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Mutige Frauen in Indien wehren sich gegen die Unterdrückung durch den Mann und gehen für ihr Recht auf die Straße.

Mutige Frauen in Indien wehren sich gegen die Unterdrückung durch den Mann und gehen für ihr Recht auf die Straße.© Piyal Adhikary

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Indien

Sie wollen nicht mehr schweigen

Sie werden geschlagen, vergewaltigt und ermordet: Mädchen und Frauen haben im Verständnis der indischen Männer keinen Wert. Die Hannoveranerin Anne Borchard-Linnenbrink kämpft seit Jahrzehnten gegen diese brutale Unterdrückung. Mit Erfolg. Das Selbstvertrauen der Inderinnen wächst, sie wollen nicht mehr tatenlos die Gewalt über sich ergehen lassen müssen. Indien steht vor einem Radikalumbruch – doch das gefällt nicht jedem.

Hannover/Neu Delhi. Indien - das Land der Gegensätze. Der rasante Wirtschaftsaufschwung führt zu einer radikalen Veränderung der Gesellschaft. Mehr Jobs, mehr Wohlstand, mehr Bildung. Und doch scheint der riesige Subkontinent in der Zeit stehen geblieben. Frauen werden verprügelt, brutal vergewaltigt, müssen tagtäglich Anfeindungen über sich ergehen lassen. Trotz der sozialen Umbrüche entscheidet häufig noch immer das Geschlecht über Leben und Tod. Einen Umstand, den die Frauen nicht länger hinnehmen wollen.

Mehr und mehr formiert sich der Protest. In Großstädten wie Mumbai und Neu Delhi gehen Zehntausende Frauen auf die Straße und erheben ihre Stimme. Das Selbstvertrauen wächst. Für Schlagzeilen sorgte am Wochenende die 20-jährige Pradnya Mandhare, die sich nicht ihrem unbekannten Peiniger ergab. Am helllichten Tag sollte sie auf einem belebten Bahnsteig eines der unzähligen Opfer werden. Sie wehrte sich, überwältigte den Angreifer und schleifte ihn zur Polizei. „Wir sollten Männern klarmachen, dass sie mit Frauen nicht einfach machen können, was sie wollen“, sagte sie später. Zur Hilfe kam ihr dennoch niemand.

Tag für Tag erreichen uns Nachrichten von unermesslichen Gräueltaten gegen Mädchen und Frauen. Kinderarbeit, Massen-Vergewaltigungen, ja sogar Hinrichtungen - nur wegen des Geschlechts („Gendercide“). Anne Borchard-Linnenbrink ringt mit der Fassung. Die Hannoveranerin engagiert sich über viele Jahrzehnte für Indien. Sie unterstützt die „Helpers of Mary“ - ein Schwesternorden, der in ganz Indien Hilflosen eine Anlaufstelle bietet. Der Einsatz der 300 Schwestern bietet Tausenden Mädchen eine Perspektive in einem Land, in dem sie nichts wert sind. „Die Marys gewähren den Hilfsbedürftigen einen Schutzraum“, sagt Anne Borchard-Linnenbrink. Sie selbst hat die Unterkunft in Balwatika besucht. Die Schwestern kümmern sich dort um Mädchen der Adivasi. Die Ureinwohner Indiens gehören keiner Kaste an, leben ausgegrenzt, fernab von Schule, Bildung und gesellschaftlicher Perspektive. „Indien hat ein riesiges Intelligenzpotenzial. Indien ist ein faszinierendes, aber leider brutales Land.“

17 Kinderheime betreiben die katholischen Schwestern, gehen in die verwahrlosten Slums, geben den Vergessenen eine Stimme. Ein Einsatz, der nicht überall gerne gesehen wird. Kennen Frauen ihre Rechte, stellen sie Forderungen. Traditionell geprägte Männer wehren sich gegen starke Frauen im öffentlichen Bild. „Die sexuelle Gewalt ist eine Sanktion, um die Frauen wieder in ihre alten Rollen zurückzudrängen“, sagt Marc Saxer. Der Asienexperte leitet das Büro der SPD nahestehenden Friedrich-Ebert-Stiftung in Neu-Delhi, der Hauptstadt Indiens. Identitätsangst dient als männlicher Antrieb für diese Barbarei. Besonders in den ländlichen Regionen verstehen die Eltern die Geburt eines Mädchens als Strafe. Den Neugeborenen, sollten sie überleben, droht eine lebenslange Diskriminierung. Daran ändert auch die neue, durch bessere Wirtschaftsfaktoren gewonnene indische Lebensqualität nichts. Mädchen bleiben vor allem eines: ein Kostenfaktor.

