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Vorbereitungen für den 100. Unabhängigkeitstag Finnlands, aufgenommen vor dem Präsidentenpalast in Helsinki.

Vorbereitungen für den 100. Unabhängigkeitstag Finnlands, aufgenommen vor dem Präsidentenpalast in Helsinki.
 © dpa

100 Jahre Unabhängigkeit

Onnea, Suomi – Herzlichen Glückwunsch, Finnland!

Im Jahr 1917 fand nicht nur die Oktoberrevolution in Russland statt – im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges errang auch eine alte europäische Kulturnation ihre Unabhängigkeit. Am 6. Dezember jährt sich die Selbstständigkeit des nordeuropäischen Landes zum 100. Mal. Onnea, Suomi – Herzlichen Glückwunsch, Finnland!

Helsinki.  Das bis dato zum Russischen Reich gehörige „Großherzogtum Finnland“ erklärte am 6. Dezember 1917 seine Unabhängigkeit. Zunächst als Republik. Doch infolge der Wirren der russischen Revolution und der instabilen Lage im Nordosten des Kontinents brach kurz danach der Finnische Bürgerkrieg aus. An der Seite der monarchistischen „Weißen“ kämpften kaiserlich deutsche Truppen gegen die „Roten“.

Der blutige Zwist gebar eine Kuriosität der europäischen Geschichte: Am 9. Oktober 1918 wurde Friedrich Karl Ludwig Konstantin Landgraf von Hessen, Schwager des deutschen Kaisers Wilhelm II, zum König von Finnland gewählt. Doch schon am 9. November wurde in Deutschland die Republik ausgerufen – und am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet. Erster Weltkrieg und Kaiserreich waren Geschichte – und damit auch die Regentschaft Friedrich Karls, die faktisch nie eine war. Der Hessenprinz verzichtete auf die Krone.

Die Finnen votierten bei den folgenden Wahlen 1919 zu drei Vierteln für republikanische Parteien. Und das Land nahm seine republikanische Verfassung an.

Friedrich Karl Ludwig Konstantin Landgraf von Hessen, König von Finnland

Friedrich Karl Ludwig Konstantin Landgraf von Hessen, König von Finnland

Quelle: iltalehti

 Die Republik Finnland ist seit vielen Jahrzehnten ein Schlüsselfaktor in der weltweiten Diplomatie – vielleicht auch deshalb, weil die geopolitische Lage an der Grenze Russlands schon immer ein höchst vorsichtiges politisches Agieren erforderte. Das „Land der 1000 Seen“, das in Wahrheit 187.888 Gewässer hat, ist nicht nur für diplomatische Vermittlungen bekannt, sondern auch für Design (Iittala, Arabia, Marimekko) und Architektur (Alvar Aalto, Eliel Saarinen), Klassik (Jean Sibelius), Pop (Sunrise Avenue, Leningrad Cowboys), Rock (Michael Monroe) und Literatur (Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää, Mika Waltari, Schöpfer von „Sinuhe dem Ägypter“, Tove Jansson, Mutter der Mumins).

Weitere Fakten zum Jubiläum:

Vorsicht zwischen zwei Fronten

„Das besondere Verhältnis zu Russland hat Finnlands Rolle im internationalen Umfeld stark bestimmt“, sagt Tobias Etzold, der sich als Politikwissenschaftler auf die Ostseeregion spezialisiert hat. Ihre Geschichte habe die Finnen vorsichtig gemacht. Erst standen sie unter russischer Herrschaft. Dann standen sich Finnland und Russland 1939/40 im Winterkrieg gegenüber, den Finnland verlor, aber besser überstand, als viele geglaubt hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg spürte das Land Druck von West wie Ost und wählte einen dritten Weg: Betonte Neutralität, die Experten allerdings als halb-freiwillig bezeichnen.

Heute ist Finnland als einer von wenigen EU-Staaten bewusst kein Mitglied der Nato. Die „Nicht-Bündnis-Politik“ sorge für ein vergleichsweise entspanntes und pragmatisches Verhältnis zu Russland, sagt Etzold. Manchmal allerdings sei Finnland hin- und hergerissen zwischen seiner Zugehörigkeit zu Europa und dem Nachbarn Russland.

Geopolitische Spannungen

Das Jubiläumsjahr fällt in eine Zeit wachsender Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Die völkerrechtswidrige Annektion der Krim und die russischen Militär-Aktivitäten in der Ostseeregion stellen auch die mühsam ausbalancierten Beziehungen zwischen Finnland und Russland auf die Probe. Präsident Sauli Niinistö gibt im aktuellen Wahlkampf wohl auch deshalb Signale für einen Beitritt zur Nato. In der Bevölkerung dagegen sprachen sich in einer aktuellen Umfrage 59 Prozent dagegen aus - vor allem Anhänger der rechtspopulistische Partei „Wahre Finnen“, wie Geopolitik-Experte Anssi Paasi von der Universität Oulu sagt. Man wolle nicht riskieren, Russland zu provozieren, meint Etzold.

