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Der Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung, Kurt Beck (SPD)

Der Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung, Kurt Beck (SPD)
© picture alliance / dpa

Ein Jahr nach dem Berliner Attentat

Opferbeauftragter Beck: „Verzweiflung, Trauer, Wut und Bitternis“

Kurt Beck ist Bundesbeauftragter für die Breitscheidplatz-Opfer. Im Interview spricht er über die Folgen des Attentats vor einem Jahr, die Wut der Opfer und darüber, warum 10.000 Euro Schmerzensgeld nicht reichen.

Berlin.  

Herr Beck, Sie sind jetzt acht Monate Beauftragter der Opfer des Attentats vom Berliner Breitscheidplatz am 19. 12. 2016. Sie sind ein Politprofi, was hat diese Aufgabe mit Ihnen gemacht?

Ich war mir im März bewusst, dass es psychisch sehr anstrengend wird. Letztlich hat sich diese Aufgabe aber als noch intensiver herausgestellt als ich glaubte. Mir ist wieder bewusst geworden, wie wenig planbar das Leben ist. Die Menschen, die damals starben oder schwer an Körper oder Seele verletzt wurden, wollten einfach nur einen Tag fröhlich und gesellig ausklingen lassen. Dann änderte sich von einer Sekunde zur anderen alles: Die einen verloren den Partner, ein Elternteil oder das Kind, Verwandte oder Freunde – andere sahen sich, enge Angehörige oder Freunde plötzlich schweren gesundheitlichen Schäden und ihren Folgen ausgesetzt. Alle werden plötzlich in ein völlig anderes Leben geschleudert. Ein Verkehrsunfall mit solchen Folgen ist zwar genauso schrecklich. Hier kommt jedoch der Terror dazu: Die Sinnlosigkeit und die Grausamkeit, völlig Unbeteiligte mitten ins Elend zu katapultieren. Das hat etwas besonders Bohrendes, das hört nicht auf.

Um wen haben Sie sich gekümmert?

Der Kreis der Opfer ist größer als die Zahlen der Toten und Verletzten. Im Vordergrund stehen natürlich die Hinterbliebenen der Todesopfer und die Verletzten sowie deren enge Angehörige. Aber es geht auch um die, die alles mitansehen mussten und dadurch bis heute schwer traumatisiert sind. Bei den Händlern auf dem Weihnachtsmarkt oder dem polnischen Spediteur, dessen Lkw vom Attentäter als tödliche Waffe eingesetzt worden war, kommen noch existenzielle finanzielle Schäden hinzu.

Die Folgen des Attentats wirken bis heute erheblich…

Es gibt dramatische Auswirkungen. Manche werden ihr Leben lang behindert sein. Ein Mann um die 40 eben noch kerngesund. Jetzt kann er nichts mehr, außer seine Augen bewegen. Manche Leute haben ihren Beruf aufgegeben, um den jetzt schwer pflegebedürftigen Partner betreuen zu können. Manche benötigen eine neue Wohnung, weil die Partnerin jetzt im Rollstuhl sitzt, andere müssen ihr zu Hause behindertengerecht umbauen.

Was begegnet Ihnen im Gespräch mit diesen Menschen?

Verzweiflung, Trauer, Wut, Enttäuschung und Bitternis. Ich höre zu, kriege aber als Vertreter des Staats, der in diesem Fall versagt hat, eine Menge ab. Ich verstehe das, weil ich mich immer frage, wie würdest du dich verhalten, wenn deine Familie betroffen wäre. Mich haben die Berichte über die Schlamperei und die Vertuschungen im Fall Amri entsetzt. Die Betroffenen brennen innerlich - und das tut wahnsinnig weh.

Konnten Sie den betroffenen Polen helfen?

ThyssenKrupp hat sofort auf Schadensersatz gegenüber dem Spediteur verzichtet, dessen Lkw vom Attentäter als Waffe benutzt worden war. Scania hat den Laster wieder zurückgenommen und auf eigene Kosten repariert, als er von den Behörden frei gegeben war, außerdem verzichtete das Unternehmen auf die Leasingzahlungen des Spediteurs. Dem Spediteur haben wir, ohne dazu verpflichtet zu sein, 10 000 Euro bezahlt, doch da hat sich jetzt ein Anwalt eingeschaltet, der noch andere Ansprüche geltend machen will. Wir warten da ab.

Die Weihnachtsmarkthändler erhielten Hilfe von Versicherungen?