Anne Borchard-Linnenbrink sieht nur einen Ausweg: „Bildung“, sagt sie und verweist auf die Marys als tapfere, lebensbejahende Frauen, die sich in dem hinduistisch geprägten Land gegen Unterdrückung wehren. Mit Erfolg. Mehr und mehr schafft die Weltgemeinschaft ein Bewusstsein für die Probleme Indiens. Und auch in den vermeintlichen Glitzermetropolen von Kalkutta, Neu-Delhi und Bombays wehren sich Frauen gegen die Übergriffe. Sie trauen sich auf die Straße, um für ihr Recht und gegen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzutreten - über alle sozialen Schichten hinweg.

Wie manche Männer aber wirklich über die Rolle der Frauen denken, zeigt eine Dokumentation, die einen verurteilten Vergewaltigers zu Wort kommen lässt: „Eine Frau trägt eine weitaus größere Verantwortung für eine Vergewaltigung als ein Mann“, sagt er reuelos. Sein Opfer hätte „nicht abends herumstreunen“ sollen. „Mädchen sollten sich um den Haushalt kümmern und sich nicht in Discos und Bars herumtreiben.“ Sätze, die Anne Borchard-Linnenbrink die Sprache verschlagen. „Auch in Indien bewegen sich die Uhren, sie bewegen sich aber nur sehr langsam.“

von Carsten Bergmann

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"Männer fühlen sich in ihrer Identität bedroht"

Marc Saxer leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Neu-Delhi. Im NP-Interview erklärt der Asienexperte, wieso es zu dieser massiven Gewalt gegen Frauen kommt.

Herr Saxer, Indien gilt als aufstrebende Wirtschaftsmacht, gleichzeitig überschatten brutale Angriffe auf Frauen das Bild einer modernen Demokratie. Wie passt das zusammen?

Wir müssen uns von lieb gewonnenen Theorien verabschieden. Im Westen entstand im Zuge des Arabischen Frühlings oder aktuell in der Ukraine-Frage die Formel: Je mehr Mittelschicht, desto mehr Demokratie. Wir erleben jetzt wiederum bei den großen gesellschaftlichen Transformationen in diesen wachsenden Ländern wie Indien, dass diese Rechnung schlichtweg nicht aufgeht.

Dabei müsste der Aufschwung in Indien doch auch einen neuen Wohlstand und besseren Zugang zur Bildung ermöglicht haben.

Es stimmt natürlich, dass die Mittelschichten größer werden. Daraus folgt eine stärkere Kaufkraft und insgesamt ein höherer Lebensstandard. Allerdings: In dieser Entwicklung ist nicht nur eine, sondern es sind mehrere Mittelschichten entstanden. Es ist faszinierend zu sehen, dass neben den traditionellen Mittelschichten in den Hauptstädten, die stark mit dem Staat verbandelt sind – also Lehrer, Professoren, Doktoren –, auch Mittelschichten in den Provinzen entstehen. Das ist historisch neu. Dort lebten früher nur Bauern. So führt das zu Druck auf die etablierten Mittelschichten und folglich zu Verteilungsängsten.

Die etablierten Inder fürchten also um ihren Wohlstand?

Die Statusängste übersetzen sich in Diskurse, die wir nicht so ohne Weiteres nachvollziehen können. Oftmals ist es so, dass die etablierten Mittelschichten den Aufbau einer funktionierenden Staatlichkeit nicht mittragen wollen. Der Gesellschaftsvertrag sieht quasi nicht vor, dass von den Eliten ins Land umverteilt wird. Doch genau das passiert. Letztlich werden die Mittelschichten besteuert, wodurch es zum politischen Konflikt kommt. Dieser erstreckt sich stark über die Themen Populismus, Verschwendung von Staatsgeldern, Stimmenkauf und schlussendlich Korruption.

Also streben die sozial Gesicherten eher zum Machterhalt statt zur Entwicklung?