Feste feiern

Das unabhängige Finnland feiert heute. Zum abendlichen Unabhängigkeitsempfang im Präsidentenpalast werden sich nach offiziellen Angaben mehrere Tausend geladene Gäste einfinden, um dem Präsidentenpaar die Hände zu schütteln. Auch andere Länder gratulieren. So werden unter anderem das Kolosseum in Rom, die Christusstatue in Rio de Janeiro und die Niagarafälle in den finnischen Nationalfarben weiß und blau beleuchtet. Der finnische Fotokünstler Tuomo Manninen, erster Vertreter seines Landes bei der Biennale in Venedig, hat sich ein besonderes Jubiläumsprojekt ausgedacht. Um 17 Uhr werden 100 Finnen weltweit das überaus populäre Kirchenlied “Maa on niin kaunis” („Das Land ist so schön“) anstimmen. Hier der Trailer:

Handelspartner Russland

Die Beziehung zum großen Nachbarn Russland ist trotz der Spannungen ambivalent. Wirtschaftlich sind die Länder eng verknüpft, Russland ist Finnlands fünftgrößter Handelspartner. „Wir sind zwei unabhängige Nationen, also bitten wir nicht um Erlaubnis, wenn wir Handel treiben oder strategische Entscheidungen treffen“, zitierte die dänische Nachrichtenagentur Ritzau kürzlich Außenminister Timo Soini. Der Handel mit Russland ist auch deshalb wichtig, weil Finnland erneut mit wirtschaftlicher Schwäche kämpft. Eine beispiellose Rezession hatte das Land bereits in den frühen 90er-Jahren erlebt. Aktuell ist die Staatsverschuldung wieder auf mehr als 60 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen.

Bevölkerung

In 100 Jahren hat sich die finnische Bevölkerung laut Statistikamt fast verdoppelt: von 3,1 Millionen Menschen 1917 auf jetzt rund 5,5 Millionen. Trotz nordischer Gemütlichkeit und langen Winternächten ist die Geburtenrate allerdings nicht gestiegen. Aktuell ist sie so niedrig wie seit 1973 nicht mehr. Die Zahl der Todesfälle übersteigt die der Geburten. Dass Finnlands Bevölkerung trotzdem wächst, verdankt das Land Einwanderern.

Einsamkeit

Finnland ist eines der am dünnsten besiedelten Länder Europas. Einsamkeit ist weit verbreitet – und aus Sicht von Experten eine Volkskrankheit. Fast jeder Elfte sei betroffen, berichtete der finnische Rundfunk. Neu sei, sagte Einsamkeitsforscher Peter Strang dem Sender, dass sich vermehrt junge Erwachsene einsam fühlten. Das könne sogar körperliche Schmerzen verursachen.

Tanzen

Der populärste Tanz in Finnland ist – ja, wirklich, Tango! Allerdings ist der finnische Tango weniger Ausdruck von erotischer Passion als vielmehr von Melancholie zu Zweit. Zum größten Tangofestival nach Seinäjoki kommen jährlich Zehntausende.

Alkohol und Kaffee

Ihre Einsamkeit bekämpfen die Finnen offenkundig auch mit Koffein. In keinem Land trinkt man so viel Kaffee. Laut Internationaler Kaffee- Organisation verbraucht ein Finne im Schnitt 12,2 Kilo Kaffeepulver im Jahr, 24 Packungen. Beim Alkohol dagegen halten sie sich trotz dunkler Winter zurück: Mit durchschnittlich 10,9 Litern purem Alkohol pro Kopf trinken sie laut WHO weniger als die Deutschen.

Bildung

Das finnische Schulsystem mit seinen modernen Ganztags-Gesamtschulen ist spätestens seit den Pisa-Tests 2000 berühmt. Ihren deutschen Altersgenossen waren die finnischen Schülern beim Lesen, in Mathe und Naturwissenschaften rund zwei Schuljahre voraus. Viele haben seitdem versucht, das finnische Modell zu kopieren - obwohl spätere Pisa-Ergebnisse lange nicht mehr so rekordverdächtig waren.

Sprache

Die finnische Sprache ist ein Exot in Europa: Sie gehört mit Estnisch und Ungarisch zur Gruppe der finnougrischen Sprachen. Finnisch ist eine der ältesten Sprachen auf dem Kontinent. Die Trennung in den finnischen und ugrischen (ungarischen) Zweig erfolgte etwa 3500 Jahre vor Christi Geburt. Das Sprachbild ist geprägt von doppelten Buchstaben und langen Ketten aus Umlauten. „Hyvää päivää“ beispielsweise heißt „Guten Tag“. Hinzu kommen 16 Fälle. Finnisch gilt als eine der schwierigsten Sprachen der Welt. Allerdings bestehen rund 90 Prozent der Begriffe, auch wenn es nicht so anmutet, aus Lehnworten – meist aus dem Schwedischen, Deutschen und Russischen. Zur Not kommt man im Lande auch mit Schwedisch klar, das wegen der großen schwedischsprachigen Minderheit (Finnländer) ebenfalls Amtssprache ist.

Nationalsport – Eis und heiß

Was für die Deutschen der Fußball ist für die Finnen Eishockey. Weltmeister waren die Finnen jedoch zuletzt 2011. Besonders dürfte sie ärgern, dass die Nachbarn Schweden und Russland seitdem stärker sind. Noch lieber als aufs Eis gehen die Finnen allerdings in die Sauna. Anders als die Deutschen kennen sie dabei keine Regeln. Man schwitzt so lange, wie es guttut, und nimmt schon mal ein Bierchen mit „auf die Bretter“. Oder grillt eine „Sauna makkara“, eine Sauna-Wurst auf den heißen Steinen des Sauna-Ofens. Nur eines geht nicht: Geschlechtergemischt setzen sich die Finnen nur in der Kernfamilie in den Schwitzkasten.

... und die verrückten Finnen

Die Finnen messen sich in den seltsamsten Dingen – was ihnen einen gewissen Ruf eingebracht hat. Es gibt Weltmeisterschaften im Luftgitarre-Spielen, im Beerenpflücken und im Frauen-Tragen. Man reitet Steckenpferde und wirft alte Nokia-Handys so weit man kann. Die Wettbewerbe im Mückenklatschen und „auf einem Ameisenhaufen sitzen“ gibt es nicht mehr. Auch die Sauna-WM wurde 2010 abgeschafft, nachdem ein russischer Kandidat zu Tode gekommen war.

Von RND/dpa/Daniel Killy


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