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Deutschland/Welt Sarrazin verteidigt sich - und tritt ab
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23:37 09.09.2010
Gefragter Mann: Thilo Sarrazin Donnerstag bei einer Buchlesung in Potsdam.
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Von Susann Fischer

Potsdam. Mit der Überraschung will Thilo Sarrazin eigentlich gar nicht herausrücken. Er sei hier doch nicht als Bundesbankvorstand, sagt der 65-Jährige SPD-Politiker am Donnerstagabend in Potsdam bei einer Diskussion über sein umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“. Erst auf mehrfache Nachfrage gibt Sarrazin öffentlich bekannt, dass er sein Amt bei der Bundesbank aufgeben wird. Zuerst jedoch betont er, dass die Bundesbank die Vorwürfe gegen ihn nicht aufrecht halte und ihren Antrag auf eine Entlassung beim Bundespräsidenten zurückgezogen habe. Anschließend habe er selbst den Bundespräsidenten um eine Amtsentbindung zum 30. September gebeten.

Es handele sich um einen „strategischen Rückzug“, sagt Sarrazin. Jetzt könne er die Themen weiter beackern, die ihm wichtig sind. Und das Thema und die Thesen seines Buches sind ihm wichtig, das macht Sarrazin deutlich an diesem Abend im Potsdamer Nikolaisaal. Nur wenige der rund 700 Plätze sind nicht besetzt. Auch zahlreiche Journalisten sind zur bundesweit ersten öffentlichen Lesung des Buches angereist. Schon zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung des Brandenburgischen Literaturbüros hatten viele Menschen noch versucht, die letzten Karten zum Preis von knapp neun Euro zu ergattern. Währenddessen formierte sich auf der anderen Straßenseite der Protest.

Das Antifaschistische Bündnis Potsdam hatte zu einer Kundgebung aufgerufen. Dutzende, überwiegend junge Leute protestierten gegen Sarrazins provokante Thesen. Sie warfen ihm Rassismus vor. Auf Plakaten hieß es unter anderem: „Kein Podium für Rassisten und Nazis“. Die Forderung nach einer Absage der Lesung verhallt jedoch. Ursprünglich hatte die Lesung im Potsdamer Kulturzentrum Waschhaus stattfinden sollen, doch nach Protesten und Drohungen sagte die Einrichtung ab.

Auf dem Podium im Nikolaisaal wirkt Sarrazin ruhig und gelassen. Der frühere Berliner Finanzsenator hat in seinem Buch mit Äußerungen über eine angeblich erbliche Dummheit muslimischer Einwanderer bundesweit für Empörung gesorgt. In der vergangenen Woche hatte der Vorstand der Deutschen Bundesbank einstimmig beschlossen, beim Bundespräsidenten die Abberufung Sarrazins als Mitglied des Vorstandes zu beantragen. Das ist seit Donnerstagabend hinfällig. Gegen den Ex-Senator liegen aber auch insgesamt drei Anträge von SPD-Gremien für einen Ausschluss aus der Partei vor. Der 65-Jährige war bereits im März nach einem Interview über türkische und arabische Einwanderer nur knapp einem Parteiausschluss entgangen.

Im Nikolaisaal erntet Sarrazin sehr viel Beifall. Viele Zuhörer haben sich sein fast 500 Seiten dickes Buch gekauft. Sarrazin liest nicht daraus vor, sondern schildert, womit sich die neun Kapitel befassen. Und er versucht, seine Motivation zu erklären. Schon immer habe er sich an den „Polen Verstehen und Gestalten“ orientiert, sagt er. Sein Buch sei in erster Linie eine Analyse und nur ein wenig Wertung. Er habe Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengetragen. Und es sei ein Fakt, dass sich alle Probleme mit der Zuwanderung und Integration von Ausländern auf die fünf bis sechs Millionen Migranten aus muslimischen Ländern konzentrierten, greift Sarrazin eine seiner umstrittenen Aussagen auf. Mit Migranten aus Osteuropa, China oder Indien gebe es diese Probleme nicht. Die zweite Generation dieser Zuwanderer sei häufig besser als deutsche Schüler. Kinder muslimischer Zuwanderer jedoch seien meist „weit entfernt von diesem Niveau“.

Zur Untermauerung seiner Aussage über die mangelnde Integration verweist Sarrazin auf Statistiken, wonach nur drei Prozent der zweiten Generation von Zuwanderern deutsche Ehepartner haben. Bei den Russlanddeutschen seien es 70 Prozent. „Solange sich die Kultur nicht ändert, schafft Zuwanderung von Muslimen mehr Probleme als sie zu lösen vermag“, betont der 65-Jährige. Dass so viele muslimische Migranten nach Deutschland gekommen seien, liege an der sozialen Absicherung. Andere Länder wie Australien oder Kanada hätten bei der Zuwanderung Qualifikationen vorausgesetzt und Transferleistungen versagt. Auf die Kritik an Kürzungen von Mitteln für die Integration in seiner Zeit als Berliner Finanzsenator sagt Sarrazin: „Die Probleme der Migranten in Neukölln haben mit Geld nichts zu tun.“

Sarrazin untermauert auch seine These über den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Intelligenz. Das intellektuelle Potenzial in Deutschland verringere sich, weil Frauen aus niedrigen Bildungsschichten mehr Kinder bekämen als diejenigen aus hohen Bildungsschichten. Menschen seien von Natur aus unterschiedlich bildungsfähig. Abweichungen der intellektuellen Fähigkeit vom Durchschnitt seien zu 50 bis 80 Prozent erblich bedingt.

Seit Erscheinen seines Buches bekommt der SPD-Politiker nach eigenen Angaben täglich einen ganzen Aktenordner voll Post. 99 Prozent davon seien positiv. Aus dem Bundesbank-Vorstand tritt er dennoch zurück. Das Parteiausschlussverfahren jedoch wird er wohl abwarten. Es gebe ja auch den Klageweg, sagt Sarrazin. Er habe nichts getan, was den Grundwerten der SPD entgegen stehe.

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