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Amerika

US-Wahlkampf - ein Blick hinter die Kulissen

Der US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 wirft so manche alte Regel über den Haufen. Auch wenige Wochen vor den Parteitagen der Demokraten und Republikaner dominieren die vermeintlichen Außenseiter die Schlagzeilen. Amerika steht vor einem turbulenten Sommer. Ein Blick hinter die Kulissen der Wahlkampagnen. NP-Korrespondent Stefan Koch berichtet.

Washington. Der vergangene Dienstag, ein weiterer "Super Tuesday", war wieder so eine seltsame Weggabelung: In fünf Bundesstaaten waren die Bürger zur Vorwahl aufgerufen, um den jeweiligen Kandidaten der Demokraten und der Republikaner zu bestimmen. Die eindeutigen Sieger des Abends heißen Hillary Clinton und Donald Trump. Doch so recht freuen können sich ihre Wahlmanager nicht: Die Favoriten schleppen sich mühsam von einer Etappe zur nächsten, ohne dass es eine endgültige Entscheidung gibt.
Geradezu tragisch erscheint die Lage zurzeit bei Hillary Clinton. Die frühere Außenministerin, Senatorin und First Lady dürfte die am besten vorbereitete Kandidatin sein, die ein US-Wahlkampf jemals gesehen hat.
Obwohl sie in sämtlichen seriösen Umfragen als naturgegebene Kandidatin ihrer Partei gilt und auch im Endspurt um das Weiße Haus die größten Chancen besitzt, muss sie sich ausgerechnet von Bernie Sanders die Agenda bestimmen lassen - einem Alt-Sozialisten am linken Rand des politischen Spektrums Amerikas, der seit vier Jahrzehnten mit den immer gleichen Thesen durchs Land zieht.
Der 74-Jährige begeistert die Jungwähler und sammelte per Kleinspenden bisher knapp 80 Millionen Dollar an Wahlkampfhilfen ein. Obwohl er rechnerisch keine Chance mehr auf die Nominierung hat, will der alte Mann einfach nicht aufhören. Mehr noch: Sanders greift Clinton weiterhin an und verlangt eine Korrektur ihres Wahlprogramms. Steuererhöhungen für Gehaltsmillionäre, radikale Senkung der Studiengebühren, Umbau des Wahlkampfspendensystems - Sanders geht die Eigentümlichkeiten Amerikas im Frontalangriff an.
So erfolgreich der Systemkritiker auch gegen die Favoritin agitiert, so sehr spielt er letztlich aber der politischen Konkurrenz in die Hände: Sanders Vorwürfe, Clinton sei zu eng mit der Wall Street und der Banken-Elite verbandelt, werden auch unter den unentschiedenen Wählern der breiten Mitte vernommen.
Zu allem Unglück zählt ausgerechnet Clinton zu denjenigen schwerreichen Amerikanern, die die Steueroasen in Delaware für sich nutzen: Sämtliche Einnahmen aus ihren Rednerauftritten und ihren Buchverkäufen werden steuergünstig per Briefkastenfirma in Wilmington verwaltet. Ihr Bemühen, 16 Millionen Dollar aus jüngsten Projekten möglichst weit am Fiskus vorbeizuschleusen, könnte ihr noch teuer zu stehen kommen.
Clintons Vermögen wird sicherlich durch Donald Trumps Kontostände in den Schatten gestellt. Während aber der New Yorker Geschäftsmann damit prahlt, seine (Niedrig-) Steuern in Delaware zu entrichten, behauptet Clinton allabendlich, gegen Steuerungerechtigkeiten anzukämpfen. Der Vorwurf, Wasser zu predigen und Wein zu trinken, trifft sie nicht zum ersten Mal.
Demonstrativ unbeeindruckt von jeglicher Kritik zeigt sich dagegen "Front Runner" Trump. Am Dienstag meldete ein Bundesstaat nach dem anderen seinen Sieg, und am Mittwoch trat er mit geradezu präsidialem Gehabe im Mayflower Hotel unweit des Weißen Hauses auf. Auch nach Monaten der Vorwahl-Berichterstattung wissen viele Beobachter nicht so recht, was sie von diesem Kandidaten zu halten haben. Spielt er nur die Karikatur eines Politikers? Oder ist es gerade seine unkonventionelle Art, die so viel Menschen fasziniert?
Es stört seine Anhänger offenbar nicht, wenn Trump seine Grimassen schneidet. Viele US-Bürger finden es offenbar ganz wunderbar, dass der Geschäftsmann die Washingtoner Eigenarten ad absurdum führt.
Wer sich mit eingefleischten Trump-Fans unterhält, versteht schnell, worin sein Erfolg begründet liegt: Die politischen Mechanismen in der US-Hauptstadt werden außerhalb des Regierungsbezirks immer weniger verstanden. Trumps Andersartigkeit gibt all den Menschen eine Stimme, die sich von den bisherigen Amtsinhabern enttäuscht fühlen.
Ob die Trump-Anhänger eine Chance auf die Mehrheit besitzen? Bisher galt ein klares Nein als einzige Antwort. Mittlerweile wagt aber kaum noch jemand eine Prognose. So schaute sich die "Washington Post" die jüngsten Ergebnisse aus den fünf Ostküstenstaaten genauer an und kam zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: Trump sammelt hinter sich nicht mehr nur die schlecht ausgebildeten weißen Männer. Neuerdings steigt seine Popularität auch bei Akademikern, bei den Minderheiten und bei den Frauen.
Eine Erklärung für die wachsende Trump-Bewegung findet sich vielleicht im renommierten Magazin "The Atlantic". Demnach lebt knapp die Hälfte der amerikanischen Mittelschicht weit über ihre Verhältnissen. Unverhoffte Ausgaben von nur wenigen hundert Dollar führen bei diesen Menschen zu mehr Schulden - oder direkt in den Bankrott. In ihren Ohren klingt es hoffnungsvoll, wenn Trump tönt, sich zuallererst wieder um inneramerikanische Belange kümmern zu wollen. Dass sie sich angesichts ihrer Not auf einen schwer kalkulierbaren Populisten einlassen, nehmen sie offenbar billigend in Kauf.


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