens ein Pseudonym. Er kann weiblich und männlich sein.

Von Jan Sternberg / RND


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