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Trauernde am Pariser Restaurant Le Carillon zwei Tage nach dem Anschlag. Foto: Etienne Laurent/Archiv

Trauernde am Pariser Restaurant Le Carillon zwei Tage nach dem Anschlag. Foto: Etienne Laurent/Archiv

Jahreswechsel

Rückblick2015: Terror-Jahr in Frankreich

Ein Land leckt seine Wunden, zerrissen von der Frage nach der richtigen Antwort auf die islamistische Bedrohung. Die Terrorserie von "Charlie" bis "Bataclan" hat das Land bis ins Mark erschüttert.

Paris. Die Spuren des Terrors sind nicht zu verdrängen, auch wenn die Weihnachtsbeleuchtung auf den Champs-Élysées glänzt wie immer.

Auch wenn Pariser Geschäfte mit Tannenzweigen und Lichterketten um Kunden werben, auch wenn Bürgermeisterin Anne Hidalgo verkündet, dass der Tourismus wieder in Schwung komme, auch wenn die Bars langsam wieder so voll sind wie vor den Anschlägen vom 13. November: Es ist eine Normalität unter Vorbehalt.

Wer das bei Touristen wegen seiner Sammlung französischer Impressionisten beliebte Musée d’Orsay betritt, muss noch vor der Taschenkontrolle seine Jacke öffnen und zeigen, dass er darunter nichts Verdächtiges versteckt. An Kaufhäusern weisen schwarz-rote Dreiecke auf die höchste Alarmstufe hin, "Alerte attentat". Und Marianne trägt weiter Trauer: Um die Statue der Symbolfigur der französischen Republik türmen sich immer noch Blumen und Kerzen als Erinnerung an die Opfer.

Vom Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" bis zu den Selbstmordattentätern vom 13. November hat Frankreich in den vergangenen Monaten eine Serie des Grauens erlebt. Insgesamt wurden 149 Menschen von Islamisten getötet. Fälle, wie der gerade noch überwältigte Angreifer aus dem Thalys-Schnellzug, geraten da fast in Vergessenheit. Am Ende dieses Jahres steht eine bis ins Mark erschütterte Nation.

So sehr die Franzosen auch betonen und demonstrieren, dass sie sich ihre Werte und Lebensart nicht nehmen lassen wollen - die Bedrohung hat das Land bereits verändert. Die politische Debatte und die Wortwahl haben sich nach rechts verschoben. Nach "Charlie" stand noch ein allgemeines Unterhaken im Vordergrund, die eindrucksvolle Demonstration des 11. Januar als Zeichen: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Und die politische Führung äußerte sich auffallend besonnen.

Nun aber sprechen Präsident François Hollande und seine Mannschaft vom "Krieg" gegen die Terrormiliz Islamischer Staat und von "inneren Feinden", verschärfen Gesetze und versprechen mehr Polizei. Im Januar hatte Premierminister Manuel Valls noch auf die "territoriale, soziale, ethnische Apartheid" in Frankreich hingewiesen. Nach dem 13. November spielt die Problematik der abgehängten französischen Vorstädte so gut wie keine Rolle mehr in der Debatte über Radikalisierung und Terrorismus.

Auch die Stimmung in Paris ist auffallend anders - vielleicht auch, weil nach den Anschlägen auf Orte des alltäglichen Lebens sich nun fast jeder als potenzielles Opfer sehen musste. Wer auf den wieder bevölkerten Terrassen mit Parisern spricht, hört schon mal die resignierte Aussage: "Es wird wieder passieren". Illustration dafür ist auch die mediale Schnappatmung, die jedes Mal einsetzt, sobald auch nur der Hauch eines Terrorverdachts auftaucht.

Allerdings werden auch Stimmen laut, die fragen, ob Frankreich nun im Kampf gegen den Terror zu weit geht. Der Ausnahmezustand erlaubt bis Ende Februar Durchsuchungen und Hausarreste ohne richterliche Anordnung, eine Verfassungsänderung soll dies auf Dauer möglich machen. Die Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft für islamistische Zweistaatler ist plötzlich kein Tabu mehr, sogar die Internierung von Radikalisierten wird diskutiert.

"Die gesamte politische Klasse verleugnet sich selbst, indem sie auf einen noch nie dagewesenen Angriff auf unsere Freiheiten mit der generellen Beschränkung der öffentlichen Freiheiten reagiert", kritisierten die Netzaktivisten von "La Quadrature du Net". Der französische Journalist Nicolas Hénin, der zehn Monate Gefangener des Islamischen Staats war, warnte in einem Gastbeitrag für mehrere europäische Zeitungen: "Jedes Anzeichen von Überreaktion, Spaltung, Angst, Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit wird sie nur ermutigen."

"Es gibt derzeit einen Rückschritt bei unseren öffentlichen Freiheiten", warnte kürzlich der Vorsitzende der Pariser Anwaltskammer, Pierre-Olivier Sur. Er verwies auf das im Sommer verabschiedete Geheimdienstgesetz und den Ausnahmezustand. Justizministerin Christiane Taubira hielt ihm entgegen: "Wir hatten uns in der Routine der Freiheit eingerichtet." Jetzt müsse sie wieder erobert werden.

Und trotz alledem, Paris bietet auch Zeichen der Hoffnung. Die städtischen Werbetafeln zeigen den Wahlspruch von Paris, der sich nach den jüngsten Anschlägen zur Durchhalteparole gemausert hat: "Fluctuat nec mergitur", "Sie schwankt, aber geht nicht unter".

dpa


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