Die Mittelschicht will zwar auf der einen Seite, dass diese inkompetenten und sehr stark feudal geprägten Staaten endlich sauber werden sowie kompetent und effizient arbeiten. Sie wollen notwendigerweise jedoch nicht mehr Demokratie. Wir erleben hier, dass sich die Mittelschichten ein Stück weit gegen die Modernisierungsprozesse wehren.

Und in welchem Zusammenhang steht die Demokratie-Verweigerung zu den Gewaltverbrechen gegen Frauen?

Es gibt immer Menschen, die Wandel begrüßen und als Chance verstehen. Und es gibt Menschen, die darin ihre Existenz bedroht sehen. Letztere sind in einer symbolischen Ordnung aufgewachsen und sozialisiert. Das kristallisiert sich meistens an Symbolthemen: In Thailand ging es um die Rolle der Monarchie, in der Türkei um die Rolle Atatürks, in den arabischen Ländern um die Rolle des Islam. In vielen Ländern, zum Beispiel auch in Russland, geht es um die Sexualität und die sexuelle Norm. Gender-Rollen haben identitätsbildende Funktionen. Die traditionellen Werte und Rollenverteilungen bilden die Identität. Das heißt, Menschen fühlen sich durch die Veränderung dieser Rollen bedroht. Daraus resultieren die Aggressionen und auch die gewalttätigen Exzesse.

Wie kam es zu dieser Verschärfung?

Die Gewalt gegen Frauen ist nicht vom Himmel gefallen. Man muss unterscheiden zwischen traditionellen Ursachen der Diskriminierung von Frauen und spezifischen für diese gesellschaftliche Veränderung. Indien unterscheidet sich nicht groß von Brasilien, Indonesien oder irgendeinem anderen dieser Schwellenländer. Was in Indien anders ist: Die Presse und die Zivilgesellschaft funktionieren besser. Dennoch gibt es eine Erhöhung der Gewalt.

Wie hat sich die Rolle der Frau denn gewandelt?

Die traditionelle Rolle der Frau war stark familiär ausgerichtet, die keinen Zugang zum öffentlichen Raum hatte – vor allem nicht zur Berufswelt. Das ändert sich derzeit dramatisch. Die Mittelschicht wächst, in den vergangen 20, 30 Jahren Wirtschaftswachstum ist sie regelrecht explodiert. Das betrifft auch die Frauen, die heute eine wesentlich bessere Ausbildung haben, an die Universitäten gehen, kurzum: sie sind selbstständiger und nicht mehr abhängig von den Männern. Sie haben ein eigenes Einkommen, einen eigenen Status, verdienen teilweise besser als die Männer. Frauen können viel selbstbewusster agieren und haben im öffentlichen Raum einen Teil für sich erobert.

Das kann Traditionalisten nicht gefallen.

Das schürt sogar Ressentiments bei den Männern, die sich in ihrer Identität bedroht fühlen. Die Rolle des Vaters in der Familie verändert sich. Diese Dinge ändern sich rasant schnell, innerhalb einer Generation. Die Schönheitsideale, die Verhaltensweisen, das Zusammenspiel zwischen den Geschlechtern – alles das hat sich radikal verändert und löst Ängste aus. Aus feministischem Blickwinkel ist die sexuelle Gewalt eine Sanktion, um die Frauen wieder in ihre alten Rollen zurückzudrängen.

Wie massiv sind die Unterschiede zwischen Großstadt und Provinz?

Im ländlichen Bereich ist diese Gewalt gegen Frauen ungleich viel größer. Was wir in den Medien sehen, sind nur die extremen Geschichten. Was gegenüber armen Frauen passiert, lässt sich nur erahnen. Wir bekommen höchstens eine Spitze des Eisberges zu sehen.

Und doch scheint sich eine Bewegung zu bilden, die diese Umstände nicht weiter hinnehmen will.

In Indien gibt es eine sehr aktive Zivilgesellschaft, Frauenrechtler, Aktivisten – sie alle haben zu einer ganzen Reihe von Gesetzesverschärfungen geführt. Das Problem ist aber weiter die Implementierung dieser Gesetze. Der Umbruch in Indien ist regelrecht zu greifen.

von Carsten Bergmann


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