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Anschläge

Terror in Paris: „Sie wollten das Glück töten“

Die Einladung zum Konzert der US-Band „Eagles of Death Metal“ war das Geschenk eines Freundes, mit dem Vincent einen fröhlichen Abend verbringen wollte. Doch als der junge Architekt am frühen Freitagabend mit seinem Motorrad zur Konzerthalle „Bataclan“ im Nordosten von Paris losfuhr, konnte er nicht wissen, dass er statt Ausgelassenheit einen Exzess der Gewalt erleben würde. Dass es sein letzter Abend werden sollte. Denn in die rockigen Töne mischten sich nach rund einer Stunde Schüsse, dann Schreie. „Erst dachten wir, der Lärm gehört irgendwie zur Show. Aber wir haben schnell verstanden, dass das nicht so war“, erzählte später einer der, der überlebt hat.

Paris. Anders als Vincent, der zu den – bislang – 89 Menschen gehört, die am Freitag im „Bataclan“ ihr Leben verloren haben, ermordet von wahllos um sich schießenden Terroristen. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Töchter. Seine Angehörigen und Freunde sind erschüttert. Fassungslos. „Es macht keinen Sinn. Er ist gestorben für nichts, für den Wahn von ein paar Extremisten“, sagt ein Freund. „Es ist so bitter.“ Die Opferbilanz der insgesamt sechs zeitgleich stattfindenden Anschläge hat sich auf mindestens 129 Tote und rund 350 Verletzte erhöht.

Aber auch wer keinen von ihnen persönlich kennt, empfindet nach der Horrornacht vom Freitag hilflose, wütende Fassungslosigkeit darüber, dass Paris zehn Monate nach den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt mit insgesamt 17 Todesopfern erneut Zielscheibe islamistischer Terroristen geworden ist. Doch während die Menschen damals – getrieben von einem enormen Bedürfnis, Solidarität und Zusammenhalten auszudrücken – hinaus strömten und sich zu Tausenden auf dem Platz der Republik versammelten, bleiben diesmal viele zu Hause. Die Straßen wirken ungewöhnlich leer und ruhig, die Gesichter der Menschen sind ernst und bedrückt. Wo sonst oft ein Straßenmusiker Akkordeon spielt, herrscht Stille. Museen, Kinos, Straßenmärkte und große Kaufhäuser blieben am Wochenende geschlossen, während insgesamt 3000 zusätzliche Sicherheitskräfte mobilisiert wurden. Alle Großveranstaltungen sind bis Donnerstag abgesagt. Paris scheint wie gelähmt.

Für Umtriebigkeit sorgen lediglich die Journalisten. Hinter den Absperrungen der Polizei vor den Tatorten, den Cafés, Restaurants und der Konzerthalle „Bataclan“, haben sich Dutzende Kamerateams aufgestellt. Reporter streichen auf der Suche nach Augenzeugenberichten durch das Viertel. Aber nicht alle Passanten können oder wollen sich äußern. Wie auch Worte finden? Vor den Absperrungen legen Menschen Blumen ab, stellen Kerzen auf oder Schilder, auf denen steht: „Wir haben keine Angst.“ Oder: „Je suis Paris“ („Ich bin Paris“), angelehnt an das Motto nach den Januar-Attentaten: „Je suis Charlie“.

Noch immer erscheint die Lage unübersichtlich, aber Staatsanwalt François Molins hat klar gemacht, dass die Terroraktionen, die zeitgleich an sechs verschiedenen Orten ausbrachen, professionell geplant und auf drei Gruppen aufgeteilt waren. Verhindern ließen sie sich trotz all der Sicherheitsmaßnahmen nicht, die seit Januar in Kraft sind: verstärkte Überwachung und Polizei-Präsenz, neue Anti-Terror-Gesetze, die den Geheimdiensten weitreichende Freiräume geben.

Die Schockwirkung hat sich auch deshalb potenziert, weil es sich nicht um gezielt ausgewählte „Feinde“ handelte, um Karikaturisten und Juden als Symbole der Meinungsfreiheit und Vertreter einer Religion, die die Islamisten bekämpfen. Sondern um eine Anschlagsserie, die maximalen Schaden anrichten sollte. So gut wie jeder hätte getroffen und genau wie der junge Familienvater Vincent zum tragischen Zufallsopfer werden können. Weil sich die Attacken gegen einen Lebensstil richteten – gegen Menschen, die in Bars und Restaurants saßen, die unbeschwert feiern, das Leben genießen wollten. Paris, diese leuchtende Stadt der Liebe und der Freude, wurde in einer Nacht zur Stadt der Trauer und des Schmerzes. „Der Islamismus wollte das Glück töten“, schreibt die Zeitung „Libération“. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die Opfer „wollten das Leben freier Menschen leben, in einer Stadt, die das Leben feiert“. Sie seien auf Mörder getroffen, „die genau dieses Leben in Freiheit hassen“.

Alle sind getroffen. Auch die Politiker. Sichtlich mitgenommen verurteilte Hollande noch in der Nacht die Taten als „totale Barbarei“. Es handle sich um einen „kriegerischen Akt“, sagte der Präsident am Samstag nach einer Krisensitzung: „Ein Akt, den eine terroristische Armee, IS, gegen Frankreich begangen hat, gegen unsere Werte und das, was wir sind: ein freies Land“. Er kündigte eine unerbittliche Reaktion Frankreichs an, das trotz allem „stark, solide, aktiv, wachsam“ sei und „über die Barbarei triumphieren“ werde. Dabei wirkt das Land nach diesem Freitag, dem 13., nicht triumphierend - sondern gebrochen.


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