Für die Budenbesitzer konnten wir mit der Verkehrsopferhilfe – das ist eine freiwillige Leistung der deutschen Versicherungswirtschaft für durch ein Fahrzeug geschädigte Menschen – erreichen, dass auch aus diesem Topf gezahlt wird. Da gab es zunächst einen anderen Standpunkt der Versicherungen. Es waren schwierige Gespräche über Werte von Buden und Einrichtungsgegenständen sowie Unterstützung bei der Neuanschaffung. Doch wir konnten im materiellen Bereich gute Kompromisse erzielen.

Haben Sie solche Verhandlungen inmitten des menschlichen Elends nicht manchmal wütend gemacht?

In manchen Gesprächen drohten mir die Gäule durchzugehen. Das muss ich gestehen. Ich wollte mich da nicht in Details vergraben, sondern helfen. Unterm Strich habe ich jedoch bei allen in der Wirtschaft und in den Ämtern absolut guten Willen erlebt. Besonders beeindruckt war ich von der City-Hilfe der Berliner. Hier ist viel, viel Geld für die Opfer gesammelt worden. Viele Privatleute engagierten sich.

Haben Sie ein Beispiel?

Eine Studentin hat bei dem Attentat Mutter und Vater verloren. Die junge Frau, die keine weiteren Verwandte mehr hat, wusste nicht mehr ein und aus, geschweige denn, wie sie ihr Studium in Zukunft finanzieren wird. Ein früherer Unternehmer sorgt nun dafür, dass sie monatliche Zahlungen erhält, um ihr Studium zu Ende zu bringen. Solche Beispiele machen Mut, finde ich. Und davon gibt es etliche.

Wer bei einem solchen Terrorakt seine Frau oder seinen Mann oder sein Kind verliert, erhält als Einmalzahlung 10.000 Euro. Reicht diese Summe?

Das ist deutlich zu niedrig. Ich habe verglichen, was andere europäische Länder, Israel oder die USA zahlen. Deutschland liegt da nicht ganz hinten, aber weit unter dem Durchschnitt. Spanien zahlt beispielsweise bis zu 250.000 Euro – allerdings ohne Rechtsanspruch und mit Prüfung des Einzelfalls und der Bedürftigkeit. Das haben wir nicht und das sollte auch so bleiben. Die 10.000 Euro im Todesfall sind ja eine Art Schmerzensgeld für den nächsten Angehörigen. Es gibt zusätzlich auf den Einzelfall abgestimmte Rentenleistungen und Härtefallleistungen bei Verdienstausfällen.

Plädieren Sie für eine Verdoppelung der Summe?

Sie sollte deutlich über dem Doppelten liegen. Immer in dem Wissen, dass mit Geld ein Menschenleben oder der Verlust der Gesundheit nicht auszugleichen sind.

Was werden Sie vorschlagen, um die Betreuung von Opfern künftig besser zu gewährleisten?

Wenn sich solch ein Vorfall wiederholt, und von der Gefahr müssen wir leider ausgehen, sollte mit dem ersten Eintreffen von Polizei und Rettungskräften sofort und gut sichtbar eine Ansprechstelle geschaffen werden. Nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt irrten Menschen umher, die ihre Angehörigen unter den Trümmern vermuteten. Sie wurden von der Polizei zurückgedrängt, weil ja noch Sprengstoff im Lkw vermutet wurde. Das hat zu verzweifelten Situationen und zusätzlichen Traumata geführt. Der zweite Punkt betrifft die Identifizierung der Toten. In Berlin hat es in manchen Fällen drei Tage gedauert. Stellen Sie sich das einmal vor! 3 Tage, um zu erfahren, ob jemand tot oder lebendig ist. Es muss gelingen, die Ungewissheit für Angehörige möglichst kurz zu halten.

Wird es dauerhaft den Opferbeauftragten geben müssen?

Zumindest sollte dieser Bereich dauerhaft eingerichtet bleiben. Die Mitarbeiter hier sind unglaublich engagiert und fachlich gut. Dazu dann im Fall des Falles jemand von außen – also so einen wie mich - zu berufen, macht Sinn. Ich muss mich nicht an Dienstwege halten und kann ganz unkonventionell in Gesprächen mit Politik, Unternehmen oder Verbänden Hilfe organisieren.

Wie lange bleiben Sie Opferbeauftragter?

Ich will im Dezember meinen Bericht und meine Vorschläge zur Verbesserung der Situation von Opfern solcher Fälle vorlegen. Bis März werde ich in den politischen Gremien darum werben. Dann ist für mich die Aufgabe abgeschlossen und die Hilfen für die betroffenen Menschen sind regulär am Laufen.

Von Thoralf Cleven / RND


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